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Titel bei Vierschanzentournee : Auch Kobayashi im Klub der Grand-Slam-Sieger

Ryoyu Kobayashi hält dem Druck stand und siegt auch in Bischofshofen. Bild: EPA

Welch eine Nervenprüfung! Nach Sven Hannawald und Kamil Stoch gewinnt Ryoyu Kobayashi beim Krimi von Bischofshofen alle Springen einer Vierschanzentournee. Doch auch zwei Deutsche dürfen jubeln.

          3 Min.

          Willkommen im Klub. Ryoyu Kobayashi hat es tatsächlich geschafft. Nach Sven Hannawald und Kamil Stoch ist der Japaner der dritte Skispringer, der die Vierschanzentournee mit Siegen bei allen vier Einzelspringen für sich entschieden hat. In Bischofshofen, der letzten Station dieser traditionsreichen Veranstaltung, sprang Kobayashi vor 15.000 Zuschauern im zweiten Durchgang mit 137,5 Metern an die Spitze, nachdem er zunächst nur Vierter gewesen war. Welch eine Nervenprüfung für den Grand-Slam-Champion: Schon im ersten Durchgang ging es Schlag auf Schlag.

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          Alle 65 vorherigen Springer hatten problemlos ihre Sprünge absolviert. Dann kam Kobayashi – und der Wind. Die Jury unterbrach den Wettkampf, und erst nach knapp fünf Minuten durfte auch der Japaner fliegen. Er landete bei 135 Metern, zwei Meter hinter Eisenbichler, dem Besten dieses ersten Durchgangs, der auch schon die Qualifikation mit 143 Metern für sich entschieden hatte. Der Pole Dawid Kubacki, der in der Qualifikation mit 145 Metern einen neuer Schanzenrekord aufgestellt hatte, lag als Zweiter in Lauerstellung nur 0,2 Punkte hinter dem Deutschen.

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          Sollte Eisenbichler auf der letzten Fliegerschanze dieser Tournee tatsächlich seinen ersten Weltcup gewinnen? Nein. Er landete mit dem letzten Sprung der Tournee, „den ich leider ein bisschen verhaut habe“, bei 131 Metern, und fiel auf den fünften Rang zurück. Platz zwei in der Gesamtwertung mit 1035,9 Punkten – Kobayashi kam durch seine vier Siege auf 1098 Punkte – war ihm aber nicht mehr zu nehmen. Auch der letzte Podestplatz in der Gesamtwertung ging an einen Deutschen. Stephan Leyhe, am Samstag 27 Jahre alt geworden, schaffte mit seinem letzten Sprung 137 Meter und kam in Bischofshofen noch von Platz elf auf Platz vier und verdrängte im Gesamtklassement mit 1014,1 Punkten noch alle anderen Konkurrenten – bis auf Dominator Kobayashi und Eisenbichler.

          „Für die Gesamttournee war es ein tolles Ergebnis“, sagte Bundestrainer Werner Schuster. „Man muss den Hut ziehen, Kobayashi hat es super gemacht. Wir sind leider wieder an einem Überflieger gescheitert.“ Der Überraschungsdritte Leyhe konnte sein Glück kaum fassen. „Ich habe gedacht, das Ding ist durch. Aber es ist sich gut ausgegangen. Definitiv kommt das auf die Autogrammkarte drauf.“ Grand-Slam-Sieger Kobayashi freute sich, „dass Noriaki als Erster zur Gratulation zu mir gekommen ist“. Kasai, die 46 Jahre alte Skisprunglegende, erwies seinem 24 Jahre jüngeren Landsmann im Schanzenauslauf die Reverenz.

          Sie wollten es durchziehen – mit aller Macht. Eine Vierschanzentournee ohne das finale vierte Springen in Bischofshofen? So etwas hat es seit 1956, als wegen Schneemangels in Hallein gesprungen wurde, nicht mehr gegeben. Bei der 67. Tournee-Auflage war lange nicht klar, dass am Dreikönigstag auch wirklich gesprungen werden konnte. Tags zuvor schlug das Wetter Kapriolen wie seit Jahrzehnten nicht mehr im Salzburger Land. Mit der Folge, dass sowohl das Training als auch die Qualifikation abgesagt und auf den Wettkampftag Sonntag verschoben werden mussten. Rund ein Meter Neuschnee, Lawinen-Warnstufe vier: An Skispringen war nicht zu denken. „Unter diesen Bedingungen macht es wenig Sinn. Da wären die Springer dann schon leicht gefährdet“, sagte Schuster.

