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Rodel-EM : Georg Hackl läßt sich noch nicht gerne zum Rücktritt raten

Vorstartkonzentration: Georg Hackl Bild: AP

Georg Hackl rodelt der jüngeren Konkurrenz hinterher. Von Wachablösung will der Bundestrainer aber partout nichts wissen: "Der Schorsch weiß genau, was er machen muß." Bis zur WM in Nagano wird Hackl einen schnellen Schlitten haben.

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          Ein Raunen geht durch die Menschenmenge am Zielhaus der Oberhofer Rodelbahn. Und die Tonlage verrät, daß der kleine Aufruhr in erster Linie eine weibliche Angelegenheit ist. Kein Wunder, oben auf dem Podest hat sich der Hackl-Schorsch gerade des letzten Hemdes entledigt und steht mit nacktem Oberkörper da. Mitten im Schneetreiben, bei minus acht Grad.

          Und so wie er von der Reaktion seiner Bewunderer überrascht ist, muß man ihm einfach abnehmen, daß die kleine Einlage keine wohlüberlegte Strip-Show ist, sondern einfach der Versuch, möglichst schnell aus den verschwitzten Rennklamotten zu kommen. Doch der bajuwarische Rodel-Heros ist lange genug im Geschäft, um den eigenen Vorteil fix zu nutzen. Es hätte der Protzpose a la Schwarzenegger allerdings kaum bedurft, um selbst Neider erkennen zu lassen, daß der Dauerbrenner im Eiskanal auch mit 37 Jahren noch richtig gut beieinander ist. Optisch zumindest.

          Die jungen Böcke ärgern den alten Platzhirsch

          Wenn man statt halbnackter Tatsachen nackte Zahlen sprechen läßt, dann sieht die Wahrheit, die bei Rodlern in der eisigen Rinne liegt, derzeit weniger freundlich aus. Platz neun bei den Europameisterschaften in Oberhof, das ist für einen, der bei Olympischen Spielen drei Gold- und zwei Silbermedaillen eingefahren hat, nun wirklich kein Ruhmesblatt. Aber es paßt hervorragend in eine Saison, die mit dem Begriff "durchwachsen" äußerst wohlwollend umschrieben wäre.

          Daß der Südtiroler Olympiasieger Armin Zöggeler ihm im Weltcup längst den Rang abgefahren und am Samstag im Thüringer Wald wie selbstverständlich seinen ersten Europameistertitel geholt hat, ist keine Überraschung. Aber daß die jungen Böcke dem alten Platzhirsch so allmählich die Dominanz im eigenen Revier streitig machen, ist um so bemerkenswerter. Der Hackl hat zwar seinen öffentlichen Auftritt, aber auf dem Treppchen stehen plötzlich die Jungen, die sich lange Zeit wie wild abgerackert haben, ohne Aussicht auf schnellen Erfolg.

          Es tut gut, aus dem langen Schatten zu treten

          David Möller, 21 Jahre alt und so etwas wie der Kronprinz unter den deutschen Rodlern, genießt es sichtlich, wenn statt der üblichen Hackl-Mania mal er selbst ein gefragter Gesprächspartner ist. Platz zwei bei der EM, die erste Medaille bei den "Großen", noch dazu auf seiner Heimatbahn, das ist aller Ehren wert. Und ein Typ ist er doch auch, ein Tüftler, der sich einiges vom großen Meister abgeschaut hat. Vor allem die Selbständigkeit. Und schimpfen kann er auch, wenn es nicht läuft. Jan Eichhorn, ein Jahr jünger als Möller und nach Meinung vieler Experten mit noch mehr Talent gesegnet, scheitert bisweilen noch am eigenen verbissenen Anspruch. In Oberhof hat der Thüringer als frischgebackener deutscher Meister seinem Team zum Europameistertitel verholfen und ist im Einzel immerhin Vierter geworden. Große Töne spucken beide nicht, aber natürlich tut es gut, aus dem langen Schatten des rodelnden Übermenschen zu treten.

          Sind die Jungen plötzlich so gut geworden, oder ist der Hackl doch langsam reif für die Trainerlaufbahn? Thomas Schwab, Bundestrainer der deutschen Rodler, beantwortet Teil eins der Frage eindeutig mit ja. "Man muß sich nur die Ergebnisse im Weltcup anschauen." Und da sticht vor allem Möller durch Konstanz auf hohem Niveau hervor. In Calgary hat der Oberhofer Bundesgrenzschützer vor drei Wochen seinen ersten Weltcupsieg erkämpft, dazu kamen ein dritter und zwei vierte Plätze - macht Rang zwei in der Gesamtwertung. "Er ist sicher am weitesten", sagt Schwab.

          Offenbar gelassen "im zweiten Glied"

          Von Wachablösung, und das wäre Teil zwei der Frage, will der Bundestrainer aber partout nichts wissen. So schnell gehe das nicht, auch wenn Hackl bislang nur einen zweiten Platz im Weltcup vorweisen können, und das als Ausreißer nach oben. "Der Schorsch weiß genau, was er machen muß", sagt Schwab und bekommt diesen schelmischen Blick. Sorgen um seine Führungskraft scheint er sich nicht zu machen. Im Gegenteil. "Ich finde es gut, wie er mit der Situation umgeht." Der Meister selbst fügt sich offenbar gelassen "ins zweite Glied", wie er sagt, und gibt sich bei Fragen nach der aufrückenden Jugend patriotisch: "Ist doch gut, wenn wenigstens die Jungen die Fahne hochhalten." Er finde deren Entwicklung "super".

          Und wenn dann einer ganz behutsam die Altersfrage stellt, dann reagiert der Hackl mit gespieltem Entsetzen, weil er ja zwischen den Zeilen lesen kann. "Sie legen mir den Rücktritt nahe, verstehe ich das richtig?" Und dann löst er die Situation mit einem Lachen, das eine Spur zu aufgesetzt wirkt. Nein, ihm stinkt es manchmal schon ganz gewaltig, sonst hätte er am Freitag nach dem mißratenen Trainingslauf nicht geschimpft wie ein Rohrspatz. Weil er da schon gesehen hat, daß es bei der EM nichts werden würde mit einem guten Resultat.

          "Ich rechne in Nagano fest mit dem Schorsch"

          Aber insgesamt, konstatiert sein potentieller Nachfolger David Möller, sei der Hackl verträglicher und mitteilsamer geworden. "Früher war er mit Tips mir gegenüber zurückhaltender." Doch Hackls Satz "Ich möchte meine Erfahrungen an die Jugend weitergeben" braucht man vorerst nicht wörtlich zu nehmen. In den schwarzen Seesack, der seinen lila Untersatz vor neugierigen Blicken schützt, gewährt Hackl niemandem freiwillig Einblick. Da schlummert sein Kapital, und niemanden würde es wundern, wenn er pünktlich zur WM Mitte Februar in Nagano einen titelverdächtigen Satz Kufen hervorzaubern würde. David Möller braucht jedenfalls keine Sekunde Bedenkzeit, um die Frage nach den WM-Favoriten zu beantworten: "Ich rechne in Nagano fest mit dem Schorsch." Der alte Zauber wirkt noch.

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