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Skispringer Richard Freitag : Die Suche nach dem Fluggefühl

  • -Aktualisiert am

Selfie mit der Mannschaft: Richard Freitag (links) und das deutsche Team auf Rang zwei Bild: dpa

Erst geht der Geldgeber pleite, dann wechselt er die Ski - nun glaubt Skispringer Richard Freitag wieder an sich. Weil er sich im Training endlich auf technische Details konzentrieren kann.

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          Was witzige Sprüche angeht, ist Richard Freitag die unumstrittene Nummer eins der deutschen Skispringer. Regelmäßig veröffentlicht er auf Facebook lustige Fotos und Videos. Dabei lässt er sich etwa als der geniale Bastler MacGyver feiern, weil er auf seinem Hotelzimmerbalkon eine wacklige Wäscheleine für seine Socken aufgehängt hat. Außerdem präsentiert er immer wieder neue Grimassen oder Bilder davon, wie er sich mit Süßigkeiten eindeckt.

          Sportlich ist Freitag derzeit allerdings nicht mehr so weit vorne, wie es der fünfmalige Weltcup-Sieger von sich erwartet. Bei den bisherigen drei Einzelspringen dieser Saison landete er zweimal auf dem 15. und einmal auf dem 16. Rang. Selbst auf seiner Heimschanze in Klingenthal hinkte der Fünfundzwanzigjährige von der SG Nickelhütte Aue am vergangenen Wochenende hinterher - vor allem fehlte es ihm an Anlaufgeschwindigkeit. „Da stimmt wahrscheinlich etwas nicht mit meiner Anfahrtshocke“, sagt der Sachse. Umso wichtiger sind für ihn nun die nächsten zwei Weltcup-Springen an diesem Samstag (16 Uhr/ZDF) und Sonntag im norwegischen Olympiaort Lillehammer.

          Denn Freitags Ansprüche sind hoch. Und so hatte er sich auch für das zurückliegende Frühjahr und den Sommer viel vorgenommen, um in diesem Winter endlich weiter voranzukommen. Doch dann platzte ihm etwas in die Saisonvorbereitung, das ihn weit zurückwarf: Der Geldgeber seines Skiherstellers zog sich zurück. Das Reiseportal „fluege.de“, eine Tochterfirma des Internetunternehmens Unister, hatte vor sechs Jahren den thüringischen Skihersteller Germina übernommen - allein zu Werbezwecken. Denn auf den Ski der Springer durfte aufgrund der Regeln des Weltverbands Fis zunächst nur der Name des Herstellers stehen. Als das Reiseportal dann den Vertrag nicht verlängerte, begann für Freitag eine schwierige Zeit der Unsicherheit. Wie alle Topathleten ist er überaus sensibel. Beim Skispringen verlässt er sich absolut auf sein Feingefühl. Dafür muss alles passen. Natürlich waren auch seine Ski speziell auf ihn abgestimmt. Da wechselt man ungern, wenn man eigentlich zufrieden ist. Jede unnötige Veränderung lenkt ab.

          Den neuen Skiern galt die Hauptkonzentration

          „Richard ist ein loyaler Partner. Er wollte der Firma gerne die Stange halten“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. Doch es war lange fraglich, ob und wann ein neuer Geldgeber bei dem Thüringer Skihersteller einsteigt. So beschloss Freitag, auch die anderen Marken zu testen. Und er sprang mit jedem verfügbaren Modell. Eigentlich fand Freitag die Testphase spannend. „Das hat den Geist geweckt, weil ich mich so lange mit dem Material auseinandergesetzt habe“, sagt er: „Das macht man sonst ja nicht so intensiv. Da liegt der Fokus auf der eigenen Technik, man ist sehr auf sich bezogen. Ich musste also loslassen.“

          Statt sich mit den eigenen Körperhaltungen, Kraftwerten und Bewegungen zu beschäftigen, konzentrierte er sich eben nur auf die Ski. Freitag fuchste sich immer mehr in die Details hinein. „Ich habe danach geschaut: Bei welchem Ski sind noch Flugmeter drin? Bei welchem ist noch Geschwindigkeit drin? Welcher Ski hält mich? Bei welchem habe ich ein sicheres Gefühl?“, sagt Freitag. Aber es kristallisierte sich kein Favorit heraus. Sich endgültig festzulegen fiel ihm sehr schwer. Er überlegte hin und her - und war genervt. Er merkte: Bei seiner Entscheidungsfindung spielte der Kopf eine zu große Rolle. So zögerte er es weiter hinaus.

          Erst im August legte er sich fest. Schließlich hörte er auf sein Bauchgefühl. Zwischenzeitlich hatte der Thüringer Skihersteller einen neuen Partner gefunden. Verivox, ein anderes Internetvergleichsportal, prangt nun auf den Ski. Doch Freitag springt jetzt mit der Marke Fischer. „Es waren Nuancen, die den Ausschlag gegeben haben. Ich musste mich ja mal entscheiden“, sagt er. Dass die lange Testphase bei seinem Formaufbau hinderlich war, ist ihm klar. „Denn ich konnte einfach nicht geradeaus arbeiten“, sagt er. Auch Schuster betont: „Die Sache hat ihn Kraft gekostet und nicht unbedingt zu seiner technischen Stabilität beigetragen.“ Nun sieht der Österreicher allerdings, dass sich Freitag langsam an die Spitze herantaste. „Von fünf Sprüngen gelingen ihm derzeit zwei so richtig“, sagt Schuster: „Er freundet sich immer besser mit dem neuen Material an, und ich bin zuversichtlich: Er wird sich weiter steigern.“

          Freitag fliegt auf Fischer-Skiern: Auch wenn sein ehemaliger Ausrüster einen neuen Sponsor gefunden hat, der Skispringer hat sich jetzt für neues Material entschieden.
          Freitag fliegt auf Fischer-Skiern: Auch wenn sein ehemaliger Ausrüster einen neuen Sponsor gefunden hat, der Skispringer hat sich jetzt für neues Material entschieden. : Bild: AFP

          So schaut Freitag eher auf den zweiten Teil der Saison, mit dem Höhepunkt der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft Ende Februar in Lahti. Da strebt er eine Medaille mit der Mannschaft an, und er liebäugelt mit einer Medaille im Einzelspringen. „Das ist ein hohes Ziel, besonders nach meinem schwierigen Sommer“, sagt er: „Aber wenn ich in einen Lauf komme, kann ich das schaffen.“ Freitag möchte eben nicht mehr nur bei den Sprüchen ganz vorne sein.

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