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Deutsche Skifahrer in Sölden : „A bisserl die Drecksau sein“

Will wieder mehr „den Stefan fahren lassen“: Skirennläufer Luitz. Bild: dpa

Keine negativen Gedanken mehr und keine Blockaden durch einen Virus: Stefan Luitz und Alexander Schmid wollen im Ski-Weltcup mehr Risiko wagen. Der Auftakt soll beim Riesenslalom in Sölden gelingen.

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          „Ich kann stolz sagen, dass ich das Virus so gut wie im Griff habe“, sagt Skirennfahrer Alexander Schmid vor Beginn des alpinen Skiwinters in Sölden. Er habe den ganzen Sommer normal trainieren können, körperlich fühle er sich gut und leistungsfähig: „Es geht viel leichter als letztes Jahr.“ Da sei ihm häufiger die Kraft ausgegangen, vor allem im zweiten Durchgang eines Weltcup-Riesenslaloms habe sich eine diffuse Schlappheit bemerkbar gemacht.

          Das Virus, unter dem Schmid litt, heißt nicht Covid-19, sondern Epstein-Barr, benannt nach den beiden Entdeckern, die es bereits in den 1960er Jahren erstmals beschrieben. Es gehört zur Gruppe der Herpesviren und kann Pfeiffersches Drüsenfieber auslösen. „Es gibt ja so viele Viren“, sagt Schmid in lakonischer Art über seine gesundheitliche Problematik. In diesen Tagen wird ja gelegentlich vergessen, dass es noch andere Krankheiten außer Corona gibt. Die umfassenden Maßnahmen in Sölden akzeptiert er, ohne sich allzu große Sorgen zu machen: „Ich habe keine Angst, dass ich mich infiziere. Mein Immunsystem sollte top sein.“

          Generell will der 26 Jahre alte Schmid „gar nicht mehr drüber nachdenken“, sondern sich „voll aufs Skifahren konzentrieren“. Im Riesenslalom gehört der Oberstdorfer zur erweiterten Spitzenklasse, was sich im vergangenen Winter dadurch manifestierte, dass er bei allen sieben Weltcup-Rennen in die Punkteränge fuhr. Allerdings waren seine Vorstellungen nicht weiter auffällig, es fehlte der Ausreißer nach oben: Rang 13 in Garmisch stand als bestes Saison-Resultat zu Buche. Dem Prinzip der kleinen Schritte folgend gibt Schmid nun „Top-Ten-Plätze“ als Saisonziel aus. Dass er zu schnelleren Schwüngen in der Lage ist, bewies er immerhin beim Parallelrennen in Chamonix, als er Dritter wurde und somit zum ersten Mal aufs Siegerpodest fuhr.

          Eher mittelmäßige Konstanz gehört nicht zu den Kernproblemen von Stefan Luitz. Der 28-Jährige kann schon ein gutes Dutzend Top-Fünf-Plazierungen in seiner Laufbahn vorweisen, darunter auch einen Weltcup-Sieg. Sein Problem ist eher die Anfälligkeit für teilweise kuriose Ausfälle, die sich durch seine vielversprechende Karriere ziehen. In einer Art Überkorrektur versuchte er im vergangenen Winter, konstanter zu agieren. Was als Konsequenz außer bei seinem zweiten Platz im Parallel-Riesenslalom von Alta Badia aber nicht wirklich funktionierte.

          Nach der Analyse der vergangenen Saison, die er als „brutal zäh“ empfand, hat Luitz nun ein selbstbewusstes Fazit gezogen: Er wolle wieder verstärkt „den Stefan fahren lassen“, sich und seinem Talent vertrauen und auch „bisserl die Drecksau sein“. Im vergeblichen Versuch, Fehler zu vermeiden, habe er sich eingebremst und halbherzige Schwünge gefahren, anstatt die direkte Linie zu suchen. „Auf Sicherheit fahren“, so seine Erkenntnis: „Das bin nicht ich.“ Es habe eine Weile gedauert, „bis ich wieder Spaß am Rennfahren gefunden habe“. Für seinen Kopf sei es wichtig, „dass ich wieder der Chef bin“.

          Weltcup-Auftakt ohne Publikum: In Sölden ist in diesem Jahr alles anders.
          Weltcup-Auftakt ohne Publikum: In Sölden ist in diesem Jahr alles anders. : Bild: dpa

          Ob ihm nun ausgerechnet am Sonntag (10.00 und 13.15 Uhr im ZDF und bei Eurosport) in Sölden gelingen wird, neben dem Spaß auch die frechere Linie zu finden, kann er freilich nicht versprechen. Der ohnehin selektive Gletscherhang verändert sich von Jahr zu Jahr. Diesmal erscheint er in den schwierigen Passagen noch steiler, dafür unten raus noch flacher. Die Höhendifferenz beträgt 370 Meter, die maximale Neigung 65 Prozent, die geringste dagegen nur 15. Fehler an der falschen Stelle lassen sich nicht beheben.

          „Ein echt schöner Hang, aber er hat’s in sich“, meint Luitz, der schon seit 2011 regelmäßig versucht, den Rettenbachferner zu bezwingen, dabei aber noch nie unter die besten 15 kam. Sein ehemaliger Vorfahrer Felix Neureuther traut ihm dennoch zu, dass er eine famose Fahrt zeigen könnte: „Er geht dieses Jahr voll auf Attacke. Ich habe ihn im Training gesehen und denke, dass er es aufs Podium schaffen kann“, sagte der 36-Jährige, der mittlerweile als Experte der ARD den Ski-Weltcup verfolgt, im Interview mit der Sportschau.

          Neben Attacke wollen Stefan Luitz und Alexander Schmid in diesem Winter auch versuchen, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Luitz testet noch aus, ob es ihn eher zu Slalom oder Super-G zieht. Schmid ist sich sicher, neben Riesenslalom und Parallel-Riesenslalom auch Slalom-Rennen angehen zu wollen. „Abwechslung tut immer gut“, meint er zu seinem Vorhaben: „Wenn man jedes Mal die gleiche Disziplin fährt, geht das Feuer ein bisschen verloren.“ Und jetzt, wo er das blockierende Epstein-Barr-Virus im Griff hat, will er seine innere Flamme auf keinen Fall mehr ausgehen lassen.

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