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Rodel-WM am Königssee : Erstaunliche Freude über kollektives Silber

  • -Aktualisiert am

Zum Titel fehlen 62 Tausendstelsekunden: Felix Loch Bild: EPA

Die Trainingsgruppe Sonnenschein räumt bei der Rodel-WM am Königssee diesmal nicht ab. Der Freude tut dies keinen Abbruch – die Zeiten haben sich schließlich geändert.

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          Im Auslauf gehörte Felix Loch zu den ersten Gratulanten. Der Weltmeisterschaftszweite klatschte sich mit Natalie Geisenberger ab. Die hatte im Rennen der Frauen am Sonntag gerade die Bestzeit erzielt, allerdings wartete oben am Start noch Julia Taubitz. Weil die 24-jährige Oberwiesenthalerin auch im zweiten Durchgang im Eiskanal am Königssee die schnellste Zeit erzielte, wurde sie zum ersten Mal Weltmeisterin im Einzel. Ihr zweiter Titel nach dem Sieg am Freitag im Sprint. Geisenberger, neunmalige Weltmeisterin, war mit Silber trotzdem zufrieden. So wie Loch, der am Samstag Zweiter hinter dem Russen Roman Repilow geworden war. Silber hatte ebenso das Doppel Tobias Wendl und Tobias Arlt geholt. Auch sie waren mit dieser Plazierung hinter ihren Teamkollegen Toni Eggert und Sascha Benecken glücklich.

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          Dass sich die vier Rodler vom Königssee einmal so über kollektives Silber würden freuen können, war vor einigen Jahren nur schwer vorstellbar. Bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi hatten sie komplett abgeräumt. Gold für Geisenberger, Gold für Loch, Gold für Wendl/Arlt – und als Krönung Gold in der Staffel. Trainingsgruppe Sonnenschein nannten sie sich. Dieselbe Ausbeute erzielten sie 2016, als die Weltmeisterschaften das letzte Mal am Königssee ausgetragen wurden. Die Souveränität ist verlorengegangen, auch weil die Konkurrenten aufgeschlossen haben.

          Die Zeit hat aber auch für Veränderungen bei diesem Quartett gesorgt. Natalie Geisenberger etwa ist im Mai Mutter eines Sohnes geworden. Dadurch haben sich die Prioritäten bei der 32-Jährigen verlagert, die in der Vergangenheit mitunter wegen ihres großen Ehrgeizes verkrampft aufgetreten war. „Vizeweltmeisterin – ich bin tatsächlich sehr zufrieden mit der Silbermedaille“, äußerte sie am Sonntag. Sie sei sehr stolz, dass sie dies so hinbekommen habe. Denn nicht nur im Eiskanal, auch abseits hat sie Meisterliches abgeliefert. Sohn Leo war bei fast allen Rennen in der Nähe der Bahn. Betreut wird er nicht nur von Vater Markus Scheer, sondern auch von Opa Helmut und Oma Birgit.

          „Wie oft war ich nicht am Podest heuer?“

          Neu zur bayrischen Trainingsgruppe gehört in der Zwischenzeit auch Dajana Eitberger, die ihren Wohnort von Ilmenau in Thüringen nach München verlegt hat. Und ebenfalls im vergangenen Jahr Mutter geworden ist. Die 29-Jährige war hinter Geisenberger Dritte geworden. „Dass Dajana und ich, die beiden Mamas, die im Prinzip eine ähnliche Geschichte erlebt haben und wir mittlerweile sehr gut befreundet sind, zusammen auf dem Podest stehen können, freut mich besonders“, sagte die Miesbacherin.

          Felix Loch war am Samstag mit seinem Abschneiden bei der WM-Entscheidung ebenfalls im Reinen. Auch wenn die Gleichung im Vorfeld zu verlockend war. Bei den acht Einzelrennen im Weltcup hieß der Sieger immer Felix Loch. Warum also sollte der Dominator dieses Winters bei der Weltmeisterschaft ausgerechnet auf seiner Heimbahn am Königssee nicht triumphieren? Doch am Ende fehlten ihm 62 Tausendstelsekunden zu seinem siebten Titel im Einzel. Repilow hatte ihn im zweiten Durchgang noch überholt.

          Schnelle Mama: Natalie Geisenberger wird Zweite.
          Schnelle Mama: Natalie Geisenberger wird Zweite. : Bild: dpa

          Ob er Gold verloren oder Silber gewonnen habe? Diese Frage beantwortete Felix Loch umgehend mit einer Gegenfrage: „Wie oft war ich nicht am Podest heuer?“ Zweimal, bei den Sprints im Weltcup in Winterberg und am Freitag bei den Titelkämpfen. „Ich könnte jetzt sagen: Das ist mein schlechtestes Einzelergebnis in diesem Winter“, fügte er an. Weil ihm in beiden Läufen Fahrfehler unterlaufen waren, wusste er, warum es nicht zum Titel gereicht hat. „Ich bin mit dem zweiten Platz zu Hause mega happy.“ Ehrgeizig und erfolgshungrig sind Geisenberger und Loch nach wie vor, aber mit zunehmendem Alter ist die Verbissenheit einer gewissen Gelassenheit gewichen. Was auch auf Tobias Wendl und Tobias Arlt zutrifft.

          Aus der Trainingsgruppe Sonnenschein wurde die Trainingsgruppe Silber. Obwohl keine Besucher auf das Gelände am Fuße des Watzmanns kommen durften, sagte Steuermann Wendl: „Wir wollten den Zuschauern ein spannendes Rennen liefern, wir sind zwei geile Läufe gefahren, mehr war nicht drin.“ Im teaminternen Zweikampf mit dem Duo Eggert/Benecken können die viermaligen Olympiasieger inzwischen auch deren Stärke anerkennen: „Toni und Sascha waren schneller. Wer Erster oder Zweiter ist, ist zweitrangiert.“ Dabei störte es sie auch nicht, dass das Thüringer Duo mit seinem vierten WM-Titel hintereinander nun als Rekord-Weltmeister geführt wird.

          So viel Harmonie im deutschen Team ist schon beinahe unheimlich. Schön, dass es doch einen Bereich gibt, in dem Einzelne ihren eigenen Weg gehen. Mit Unterstützung des Verbandssponsors BMW werden die Schlitten im Hinblick auf die Olympischen Spiele im kommenden Jahr optimiert. Felix Loch ist dabei, auch sein Konkurrent Johannes Ludwig. Von deren Arbeit profitieren die Frauen und Wendl/Arlt. Nur Eggert/Benecken machen ihr eigenes Ding. „Die zwei wurden angefragt, haben aber abgesagt“, sagte Bundestrainer Norbert Loch.

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