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Vierschanzentournee : Traumstart für Freund in Oberstdorf

  • -Aktualisiert am

Glänzende Aussichten: Severin Freund siegt zum Auftakt der Vierschanzentournee. Bild: dpa

Was für ein Auftakt in die Vierschanzentournee! Severin Freund macht es wie einst Sven Hannawald und holt den Sieg beim ersten Springen in Oberstdorf. Der Aufwand im Vorfeld macht sich bezahlt.

          3 Min.

          Übung macht den Meister. Davon ist Werner Schuster überzeugt. Der Bundestrainer der deutschen Skispringer hat in der Vorbereitung auf die Vierschanzentournee diesmal eine Gewissenhaftigkeit an den Tag gelegt, die allen Beteiligten früh in der Saison demonstrierte, dass sich die von ihm betreute Auswahl in diesem Winter besonders viel vorgenommen hat. Schon während des Sommertrainingslagers machte sich die Equipe des Deutschen Skiverbandes (DSV) mit den Eigenheiten, die diese Prestigeveranstaltung rund um Silvester traditionell mit sich bringt, vertraut – und überließ bei ihrer Einstimmung nichts dem Zufall.

          So wurde vorab der Ernstfall simuliert, inklusive Anreisestress, Übernachtung in den jeweiligen Etappenhotels, Übungseinheiten und Qualifikationswettbewerben an den einzelnen Wettkampfstätten. Der Aufwand machte sich am Dienstag, zumindest fürs Erste, bezahlt: Severin Freund landete beim Auftakt in Oberstdorf sogleich ganz oben auf dem Podium. Mit Sprüngen von 126 und 137,5 Metern (307,2 Punkte) setzte sich der Münchner vor dem Österreicher Michael Hayböck (130 und 139 Meter, 304,2) und dem als großen Favoriten gehandelten Slowenen Peter Prevc (129,5 und 130, 299,9) durch.

          Freund wendete dabei im zweiten Durchgang das Blatt, nachdem er als Fünfter in den Showdown bei Flutlicht gegangen war. Es sei „brutal gut gelaufen“, kommentierte der Gewinner seine Leistung im Anschluss, wobei er so sportlich-fair war, im gleichen Atemzug Mitgefühl mit den vom ihm abgehängten Mitbewerbern aufzubringen. Als Freund abhob, trug ihn auch ein „Hauch von vorne“ ans gewünschte Ziel, während mancher der Kollegen einen „Hauch von hinten“ auf den Ski verspürt habe, wie er es formulierte. „Das macht schon einen erheblichen Unterschied“, räumte Freund ein, der sich, bejubelt von 25.500 Zuschauern, über den 21. Einzel-Triumph seiner Karriere freute.

          Es war zugleich der erste deutsche Coup in Oberstdorf nach 14 Jahren Unterbrechung (Sven Hannawald, 2001). „Ich freue mich wahnsinnig. Das ist ein wunderschöner Moment“, sagte Freund. Zu Schusters Wohlbehagen trug auch bei, dass neben dem Top-Mann noch ein Quartett seiner Akteure mit seinem Abschneiden zufrieden sein konnte: Richard Freitag (Aue) wurde 9., Andreas Wank (Hinterzarten) 13., Stephan Leyhe (Willingen) 14. und Andreas Wellinger (Ruhpolding) 15. - für Schuster ein vorzeigbares Gemeinschaftswerk, das ihn an diesem Mittwoch zuversichtlich zum Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen aufbrechen ließ.

          Insbesondere für Freund war das Happy End beim Debüt der ersehnte Befreiungsschlag. Der Siebenundzwanzigjährige ist Weltmeister geworden, holte den Gesamtweltcup und triumphierte (mit dem Team) bei Olympia in Sotschi. Nur mit der Tournee hat er eine Rechnung offen, die er nun in seinem Sinne endlich zu begleichen hofft.

          Zuletzt war es bei dieser komplizierten Etappenprüfung mit Endstation am 6. Januar im österreichischen Ort Bischofshofen nie nach Wunsch für den Bayern gelaufen; mal spielten ihm seine Nerven einen Streich, dann haderte er mit seiner Technik, oder der Einfluss des Wetters machte die Mühen seiner Vorbereitung mit einer unabsehbaren Luftbewegung zunichte. 2014 war er zu Beginn im Allgäu lediglich Dreizehnter geworden.

