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Rodel-WM in Winterberg : Steht Lochs großartige Karriere auf der Kippe?

  • -Aktualisiert am

Volle Konzentration: Kämpfernatur Felix Loch will es bei der WM in Winterberg besser machen als zuletzt. Bild: dpa

Bei Olympia 2018 wurde Felix Loch nur Fünfter. Seitdem scheinen sich Athlet und Rennrodel ein bisschen fremd geworden zu sein. Kein Sieg in dieser Saison, das gab es zehn Jahre nicht. Und nun?

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          Vor fast einem Jahr stockte den Olympia-Zuschauern der Atem. Vier Zehntelsekunden Vorsprung nach drei Läufen, Gold in Griffweite. Aber eingangs der Kurve neun im Eiskanal von Pyeongchang leistet sich Felix Loch einen Fehler, der Schlitten stellt sich quer, wie ein bockiges Wildpferd unter dem Rodeoreiter: Fünfter statt Olympiasieger. Seitdem scheinen sich Athlet und Rennrodel ein bisschen fremd geworden zu sein. Kein Sieg in dieser Saison, das gab es zehn Jahre nicht. Neben dem Landsmann Johannes Ludwig haben auch Konkurrenten aus dem Ausland die Nase vorne, sind schneller als der Seriensieger, dekoriert mit zwei Goldmedaillen im Einzel bei Olympia, zwölf Weltmeister-Titeln, fünf EM-Erfolgen und sechs Gesamtsiegen im Weltcup. Hat das Bild von Pyeongchang also eine symbolische Bedeutung, steht die großartige Karriere auf der Kippe?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Felix Loch sitzt in der Lobby des Teamhotels in Winterberg. Er wirkt entspannt kurz vor dem Saisonhöhepunkt, den Weltmeisterschaften an diesem Wochenende im Sauerland mit den Rennen der Männer am Sonntag (1. Lauf ab 11.05 Uhr im ZDF). Den Titel brauchte er nicht für seine Reputation. Aber vielleicht für die „Rettung“ der Saison und für die Seele. „Es macht mir immer noch so viel Freude wie am Anfang, keine Frage“, sagt Loch: „Aber es geht mir nicht ums Dabeisein. Es geht immer ums Siegen.“ Die Augen funkeln, der Bizeps wölbt sich bei einer Armbewegung unter dem Trainingsanzug. Loch, einseinundneunzig lang, 93 Kilogramm schwer, wirkt austrainiert. Seine Startzeiten sind glänzend. Kaum einer katapultiert sich so schnell in die Bahn.

          Aber im Ziel stimmten die Ergebnisse mit dem Bild von Loch zuletzt nicht überein. Er schaffte es als Junior zum Weltmeister, schoss quasi aus dem Jugendzimmer am Königssee in die große Welt des Rennrodelsports, drängte die Ikone, den Hackl Schorsch, an den Rand der Aufmerksamkeit, mischte die Konkurrenz auf. Seit dem „verschenkten“ Gold stimmt etwas nicht zwischen Abfahrt und Ankunft. „Beim Felix sieht man mehr leichte Fehler im Moment“, sagt Norbert Loch im Beisein des Filius. Er spricht nicht wie ein Vater, streng oder besorgt. Er spricht wie ein Trainer bei der Analyse eines Laufs. Nüchtern.

          Loch senior ist als Chefcoach der Vater des Erfolges aller deutscher Rennrodler. „Bei den Männern tun wir uns gegenwärtig etwas schwer“, sagt Loch. Vor allem Loch junior – gemessen an seinem eigenen Anspruch. Ein zweiter Rang in dieser Weltcup-Saison als sein bislang bestes Resultat. Das spricht für die Nähe zur Weltspitze, aber auch für die Distanz, die im Fall Loch entstanden ist. Woran das liegt? „Ich habe das Fahren nicht verlernt.“ Was Rang zwei im mehr oder weniger bedeutungslosen Sprint-Wettbewerb am Freitag belegt. Nach so vielen Fahrten mit bis zu 130 Kilometern pro Stunde auf den schwierigsten Bahnen der Welt, unter schwierigsten Bedingungen ist Loch auch nicht das Nervenflattern gekommen. Er lacht. Was ist es also? „Die Leistungdichte“, sagt der Vater, „hat zugenommen.“

          Rennrodler sind, Teamwettbewerb hin oder her, Solisten. Im deutschen Lager gibt es eine professionelle Unterstützung. Die Forschungsstelle für die Entwicklung von Sportgeräten (FES) baut Schlitten. Aber ohne den individuellen Schliff, ohne geschickte Tüftelei ist kaum einer Champion geworden. Falls ein Vergleich mit der Formel 1 zulässig ist, dann dieser: Die Kiste unter dem Gesäß muss laufen. Lochs in Berchtesgaden veredelten Rodel liefen über die Jahre einen Ticken schneller als die der Konkurrenz. Inzwischen haben die Russen und die Österreicher aufgerüstet.

          „Manchmal geht es ein bisschen über das Limit“

          Loch, der Cheftrainer, spricht von einem Wettlauf auf Augenhöhe. Der Spielraum für Fahrfehlerchen, die ohne Folgen blieben für die Plazierung, ist verloren, der Druck gewachsen. Loch muss am Limit entlangrodeln, so wie Sebastian Vettel in der Schlussphase der Formel-1-Saison mit hohem Risiko Fehler riskieren musste – und beging. „Das Setup passte Anfang der Saison nicht so. Und manchmal geht es ein bisschen über das Limit“, sagt Felix Loch, „dann kann man nichts mehr machen in der Bahn.“ Die Ideal-Linie verpasst, den Schwung verloren. Es gibt kein Gaspedal.

          Die Sport-Biographie von Felix Loch, 1989 in Thüringen geboren, aufgewachsen im Berchtesgadener Land, wirkt wie aufgemalt, märchenhaft. Als sei es bei der Talfahrt immer bergauf gegangen. Es fehlt also nur eine veritable Krise – und deren Überwindung zur Vollendung. Das ist etwas für Kämpfertypen und Liebhaber, die sich nicht um Resultate scheren, solange es lodert im Inneren: „Ich mag es zwar, immer vorne zu sein“, sagt Loch, „aber gegen starke Gegner in knappen Rennen zu gewinnen, ist dann doch das Schönste.“

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