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Schumachers Unfall : Wie gefährlich ist Skifahren?

  • Aktualisiert am

Riskanter Sport oder Freizeitvergnügen? Bild: dpa

Der tragische Unfall von Michael Schumacher lässt einmal mehr die Frage aufkommen, wie riskant der Skisport eigentlich ist. Laut Statistik passieren die meisten Unfälle erstaunlicherweise, wenn die Pisten leer sind.

          Selten waren mehr Skifahrer unterwegs als in der Saison 2012/2013. Trotz voller Pisten sei das Unfallrisiko im Vergleich zu den Vorjahren aber kaum gestiegen. Wie die Auswertungsstelle für Skiunfälle (ASU) meldet, verletzten sich mit hochgerechnet 41.000 bis 43.000 aber nur geringfügig mehr Deutsche beim Skifahren als in der Vorsaison. Seit Beginn der ASU-Aufzeichnungen in der Saison 1979/80 seien die Unfallzahlen um mehr als 58 Prozent zurückgegangen.

          Laut den Regeln des Internationalen Skiverbandes hat sich jeder Skifahrer so zu verhalten, dass er die anderen „nicht gefährdet oder schädigt“. Die Geschwindigkeit sei dem Können der Fahrer sowie den Bedingungen der Piste anzupassen. Die meisten Unfälle passieren allerdings, wenn die Pisten leer sind. Das Gefühl „freie Fahrt“ zu haben, verleite die Fahrer zu höherer Geschwindigkeit. Mehr Menschen auf den Pisten hätten eher den gegenteiligen Effekt: es wird mehr Rücksicht auf anderer Fahrer genommen.

          Michael Schumachers Skiunfall belegt in gewisser Weise eine Tendenz: Sportunfälle haben Verkehrsunfälle als Hauptursache für Schädel-Hirn-Traumata abgelöst, sagt der Frankfurter Neurochirurg Andreas Pingel. Er ist Leitender Arzt des Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie und Neurotraumatologie an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) in Frankfurt. Dort werden jährlich rund 2000 Patienten mit einem Schädel-Hirn-Trauma behandelt, 400 bis 600 davon in etwa so schwer wie bei Schumacher. Dennoch, so meldet der ASU, sei gerade die Zahl der Kopfverletzungen gesunken. In der Saison 2012/2013 betrafen 7,2 Prozent aller Verletzungen den Kopf, in der Vorsaison waren es knapp 9 Prozent. 

          Immer mehr Skifahrer tragen freiwillig einen Helm. Nach Angaben des Deutschen Skiverbandes (DAV) sind inzwischen rund 80 Prozent mit Kopfschutz unterwegs. Verbreitet sind zunehmend auch Rückenprotektoren, die die Wirbelsäule vor Verletzungen schützen sollen.

          Die meisten Ski-Verletzungen ereignen sich am Knie und im Schulterbereich. Insbesondere das Knie ist bei Abfahrten enormen Belastungen ausgesetzt. Dabei machen sich Verletzungen am größten und empfindlichsten Gelenk des Körpers häufig nicht sofort bemerkbar. Ein feiner Riss im Meniskus etwa sorgt häufig erst Tage später für plötzliche Beschwerden. Besonders Frauen sind für Knieverletzungen extrem anfällig. Mehr als 40 Prozent aller Verletzungen bei Skifahrerinnen betrafen 2012/2013 den Kniebereich.

          Verletzungen beim Ski sind langwieriger und teurer

          Zwar ist das Verletzungsrisiko für Skifahrer statistisch gesehen nicht höher als für andere Freizeitsportarten. Allerdings sind Verletzungen beim Skifahren in der Regel langwieriger und teurer. Während es etwa bei Ballsportarten häufig zu Muskelzerrungen kommt, ziehen sich Skifahrer nicht selten komplizierte Knochenbrüche zu, deren Behandlung mit höheren Therapie- und Rehabilitationskosten verbunden ist.  

          Besonders häufig unterschätzt wird auch die eigene Sehfähigkeit. Mehr als 30 Prozent aller fehlsichtigen Abfahrtsläufer gehen internationalen Studien zufolge lieber ohne Sehhilfen auf die Piste. Brillenträger etwa verzichten demnach beim Skifahren oft auf ihr Gestell aus Angst, es könnte kaputt oder verloren gehen. Auch mangelndes Aufwärmen führt zu solchen Seh- und Wahrnehmungsfehlern. Denn nicht nur die Muskulatur wird durch Stretching und langsames Einfahren für die nächste Abfahrt vorbereitet, auch die Sauerstoffversorgung des Sehzentrums im Gehirn wird auf diese Weise in Schwung gebracht.

          Rund 2000 Patienten mit einem Schädel-Hirn-Trauma werden im Jahr in der Frankfurter Unfallklinik (BGU) behandelt. 400 bis 600 davon sind so schwer wie die Verletzungen, die Michael Schumacher davongetragen hat. Von den schweren Fällen stirbt fast jeder Dritte, sagt der Frankfurter Neurochirurg Andreas Pingel im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Auch nach Tagen könne sich der Zustand noch verschlechtern. Eine der Hauptursachen: Riskanter Freizeitsport.

          Wie hat sich die Mehrzahl Ihrer Patienten ihr Schädel-Hirn-Trauma zugezogen?

          Die überwiegende Zahl kommt durch Stürze zustande, das sind in der Regel Sportunfälle und häusliche Unfälle, weniger Verkehrsunfälle. Das hat sich ein wenig gewandelt in den letzten Jahrzehnten. Es besteht immer mehr die Neigung, auch Risiken einzugehen im Freizeitsport. Verkehrsunfälle hingegen sind immer weniger gravierend, durch technische Sicherheitsmaßnahmen ist die Verletzungsrate deutlich gesunken.

          Wie sind die Heilungschancen und die Überlebensraten?

          Beim einem schweren Schädel-Hirn-Trauma liegt trotz frühzeitiger und optimaler Behandlung die Streberate bei circa 30 Prozent. Bei mittelschweren Fällen ist die Überlebensrate deutlich besser, sie liegt bei 85 bis 90 Prozent. Bei mittelschweren und schweren Schädel-Hirn-Traumata muss man in der Hälfte der Fälle mit Lähmungen, Funktionseinschränkungen, Behinderungen oder Orientierungsstörungen rechnen.

          Wie sieht typischerweise die Behandlung aus?

          Bei schweren Fällen ist in der Regel eine Akut-Operation nötig. Man muss den Schädel öffnen und Platz schaffen für das geschwollene Hirn. Ergänzend werden Medikamente zur Abschwellung gegeben; die Temperatur des Körpers wird abgesenkt, um das Ausmaß des untergegangenen Hirngewebes zu minimieren. Es ist eine sehr komplexe Behandlung.

          Wie schätzen Sie, so weit das aus der Ferne möglich ist, den Fall Schumacher ein?

          Es hört sich in der Tat nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma an. Man muss weiter bangen, dass sich sein Zustand stabilisiert. Auch nach Tagen ist es noch möglich, dass es zu sekundären Verschlechterungen kommt.

          Andreas Pingel (44) ist Facharzt für Neurochirurgie. Er ist Leitender Arzt des Zentrums für Wirbelsäulenchirurgie und Neurotraumatologie an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) in Frankfurt.

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