          Ja, ist das denn zu glauben: Freund springt zum Sieg in Oberstdorf. Bilderstrecke

          Diesmal deutete sich schon im Training in Oberstdorf, wo keiner der Teilnehmer die Tournee gewinnen, aber sie sehr wohl bereits früh verlieren kann, an, dass Freunds Flugsystem durch das gestiegene Selbstbewusstsein, das auch die Anfangserfolge der aktuellen Weltcup-Serie mit sich brachten, noch eine Spur tragfähiger geworden ist. Er musste in der Qualifikation lediglich dem bis dahin überragenden Prevc den Vortritt lassen und ging als Zweitplazierter in sein K.-o.-Duell mit dem Polen Piotr Zyla; diesen Zweikampf bestand er souverän, und er zog ohne Schwierigkeiten, aber auch ohne zu glänzen, ins Finale ein, in dem er dann seine Aufholjagd krönte.

          An Mutmaßungen, was sein Sieg für die kommenden Herausforderungen bedeuten könne, wollte sich Freund unmittelbar nach der ersten Siegerehrung nicht beteiligen. „Es ist erst ein kleiner Teil vorbei“, sagte er nach der Ouvertüre in Oberstdorf, die, gemessen an manchen vorherigen Springen, in dieser Saison verlässlicher verlief, wenngleich sich alle Protagonisten auf wechselhafte Wetterbedingungen einzustellen hatten. „Erst ging es drei Luken runter, dann wieder hoch. Es war ziemlich hektisch“, berichtete Freund, während Andreas Wank, ein Routinier des DSV-Teams, sich pragmatisch äußerte: „Wir sind nun mal eine Freiluftsportart.“

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          Unkalkulierbare Böen, die das Reglement über Gebühr hätten beeinflussen können, spielten aufgrund der am Schattenberg erstmals eingesetzten Fangnetze jedenfalls keine übermäßig große Rolle. Und so wurde es für Freund nach zweistündigem Hoffen und Bangen ein gelungener Feier-Abend, an dem in Oberstdorf zumindest für ihn im entscheidenden Augenblick kein störendes Lüftchen wehte - und der dem deutschen Team Leader genau das mit auf den Weg gab, was er sich am Dienstag nicht gewünscht, aber für den weiteren Verlauf der Tournee zum Start erträumt hatte: eine Extraportion Rückenwind.

          Das 1. Springen der Vierschanzentournee in Oberstdorf:

          1. Severin Freund (Rastbüchl) 307,2 Pkt. (126,0/137,5 Meter);
          2. Michael Hayböck (Österreich) 304,2 (130,0/139,0);
          3. Peter Prevc (Slowenien) 299,9 (129,5/130,0);
          4. Anders Fannemel (Norwegen) 295,8 (130,5/129,0);
          5. Noriaki Kasai (Japan) 290,6 (127,0/133,5);
          6. Kenneth Gangnes (Norwegen) 288,6 (129,0/135,5);
          7. Stefan Kraft (Österreich) 287,7 (130,0/127,5);
          8. Johann Forfang (Norwegen) 278,8 (121,5/127,0);
          9. Richard Freitag (Aue) 276,5 (121,0/130,0);
          10. Daniel-André Tande (Norwegen) 273,9 (133,0/119,0);

          ...13. Andreas Wank (Hinterzarten) 264,5 (120,5/130,5);
          14. Stephan Leyhe (Willingen) 263,5 (118,5/129,0);
          15. Andreas Wellinger (Ruhpolding) 261,0 (118,5/130,0);
          19. Michael Neumayer (Oberstdorf) 249,5 (123,0/123,0);
          26. Karl Geiger (Oberstdorf) 238,6 (119,0/120,0);
          29. Pius Paschke (Kiefersfelden) 231,5 (112,5/118,0);
          36. Marinus Kraus (Oberaudorf) 115,5 (115,5);
          41. Markus Eisenbichler (Siegsdorf) 108,2 (113,5)

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