https://www.faz.net/-gtl-8cf6q

Biathlon-Trainer Ricco Groß : „Die Athleten haben mir versprochen, nicht zu dopen“

Gut gelaunt bei der Arbeit: Biathlon-Trainer Ricco Groß Bild: Imago

Ricco Groß gewann als Biathlet vier olympische Goldmedaillen und neun Weltmeistertitel, seit dieser Saison trainiert er das russische Männerteam. Im Interview spricht er über Verständigungsprobleme, fehlende Anerkennung – und schwarze Doping-Schafe.

          4 Min.

          Könnten Sie so ein Interview auch auf Russisch führen?

          Nein. Ich würde zwar viel verstehen, würde aber auf Deutsch oder Englisch antworten.

          Sie haben es doch in der Schule gelernt.

          Und ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich es mal gebrauchen könnte.

          Aber wie verständigt man sich dann mit der Mannschaft?

          Zum einen habe ich zwei Trainer, die Deutsch sprechen können. Vom Training her ist das überhaupt kein Problem, aber wenn man tiefgreifende Gespräche führen möchte, dann ist das logischerweise schwer. Aber es geht.

          Mit Dolmetscher?

          Eher nicht, weil man da die Persönlichkeitsebene verlässt, wenn ein Dritter dabei ist.

          Am einfachsten ist es, sich in der Muttersprache zu unterhalten. Warum arbeiten Sie nicht mehr in Deutschland?

          Das hat sich auch so ergeben. Die Chance hat sich aufgetan, und die Chance habe ich genutzt.

          Es soll ja viele Angebote gegeben haben. Warum Russland?

          Weil der russische Verband am intensivsten bei mir nachgebohrt hat. Ich bin schon im letzten Winter öfter darauf angesprochen worden, warum ich im IBU-Cup arbeite und nicht im Weltcup. Da hatte ich natürlich wenig Antworten drauf. Dann hieß es, du müsstest doch, du könntest doch.

          Manchmal auch nachdenklich: Ricco Groß an der Biathlon-Strecke

          Warum haben Sie denn im IBU-Cup gearbeitet?

          Das hat sich nach Olympia so ergeben.

          Olympia ist nicht gut gelaufen für die deutsche Frauen-Mannschaft, aber normalerweise übernimmt dann der Cheftrainer die Verantwortung. Gerald Hönig ist immer noch da, Sie sind im IBU-Cup verschwunden. Warum?

          Das war die neue Aufgabenstellung, die ich vom Skiverband bekommen habe. Und ich glaube auch, dass ich in dem Jahr einen guten Job gemacht habe. Das zeigen die Ergebnisse, die dort zustande gekommen sind. Es war eine schöne Saison, und es war ein tolles Lehrjahr.

          Aber nicht das, wovon Sie geträumt haben, oder?

          Das Wichtigste für mich ist, dass ich Trainer bin. Und das war ich zu dem Zeitpunkt.

          Wenn man Angebote aus anderen Ländern bekommt, ist das dann eine Genugtuung?

          Genugtuung würde ich nicht sagen. Aber es ist eine Wertschätzung. Dass andere Nationen sehen, wie sich die Athleten entwickelt haben.

          Heißt das, dass Ihnen die Wertschätzung seitens des DSV gefehlt hat?

          Es geht immer darum, erbrachte Leistungen auch realistisch einzuschätzen. Da gab es teilweise Differenzen. Aber das ist ein abgeschlossenes Kapitel. Jetzt arbeite ich für eine andere Nation - in meinem Traumjob.

          Da ist jetzt aber keine Tür zugegangen?

          Für mich nicht.

          Es wird gerne von der russischen Seele gesprochen: Können Sie die mal beschreiben?

          Ich glaube, das ist eher ein Klischee. Die Schwierigkeit in diesem riesigen Land im Biathlon ist, tatsächlich die sechs Besten für den Weltcup herauszupicken. Als ich im September zum ersten Mal die russischen Meisterschaften mit mehr als 100 Athleten gesehen habe, war ich extrem überrascht. Es ist eine Riesenauswahl, und natürlich schaut man sich erst einmal die bekannten Namen an. Aber dann fällt einem dieser und jener auf. Selbst im IBU-Cup sind lauter gute Jungs.

          Wolfgang Pichler, der bis 2014 die russischen Frauen trainiert hat, hat vom enormen Druck gesprochen. Worin besteht der?

          Wie in Deutschland geht es auch in Russland um Erfolg. Und dann sind erfolgreiche Tage wie hier in Ruhpolding auch wichtig fürs Selbstbewusstsein der Athleten. Damit sie sehen, sie sind wieder wer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schriftsteller Peter Handke

          Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

          Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte über seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

          „Tatsächlich Brexit“ : Boris Johnsons Charme-Offensive

          Mit einem Video, das eine berühmte Szene aus dem Weihnachtsklassiker „Tatsächlich Liebe“ nachstellt, bittet der britische Premierminister Boris Johnson um Wählerstimmen. Es ist überraschend gelungen – und bietet trotzdem unerwünschten Subtext.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.