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Simon Ammann : Von Luft und Liebe

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Der beste Skispringer der Welt - und der lockerste: Simon Ammann vom Bauernhof in Toggenburg Bild: AFP

Bei der WM im Skifliegen kann sich von heute an das unglaubliche Jahr des Simon Ammann vollenden. Planica kann den Schlusspunkt setzen für den Skispringer, der von sich sagt: „Bei den Olympischen Spielen war ich perfekt.“

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          Einen Spaß will er sich machen, dieser Simon Ammann, am liebsten immer und überall, „Schabernack“ nennt er es, und vielleicht ist diese Lockerheit das wahre Geheimnis seines Erfolgs. Die Lockerheit, wenn er zwischen den beiden Olympia-Wettkämpfen von Whistler einfach einen Tag Ski fahren geht, die „Bretter ordentlich laufen lässt“ und das Gefühl hat, „dass mir das hilft, die innere Balance zu halten“.

          Wenn er mit einem kanadischen Polizisten die Mützen tauscht und dann cool mit der des Ordnungshüters im Langlaufstadion an der Sicherheitskontrolle vorbeimarschiert. Oder wenn er diese riesige Sonnenbrille aufsetzt als sein neues, fröhliches Markenzeichen. Einen Moment, sagt er, habe er sogar daran gedacht, den silbernen Mantel von Salt Lake City nach Vancouver einfliegen zu lassen.

          Aber er ist nicht mehr der Harry Potter, der vor acht Jahren wie ein Zauberlehrling auftauchte und zwei olympische Goldmedaillen im Skispringen gewann. Er ist ein mittlerweile 28 Jahre alter akribischer Arbeiter, einer, der kaum etwas dem Zufall überlässt, der mit wissenschaftlicher Hilfe das Beste aus sich und seinem Material herausholen will, dem kein Training zu viel ist. Die Erlebnisse freilich „müssen mehrheitlich gut sein“, sagt er.

          In der Spur: Seit Ammann den neuen Bindungsstift verwendet, ist er unbesiegt
          In der Spur: Seit Ammann den neuen Bindungsstift verwendet, ist er unbesiegt : Bild: REUTERS

          Sie sind es, waren es selbst in Zeiten der Niederlagen. Als er nach dem Triumph von Salt Lake City 2002 in eine sportliche Krise geriet, aus der er erst 2007 mit dem Weltmeistertitel auftauchte, blieb er verschont von Häme oder harter Kritik - wohl auch, weil dieser Simon Ammann nie abgehoben hatte. „Ich muss nicht vom hohen Ross fallen, um vernünftig zu sein.“ Seine Herkunft von einem Bauernhof ist ihm sehr wichtig, in der kleinen Gemeinde Unterwasser im Feriengebiet Toggenburg im Kanton St. Gallen fühlt er sich aufgehoben. „Ich wusste, ich kann nie tiefer fallen, als dort wieder hinzukommen“, sagt er. Wichtig sei ihm, „auch als Sportlegende der gleiche Simon Ammann zu bleiben, der ich vorher war“: der mit einem trockenen Humor und der ruhigen Art, die er sich und allen seinen Schweizer Landsleuten zuschreibt.

          Ein sensibler Ckarakter, der gern über Emotionen spricht

          Er sei sensibel, sagt Ammann von sich - mit viel Gefühl auch und vor allem für seinen Sport, und mit einem ausgeprägten Gleichgewichtsgefühl. „Ich bin wohl ein Talent.“ Doch er hat eine Menge dafür getan, dass aus dem Talent wurde, was er sich immer gewünscht hat: der beste Skispringer der Welt. Selbst aus der Tatsache, dass er schlecht sieht, zog er Profit. Lange sprang er ohne Brille, musste sich deshalb „herantasten“ an die Sprünge, heranfühlen und so dieses besondere Gespür für Luft entwickeln.

          Im vergangenen Sommer wurde die Beziehung zu seinem Element noch intensiver: Ammann machte den Fallschirmspringerschein. So ganz natürlich fühle er sich in der Luft, „wie ein Fisch im Wasser“. Ammann spricht gern über Emotionen - ein gelungener Sprung sei, „wie frisch verliebt“ zu sein -, und er täuscht keine falsche Bescheidenheit vor. „Ich denke, bei diesen Olympischen Spielen war ich ein perfekter Skispringer.“

          Der Bindungsstift

          Früher habe er vielleicht zu wenig trainiert, sagt er - er hat viel nachgeholt. Im vergangenen Sommer tankte er Kraft und Kondition, als er auf dem Fahrrad, mit Inlineskates und zu Fuß mit seinem Mannschaftskollegen und Freund Andreas Küttel von Einsiedeln nach Engelberg unterwegs war - inklusive eines Bades im 14 Grad kalten Wasser des Vierwaldstättersees. Einen großen Anteil am Erfolg schreibt er Werner Schuster zu, der 2007 für ein Jahr Trainer in der Schweiz war. Der Österreicher vermittelte den beiden Weltklassespringern Ammann und Küttel eine neue Denkweise, vor allem zum Thema Material.

          Im vergangenen Frühjahr begann die Testphase einer Neuerung, die bei den Olympischen Winterspielen von Vancouver für Aufsehen sorgte und mittlerweile von vielen Springern nachgeahmt wird. Ein Basler Unternehmen der Medizintechnik entwickelte den gebogenen Bindungsstift - nicht aus Aluminium, sondern einer Metalllegierung, die Temperaturschwankungen widersteht -, der es dem Springer ermöglicht, die Ski planer in den Wind zu stellen und damit mehr Auftriebsfläche zu erhalten. Seit Ammann damit springt - zum ersten Mal Anfang Februar in Klingenthal - ist er unbesiegt.

          Schlusspunkt Planica

          Wie er sich dabei fühlt, wissen ein paar Menschen ganz genau. Auf Initiative des Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann, der ihn seit Jahren betreut, trägt Ammann seit November einen nur zehn Gramm schweren Sender bei jedem Sprung in Training und Wettkampf auf der Brust. So verfolgen zwei Doktoranden der ETH Zürich seine Herzaktivität und Bewegungsmuster. An diesem Wochenende werden sie noch einmal neue Erkenntnisse gewinnen. Bei der Weltmeisterschaft im Skifliegen auf der größten Schanze der Welt in Planica kann sich das unglaubliche Jahr des Simon Ammann vollenden, das ihm zwei olympische Goldmedaillen gebracht hat, elf Erfolge im Weltcup - davon sieben in den letzten sieben Springen - und die große Kristallkugel für den Gesamtsieg.

          Aber Skifliegen ist auch für Ammann Stress, ein so weiter Sprung, sagt er, könne den Springer in Schock versetzen. Sein Wille, mit dem er die Erfolge begründet, wird ihm aber wieder helfen. Und die Erkenntnis, dass für einen Simon Ammann doch alles eigentlich leicht und locker geht. „Ich habe alles aus dem Kopf gesteuert“, sagt er über die letzten Siege, „der Körper konnte gar nicht anders, als genau das zu tun, was ich sagte.“

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