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Streif-Sieger Ferstl senior : „Wir hatten Strohballen und einen Lattenzaun“

  • Aktualisiert am

Sepp Ferstl 1979 in Aktion: „Wenn du gestürzt bist, hast du es wirklich auf die Knochen bekommen“ Bild: Picture-Alliance

Nach Sepp Ferstl 1979 hat kein deutscher Skirennläufer mehr das berühmte Hahnenkamm-Rennen gewonnen. Sein Sohn Josef schaffte mittlerweile der Sprung in die erweiterte Elite der Abfahrtsläufer. Streif-Sieger Ferstl über das „wahnsinnige“ Abfahrtsrennen in Kitzbühel und den Start seines Sohnes.

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          Mit welchem Gefühl schauen Sie sich die Fahrten Ihres Sohnes Josef hier in Kitzbühel an?

          Man ist halt froh, wenn er wieder gesund unten ist.

          Haben Sie Angst?

          Als er das erste Mal im Weltcup gestartet ist, hatte ich Angst, das ist ja normal. Aber mittlerweile geht es. Obwohl: Das Rennen hier in Kitzbühel schaue ich mir nicht an. Ich werde am Start dabei sein und ihn noch mal anfeuern. Er weiß schon, was er zu tun hat.

          Ihre beiden Siege liegen 37 und 36 Jahre zurück. Wie hat sich die Abfahrt hier verändert?

          Heute gibt es A-, B- und C-Netze, wir hatten nur Strohballen und einen Lattenzaun, der einen Meter hoch war. Wenn du gestürzt bist, bist du schon mal über den gefallen. Außerdem gab es damals keinen Kunstschnee. Da kam dann jede Bodenwelle zum Vorschein und es war oft brutal schlagig. Die Pistenpräparierung ist zudem viel anspruchsvoller geworden und das Material besser. Das Tempo ist deshalb viel höher. Heute fährt der 40. des Trainings ungefähr so schnell wie ich damals bei meinen Siegen. Das Einzige, was wir damals schon hatten, war ein Helm, aber keinen Rückenprotektor. Wenn du gestürzt bist, hast du es wirklich auf die Knochen bekommen.

          Der Mythos ist der gleiche geblieben. Können Sie den erklären?

          Ich finde, jeder muss diese Abfahrt erst besiegen, dann weiß er, was der Mythos Streif bedeutet.

          Josef Ferstl auf der Streif: Man ist halt froh, wenn er wieder gesund unten ist.

          Sie waren 23 Jahre alt bei Ihrem ersten Sieg. Ihr Sohn kämpft mit 26 darum, sich in der absoluten Weltelite zu etablieren. Warum ist es heutzutage schwerer, ganz vorne mitzumischen?

          Durch das neue Material ist alles schneller und anspruchsvoller geworden. Deshalb dauert es länger, bis man die Athleten überhaupt im Weltcup starten lässt. Sie brauchen aber viel Erfahrung, um auf den Abfahrten zu wissen, wo sie etwas riskieren können und wo nicht. Aber bei einigen Rennen im Weltcup gibt es nur einen Trainingslauf. Wir hatten immer mindestens zwei oder auch drei. Bevor ich das erste Rennen hier in Kitzbühel fuhr, war ich schon sechsmal die Streif im Training runtergefahren.

          Dafür sind die Skirennläufer heutzutage athletischer und besser austrainiert ...

          Wir waren körperlich auch sehr gut beieinander. Allerdings haben wir zum Teil falsch trainiert, das heißt, es ging bis zum Umfallen. Wir haben uns schon im Training verausgabt und waren deshalb fertig, bevor wir überhaupt mit den Skiern auf die Streif gegangen sind.

          So schlimm kann es nicht gewesen sein. Schließlich heißt es, dass die Abfahrtsläufer dafür früher in Kitzbühel auch abseits der Skipiste gute Kondition bewiesen haben – beim Feiern am Abend. Oder ist das nur eine Mär?

          Nein, das ist schon richtig. Wir waren nach dem Training und dem Rennen am Abend gut unterwegs, in der Tenne oder beim Five o’Clock Tea. Es war ein richtiges Erlebnis, als ich 1973 zum ersten Mal hier in Kitzbühel dabei war. Ich war dann mit all den Großen aus unserer Mannschaft wie Christian Neureuther oder Max Rieger unterwegs. Allerdings waren die in der Tenne die Kings, und ich bin als Neuer natürlich nur so mitgelaufen. Aber wir sind alle am nächsten Tag früh aufgestanden und haben gleich wieder Gas gegeben. Heutzutage ist das anders. Da sieht man von den Athleten keinen mehr am Abend.

          Holt sich Ihr Sohn eigentlich Tipps von Ihnen? Sie waren ja immerhin sein erster Trainer und haben ihn bis vor ein paar Jahren noch betreut.

          Große Streif-Züge: Sepp Ferstl senior 1980: „Heute fährt der 40. des Trainings ungefähr so schnell wie ich damals bei meinen Siegen“

          Wir reden schon mal übers Skifahren, aber ganz allgemein. Sonst mische ich mich nicht ein. Er hat seine Trainer, da will ich keinen Keil reintreiben. Mathias Berthold (der Cheftrainer, d. Red.) ist ebenso ein super Mann wie der Abfahrtstrainer Schwaiger. Mit denen ist er das ganze Jahr unterwegs. Da bringt es nichts, wenn ich meinen Senf dazugebe. Ich halt mich da raus.

          Sie galten einst als Draufgänger, der kein Risiko scheute. Ihr Sohn ist ein bisschen ein anderer Abfahrtstyp. Er wirkt überlegter, etwas zurückhaltender und schafft es nicht immer, das Limit auszureizen.

          Der kommt halt eher nach der Mutter. Aber ich bin sicher, dass er sich schon in die richtige Richtung entwickelt. Die guten Abfahrer sind doch alle schon um die 30 Jahre. Und er hatte es in seiner Laufbahn bisher nicht leicht. Das begann schon damit, dass er am 29. Dezember geboren ist und damit in seinem Jahrgang immer der Jüngste war.

          „Jeder muss diese Abfahrt erst besiegen, dann weiß er, was der Mythos Streif bedeutet.“

          Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Bürde des Namens? Felix Neureuther hatte damit lange Jahre sehr zu kämpfen.

          Das ist auch bei meinem Sohn ein Problem. Das ist auch der Grund, warum ich mich raushalte und zu seinen Ergebnissen in der Öffentlichkeit nicht viel sage. Er muss seine Sache selbst machen. Da kann ich ihm nicht helfen.

          Welchen Stellenwert hat ein Abfahrtssieg auf der „Streif“ im Vergleich mit Goldmedaillen bei einer WM oder bei Olympia?

          Streif-Sieger zu werden ist ein Wahnsinn. Ich sehe es doch. Bei mir ist es jetzt 36 Jahre her und noch immer fragen mich die Leute danach. Klar, es liegt auch daran, dass ich der einzige noch lebende Streif-Sieger aus Deutschland bin. Der Olympiasieg ist natürlich schon viel wert, aber als Streifsieger bist du mindestens einmal im Jahr im Gespräch.

          Als Streif-Sieger bekommen Sie jedes Jahr ein Ticket fürs Hahnenkammrennen vom Veranstalter. Haben Sie diese Einladung auch angenommen, als Ihr Sohn noch nicht hier gestartet ist?

          Ich bin immer gerne hier, es ist einfach super. Deshalb habe ich in Kitzbühel noch kein Abfahrtsrennen verpasst. Ich glaube sogar, die können hier ohne mich gar nicht fahren.

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