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Vierschanzen-Tournee : Prevc und Freund springen im Synchronflug

  • -Aktualisiert am

Gratulation: Severin Freund (l.) wird wohl nach dem letzten Springen Peter Prevc für den Gesamtsieg beglückwünschen müssen Bild: dpa

Peter Prevc gegen Severin Freund: Vor dem Tournee-Finale in Bischofshofen am Mittwoch hebt keiner der beiden Springer ab. Auch sonst gibt es Parallelen.

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          Im Taktieren auf dem Boden agiert Peter Prevc mittlerweile fast schon so kunstvoll wie in der Luft. Ohne eine Miene zu verziehen, pariert der Slowene die heikelsten Fragen, die derzeit wie fiese Seitenwinde auf ihn zukommen. Sie alle drehen sich um seine Favoritenrolle. Jede Frage soll ihm entlocken, dass er doch bereits vor dem letzten Springen der Vierschanzentournee an diesem Mittwoch in Bischofshofen (17 Uhr/ live in ARD,  Eurosport und F.A.Z-Liveticker) als der sichere Gesamtsieger feststehe. Schließlich führt er deutlich mit 19,7 Punkten vor Severin Freund.

          Schließlich hat er die beiden Springen in Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck gewonnen. Aber Prevc lässt sich nicht austricksen. Und weil der hagere 23-Jährige sehr zurückhaltend, fast verschlossen ist, gibt er auf all die Fragen fast immer die gleichen Antworten, die wie ständig wiederkehrende Floskeln klingen. Alles könne sich ganz schnell verändern, sagt er. Oder: „Ich muss weiter fokussiert bleiben.“ Und dann lenkt Prevc die Fragen nach seiner Überlegenheit flugs in eine andere Richtung, am liebsten mit einem Lob auf seinen Rivalen. „Severin strebt immer nach Perfektion“, sagt er. „Deshalb ist der Druck auf mich ständig hoch.“

          Freund stapelt tief

          In Bischofshofen kommt es zum entscheidenden Duell um den Tournee-Sieg. Freund gegen Prevc. Doch der Bayer versucht, die Spannung aus dem Zweikampf herauszunehmen. Prevc’ Vorsprung sei „zu komfortabel“, sagt er. „Angreifen werde ich immer, aber mir geht es jetzt vor allem darum, einen guten Wettkampf zu zeigen.“ In der Qualifikation am Dienstag belegte Prevc Rang zwei hinter dem Norweger Kenneth Gangnes, Freund legte einen Ruhetag ein, um seine Blessuren vom Sturz in Innsbruck vollständig auszukurieren. Er will sich nicht künstlich starkreden. Lieber hebt auch er die Stärken seines Gegners hervor: „Er ist mit seinen Sprüngen konstant auf einem unglaublichen Niveau“, betont der 27-Jährige.

          Vom Charakter ähneln sich die beiden in diesem Punkt also sehr. Und nicht nur da. „Wir sind eher die ruhigeren Typen“, sagt Freund, der gerne Musik hört. Prevc liest viel. Seine Mutter ist Bibliothekarin und versorgt ihn stets mit neuen Büchern. Kein Wunder also, dass er ebenfalls nicht allzu viel von großen Monologen hält. Auch sonst gibt es einige Parallelen zwischen ihnen. Das betrifft zunächst einmal den Sprungstil. „Mit ihren Flugsystemen dominieren die beiden die Konkurrenz“, sagt der ehemalige Weltmeister und Olympiasieger Martin Schmitt. So schaffen es Freund und Prevc am schnellsten, nach dem Absprung in die Flugphase zu kommen. Wobei der Slowene in diesen Schlüsselmomenten des Übergangs derzeit noch besser agiert als Freund. Prevc setzt beim Absprung noch mehr auf Geschwindigkeit als auf Höhe. Auch bei der Anfahrt erreicht er das schnellste Tempo. Zudem muss Prevc’ Sprunggelenk mit Extrakräften ausgestattet sein. Er gehört zu den wenigen Athleten, die auf stabilisierende Keile in den Skisprung-Schuhen verzichten; trotzdem gelingt es ihm, die Skier in der Luft extrem nah an den Körper zu ziehen.

          Der Überflieger: Peter Prevc hat die Tournee nicht nur in Innsbruck dominiert

          Doch diese überlegene Position musste sich Prevc lange erarbeiten. Ähnlich wie bei Freund entwickelte sich seine Karriere ohne schnelle Erfolge, sondern Schritt für Schritt. Prevc siegte zum ersten Mal im Januar 2014, nachdem er schon mehr als vier Jahre im Weltcup unterwegs war. Dann folgte ein Erfolg auf den anderen. Wenige Wochen später bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi gewann er Silber von der Normalschanze und Bronze von der Großschanze.

          Bei der Tournee im vergangenen Jahr wurde er Dritter. Dies bezeichnet er als Initialzündung dafür, nun bereit für Siege zu sein. Auch wenn ihm der erste große Triumph danach weggeschnappt wurde - im Gesamtweltcup, von Freund. Zum Ende der vergangenen Saison kamen beide auf die exakt gleiche Punktzahl, doch weil der Bayer mehr Springen gewonnen hatte, holte er sich die Kristallkugel. Das beschäftigt Prevc noch immer. „Ich weiß genau, dass ich mit einem Sprung noch alles verlieren kann - und davor habe ich schon etwas Angst“, sagt er.

          Bislang gewann Freund die wichtigen Duelle

          In den vergangenen Jahren haben sich beide bereits einige Duelle geliefert. Die wichtigen gewann dabei jedoch stets Freund. 2014 wurde er Olympiasieger mit der Mannschaft und gewann den Einzel-Titel bei der Skiflug-WM, 2015 wurde er Weltmeister im Einzel von der Großschanze und mit dem Mixed-Team. Hinzu kam der knappe Sieg im Zweikampf um den Gesamtweltcup. Prevc hingegen besitzt noch keine Goldmedaille, auch bei einer WM ist sein bester Platz bislang der zweite (2013 in Val di Fiemme).

          Diesen scheinbaren Vorteil will Freund vor dem Springen in Bischofshofen aber nicht gelten lassen. „Er macht kaum Fehler und kann in jedem Wettkampf alles rausholen“, sagt Freund. Wie sehr Prevc von seinem Siegeswillen besessen ist, bekommt auch Bundestrainer Werner Schuster immer wieder zu spüren. „Wenn er hinter Severin Zweiter geworden ist, ist er am nächsten Tag gesprungen, als gäbe es kein Morgen mehr“, sagt er.

          Landung auf Platz zwei? Severin Freund dürfte zufrieden sein

          Neben der ausgefeilten Technik ist Prevc’ große Stärke sein Kopf. Als Skispringer seien die mentalen Fähigkeiten absolut entscheidend, betont er - und lässt sich offenbar von nichts ablenken. Selbst eine Erkältung, die er sich in Garmisch-Partenkirchen zugezogen hatte, stoppte ihn nicht. „Ich bin einfach in einen Laden gegangen und habe mir Orangen und Zitronen gekauft - wegen der Vitamine“, sagt Prevc. Und dann grinst er sogar kurz. Er ist derzeit also auch mit seiner Leistung auf dem Boden überaus zufrieden.

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