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Rodler Felix Loch : Eistanz auf der Rasierklinge

  • -Aktualisiert am

Die Düsentriebs des Schlittenbaus: Georg Hackl (links) und Felix Loch Bild: Jürgen Wassmuth

Felix Loch feilt, schraubt und poliert an seinem Rennschlitten bei Tag und Nacht. Für den besten Rodler der Welt geht es um jede Winzigkeit, um jeden Sekundenbruchteil. Beim Tüfteln ist er gut beraten - von Georg Hackl als Daniel Düsentrieb.

          4 Min.

          Ein kleiner Raum im Keller, Werkzeuge an der Wand, Bierkisten auf dem Boden. Felix Loch feilt am Chassis seines Rennschlittens. Nebenan steht Georg Hackl an der Schleifmaschine und lässt die Funken sprühen. In der Werkstatt des deutschen Bob- und Schlittenverbandes in Berchtesgaden herrscht Hochbetrieb, überall wird gefeilt, geschraubt, poliert. Loch, der aktuell beste Rodler der Welt, Weltmeister und Olympiasieger, und Hackl, der dreimalige Olympiasieger, sind ein eingespieltes Team, seit Sommer 2007 arbeiten sie zusammen. Hackl ist einer der Bundestrainer, das ist die offizielle Version, aber eigentlich ist Hackl vor allem Lochs Materialberater, sein Mechaniker, sein Feintuner, sein Daniel Düsentrieb. „Wir schenken uns nichts“, sagt Loch. „Wir wollen aus dem Material alles, was möglich ist, herauskitzeln.“

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Vor ihm ist der Schlitten aufgebockt. Ein massives und doch filigranes Sportgerät, zusammengesetzt aus neun Einzelteilen und ein paar Schrauben und Bolzen. Eigentlich nicht kompliziert von der Mechanik her. Und doch ein Werkstück, das niemals fertig wird, an dem Tag für Tag gefeilt wird. „Es hört nie auf mit der Arbeit“, sagt Loch.

          Das ist Handwerk, das ist Kunst

          Worum geht es bei der Optimierung eines Rennschlittens? Im Prinzip ganz einfach: Es geht darum, Widerstände zu minimieren. Den Luftwiderstand zunächst, und dann den Reibungswiderstand zwischen Laufschienen und Eis, wobei die geometrische Form des Gleitstahls den größten Gestaltungsspielraum bietet. „Da sind wir von den Regeln her völlig frei“, sagt Loch, „da schnitzt sich jeder die Kufen zurecht.“ Das ist Handwerk, und das ist Kunst.

          Während die meisten anderen Teile, die aerodynamischen Grundkomponenten des Schlittens, vom Berliner Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) geliefert werden, bezieht Loch die Stahlschienen für seine vier identischen Schlitten über seinen Sponsor Viessmann, extrem teurer, extrem hochwertiger Stahl, jedes Schienenpaar rund 5000 Euro teuer. Das sind die Rohlinge, aus denen Loch und Hackl die Schienen zaubern. Aber zunächst muss der Stahl gehärtet werden, BMW übernimmt das. „Unsere Laufschienen hängen zusammen mit Nockenwellen von DTM-Rennwagen im Härteofen“, sagt Hackl.

          Ein Teil von mir: Rodel-Weltmeister Felix Loch und sein Schlitten

          Dann geht die Arbeit in der Werkstatt los. Erst mit groben Schleifscheiben, später mit immer feinerem Schleifpapier, Körnung von 120 bis 2000, und am Ende wird nochmal mit Diamantschleifpaste nachpoliert, damit alles glänzt wie ein Spiegel.

          Das war’s? Das war’s noch lange nicht. Nach jedem Training, nach jedem Rennen setzen sich Loch und Hackl zusammen. „Wir sind die Formel 1 für Arme“, sagt Hackl, und wie in der Königsklasse des Motorsports analysieren sie dann Sektorenzeiten, vergleichen sie mit denen der Konkurrenz - und machen sich an die Arbeit an den Gleitschienen, um noch ein paar Sekundenbruchteile herauszuholen. Dann wird hier ein bisschen geschärft, dort ein bisschen weggenommen, hundertstel Millimeter. Der Winkel zum Eis wird verändert, oder auch der Längsbogen, den die Kufe beschreibt. Mit einem flacheren Längsbogen bringt man mehr Fläche aufs Eis, das geht aber auch über einen flacheren Winkel. Loch und Hackl müssen von Bahn zu Bahn die richtige Abstimmung finden, für jedes Wetter, jede Temperatur, jede Eisqualität. Dafür stehen sie in der Werkstatt. Stundenlang, oft bis zehn, elf am Abend. „Es ist tatsächlich wie in der Formel 1“, sagt Loch. „In einem viel kleineren Maß zwar, aber im Endeffekt ist es genau das Gleiche. Auch wir brauchen immer Ideen, immer Ansätze zur Optimierung. Es geht um Winzigkeiten, die etwas verändern. Und diese Winzigkeiten spürt man auf der Bahn.“

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