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Rodeln : Methusalem Hackl reizt die Jungspunde

  • -Aktualisiert am

Vorstartkonzentration: Georg Hackl Bild: AP

Mit links kann der Rodler Georg Hackl nicht mal eine Maß stemmen. Dennoch katapultiert er sich auf der Olympiabahn von Cesana mal wieder ins Rampenlicht.

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          Augen auf! Plötzlich steht der alte Mann wieder ganz vorne: Gestatten, Hackl, Georg, 39 Jahre alt, mit einem lädierten Arm flügellahm auf der linken Seite und doch wieder an der Spitze der deutschen Rennrodler. Da sind ein paar Kollegen aus der Nationalmannschaft beim internen Olympia-Qualifikationsrennen auf der Olympiabahn von Cesana-Pariol am Dienstag wohl kalt erwischt worden, als der Rodelstar mit einer heißen Tour demonstrierte, wie man sich in heiklen Situationen den Weg zum durchaus möglichen Triumph bereitet.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Denn Hackl, nach einer Bandscheibenoperation am Hals und der "Entzündung eines Nervengeflechts" in seiner physischen Leistungsfähigkeit weit zurückgeworfen hinter die kraftstrotzenden Jungspunde und die unverletzten Olympiafavoriten wie den Italiener Armin Zöggeler, katapultierte sich zum rechten Zeitpunkt wieder ins Rampenlicht. "Mit ihm muß man rechnen", sagt Zöggeler.

          Was der geschickte Stratege Hackl zumindest deutschlandweit schon mal bestätigt. "Daß ich mit den deutschen Kollegen mithalten konnte", sagte der Berchtesgadener vor dem Weltcup-Rennen an diesem Sonntag, "macht mich sehr zufrieden." Interessant ist der Umkehrschluß: Wenn Hackl mit links nicht mal eine Maß stemmen kann bei gegenwärtig nur 30 Prozent seiner Maximalkraft, wenn er aber quasi mit links seinen Gegnern aus dem nationalen Lager in der Eisbahn folgt, dann müßte bei den Landsleuten im Kurvengeschlängel etwas schieflaufen. Denn der doppelte Armeinsatz bei der Beschleunigung am Start ist die Voraussetzung für erstklassige Leistungen. Wer oben schon verliert, muß in der Regel im Ziel dafür mit einem vergrößerten Rückstand büßen.

          Vorteile auf der Olympiabahn

          Aber das Glück des Tüchtigen ist Hackl vor seiner möglichen sechsten Olympiateilnahme treu: Die Anschubzeit auf der Olympiabahn ist wegen des steilen Einstiegs nur ein Drittel so lang (2,5 Sekunden) wie etwa beim Start im sächsischen Altenberg (7,5). Statt sechs- oder siebenmal die mit Spikes oder hacklschen Haken (Hackl) gespickten Handschuhe ins Eis zu schlagen, "paddeln" die Rodler in Cesana nur viermal, bevor sie in die schnellste, schwierigste Bahn der Welt stürzen. Hackl verliert auf der Olympiabahn beim Einstieg zwar eine Zehntelsekunde (in Altenberg drei).

          Aber die Konfiguration der Bahn erleichtert ihm die Aufholjagd: "Ganz klar, die Bahn kommt mir entgegen. Sie ist sehr selektiv und lang. Deshalb bin ich in der Lage, während der Fahrt aufzuholen." Dabei bringt ihn die Erfahrung, das Fahrgefühl in kniffligen Passagen auf einem schnellen, aber deshalb instabileren Schlitten weiter. Und so wirkt die ultramoderne Röhre trotz oder gerade wegen der relativ hohen Verletzungsgefahr bei einem Sturz in Kurve 17 wie eine Reverenz an die Methusalems unter den Piloten (Siehe auch: Risikosport Rodeln: Wie eine Flipperkugel).

          "Die Älteren kennen solche Bahnen noch aus der Vergangenheit", sagt Hackls Kronprinz in Deutschland, David Möller, "wir sind aber auf Bahnen groß geworden, wo man es nur laufen lassen mußte. Die Jungen werden also vorsichtiger sein müssen, weil ihnen die Erfahrung fehlt, während Hackl oder Zöggeler mehr Risiken eingehen und trotzdem sicher sind. Das ist eine Augenweide, ihnen zuzuschauen."

          Der entscheidende Schritt zu einer individuellen Vorbereitung auf seine sechste olympische Medaille gelang ihm vor dem Weltcup-Start. Bundestrainer Thomas Schwab verlieh dem Bayern nach dem überraschenden Sieg beim internen Rennen einen "Verletzungsstatus". Nun genießt Hackl alle Freiheiten, wird sich zum Auftrainieren der schlappen Muskulatur ins Berchtesgadener Land zurückziehen und versuchen, seine Startzeit in Königssee von gegenwärtig 3,05 auf 2,97 Sekunden zu senken. Das wären nur acht Hundertstelsekunden. Hackl reißt die Augen auf: "Acht Hundertstel auf drei Sekunden ist sehr, sehr viel."

          Generationenkonflikt im deutschen Team

          Im vergangenen Jahr hätte dem gesunden Meister der Rodeltechnik nach Analyse von Athletik-Trainer Martin Hillebrand schon eine Verbesserung von zwei Hundertsteln beim Start gereicht, um jedes Weltcuprennen gewinnen zu können. Fahren kann er. Und so braucht er nur die Nominierungskriterien des Nationalen Olympischen Komitees, zwei achte Plätze bei Weltcup-Rennen, zu erfüllen, um bei Olympia starten zu dürfen. Doch Hackl winkt ab. Sein persönlicher Eignungstest ist anspruchsvoller als der offizielle: "Wenn ich keine Chance habe, eine Medaille zu gewinnen, dann werde ich nicht fahren. Dann werde ich einem Jüngeren Platz machen, der fitter ist."

          Hackls Ausnahmestellung im doppelten Sinne reizt die Jüngeren. "Es ist ganz schwer, sich an einem dreimaligen Olympiasieger vorbeizuschieben", sagt Möller zum üblichen Generationenkonflikt unter Spitzensportlern innerhalb eines Teams. "Das stößt mir teilweise schon auf." Aber Hackls Mehrwert als Orientierungsfigur und "Fuchs" (Möller) unter den Deutschen erscheint dem Thüringer unverzichtbar. "Es ist sehr schwer, mit drei jungen Sportlern die etablierte Weltspitze zu schlagen. Wenn Hackl dabei ist, dann hat man einen Maßstab, dann weiß man, wo man steht. Das kann für die Jungen Gold wert sein."

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