          Der mit Abstand beste Springer im Feld der 66 Starter: natürlich Kobayashi. Mit der Empfehlung von drei Siegen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck nach Bischofshofen an die tief verschneite Paul-Außerleitner-Schanze gekommen, gab es keinen Zweifel, dass der Gesamtsieg bei diesem deutsch-österreichischen Sprungvergnügen nur über den 22 Jahre alten Künstler aus Fernost führen würde. Überflieger Kobayashi bezeichnet sich selbst als „Neo-Japaner. Ich bin ein etwas verrückter Japaner.“ Einer, der Musik und schnelle Autos liebt – und im Sommer die Grundlage für diesen zauberhaften Winter gelegt hat. Richtig ist nämlich auch: Kobayashi hat nicht nur Videos geschaut, „wie meine Gegner das so machen“. Er selbst hat im Zusammenspiel mit dem früheren finnischen Nationaltrainer Janne Väätäinen zu Hause in Japan auch gezielt an Geschwindigkeit, Technik und Flugsystem gefeilt. „Er ist im Einklang mit dem Material“, sagte Hannawald, der erste Grand-Slam-Sieger, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Kobayashi ist der kleine spitzbübische japanische Springer, der neuen Schwung bringt und der am perfekten Sprung unheimlich nah dran ist. Er ist nur noch einen Wimpernschlag entfernt.“ In dem Maße, in dem Hannawald 2001/2002 ebenso die Tour mit vier Einzelsiegen dominiert hat wie der Pole Stoch zum Jahreswechsel 2017/2018, ist Kobayashi der unumstrittene Dominator dieses Winters. Warum? Wegen seiner extremen Körperstellung zum Ski bietet er der Luft so wenig Widerstand wie kein anderer. Olympiasieger Andreas Wellinger hatte sich über diese Fähigkeit des Japaners schon in Kuusamo anerkennend geäußert: „Unser kleiner Japaner ist geflogen wie ein Blatt Papier.“

          Seitdem Kobayashi von Sieg zu Sieg fliegt steigt auch in seiner japanischen Heimat, in der die Sportart lediglich im Bezahlfernsehen läuft, das Interesse an den Weitenjägern. Skispringen boomt und die Vierschanzentournee allemal. Was Kobayashi in seiner vielversprechenden Karriere noch vor sich hat, das hat Toni Innauer schon geschafft. Er ist zweimaliger Olympiasieger. Vor dem Tourneefinale in Bischofshofen schrieb der Österreicher in einem Beitrag für die Tiroler Tageszeitung über seine große Liebe: „An der Transformationsschwelle zur wetterwendischen Genialität bleibt Skispringen vorläufig noch eine Mischung aus moderner Trainingswissenschaft und Geduld bei der alchimistischen Suche nach dem Stein des Weisen in der dünnen Winterluft.“ Tourneesieger Kobayashi ist dem Stein des Weisen ziemlich nah.

          Vierschanzentournee

          Freund im zweitklassigen COC auf den Rängen sieben und 16

          Der frühere Weltmeister Severin Freund hat nach seinem Aus bei der Vierschanzentournee im zweitklassigen Continental Cup (COC) keine ansteigende Form gezeigt. Der 30-Jährige belegte am Sonntag in den beiden Wettkämpfen im sächsischen Klingenthal die Plätze sieben und 16. Für Freund waren es die ersten Starts im COC seit neun Jahren. Bester Deutscher des ersten Wettbewerbs war Pius Paschke (Kiefersfelden) als Dritter, den zweiten gewann Moritz Baer (Gmund-Dürnbach). Beide Skispringer hatten wie Freund nach den Tournee-Stationen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen die Heimreise antreten müssen, da nur sieben DSV-Adler im Team verbleiben konnten.

          Er werde „versuchen, im Continental Cup an den richtigen Schrauben zu drehen“, hatte Freund vor seiner Abreise aus Garmisch-Partenkirchen bei Facebook geschrieben. Im COC war der Team-Olympiasieger von Sotschi zuletzt im Februar 2010 an den Start gegangen. Für den Nachmittag war in Klingenthal ein weiterer Wettkampf angesetzt. (sid)

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