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Porträt : Uhrmann ist erst jetzt im richtigen Skisprungalter

  • -Aktualisiert am

Kein Leichtgewicht mehr: Michael Uhrmann Bild: AP

Die Vierschanzentournee ist längst kein Spielplatz für leichtgewichtige Jünglinge mehr - wie die deutsche Leitfigur Michael Uhrmann beweist. Außer ihm kämpfen vor dem ersten Springen alle Kollegen mit Problemen.

          3 Min.

          Michael Uhrmann hat ein gutes Gefühl. Wie schon die ganze Saison über. Und Cheftrainer Peter Rohwein erst recht. Kein Wunder, die deutschen Skispringer mischen wieder vorne mit. Oder besser: Uhrmann mischt vorne mit, und die Kollegen profitieren davon, zumindest von der Stimmung, die vor dem Auftakt der Vierschanzentournee am Donnerstag abend in Oberstdorf schon lange nicht mehr so gut gewesen ist in der deutschen Mannschaft wie dieses Mal.

          Vor einem Jahr war alles eher trist gewesen. Rohwein mußte in seinem ersten Jahr als hauptverantwortlicher Trainer nicht nur die Häme der Presse über sich ergehen lassen, sondern auch noch körperliche Schmerzen ertragen. Trainerkollege Mika Kojonkoski hatte ihn bei einem Eishockeyspiel am Knie verletzt und es war sinnbildlich für den Zustand des deutschen Skisprungteams, wie Rohwein durch die Vierschanzentournee humpelte. Er hat sich damals permanent rechtfertigen müssen für schwache oder schwächere Ergebnisse, ständig zu erklärt, warum die Mannschaft nicht so schlecht war, wie es schien.

          Den Überschwang bremsen

          n diesem Jahr muß Rohwein eher den Überschwang bremsen und erzählen, warum es gar so gut auch wieder nicht ist, trotz des vierten Ranges von Uhrmann in der Gesamtwertung und insgesamt drei Plätzen auf dem Podium. Der Cheftrainer traut Uhrmann zwar zu, die Tournee zu gewinnen, aber die Topfavoriten sind eben andere: Der im Gesamtweltcup führende Tscheche Jakub Janda, viermaliger Sieger in dieser Saison, oder der Schweizer Andreas Küttel, der plötzlich aus dem Mittelmaß an der Spitze auftauchte und natürlich der Finne Janne Ahonen, der seit Jahren beständigste Skispringer und Vorjahresgesamtsieger. "Deshalb", sagt Rohwein, "muß man die Kirche im Dorf lassen." Die deutsche Mannschaft hat zwar zum ersten Mal seit 2002 wieder einen der Anwärter auf den Gesamtsieg bei der Tournee dabei, aber Uhrmann ist derzeit eben auch der einzige seines Teams, der mit den Besten mithalten kann. "Die Lücke ist zu groß", moniert Rohwein. "Es ist schön und wichtig einen ganz vorne dabei zu haben, aber die Nationalmannschaft besteht aus sechs Springern."

          Außer Uhrmann kämpften bisher alle anderen mit kleineren oder größeren Problemen. Ganz große hatte wieder einmal Martin Schmitt. Nach gutem Start in Kuusamo schlichen sich Fehler ein. Er verzichtete auf den Weltcup in Engelberg, zog sich zum Training nach Hinterzarten zurück und wechselte die Ski. Nun fühlt er sich wieder reif für gute Resultate.

          Schmitt im Schatten

          Für Schmitt ist es vermutlich ganz gut, daß da ein Teamkollege ist, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht, in dessen Schatten er wieder einmal versuchen kann seinem früheren Leistungsniveau näherzukommen. Früher war es Martin Schmitt, der einen Schatten warf. Und natürlich Sven Hannawald. Darin hatte sich Michael Uhrmann jahrelang bewegt. Nicht ungern. Aber nun, da er der deutsche Vorspringer ist, nimmt er auch die neue Rolle an. Der Niederbayer taugt zwar nicht zum Teenie-Star, und vermutlich würde sich daran nicht einmal etwas ändern, wenn Uhrmann die Tournee gewinnen würde. Aber er kann damit umgehen, im Mittelpunkt zu stehen - und hat das nötige Selbstvertrauen. "Ich weiß, daß meine Technik sitzt und ich auch mit einem 95prozentigem Sprung vorne mitturnen kann." Die hohe Erwartungshaltung vor dem Auftaktspringen auf der Schattenbergschanze erträgt er souverän. "Jetzt springe ich drauf los und dann schauen wir mal, was rauskommt."

          Michael Uhrmann mußte 27 Jahre alt werden, um endlich einmal aufgenommen zu werden in den Kreis der Sieganwärter. Viele sagen, er wäre jetzt erst im richtigen Skisprungalter. Die Zeiten, als milchgesichtige Teenager die Weltelite schockten, sind seit ein paar Jahren vorbei. Die meisten Jungen verschwanden allerdings so schnell wieder im Mittelmaß, wie sie aufgetaucht waren. Skispringen auf höchstem Niveau ist mittlerweile eine Angelegenheit für routinierte Herren. Früher, sagt Österreichs Sportdirektor Toni Innauer, "hatten die Jungen vom Gewicht her Vorteile. Sie waren leichter."

          Aber mit Einführung des Body-Mass-Index, der Gewichtsregulierung, ist die Ausgangsposition für athletischere Springer besser geworden. Der letzte Junge, der einbrach in die Phalanx der Etablierten, war der Österreicher Thomas Morgenstern. "Und der ist von seiner Genetik her eine Ausnahme", sagt Innauer. Der deutsche Cheftrainer begründet die Tendenz zum reifen Springer mit der zunehmenden Reglementierung des Materials in den vergangenen Jahren." Damit sind die Jungen vielleicht überfordert. Ein alter Fuchs hat so was schon öfters durchgemacht und kommt deshalb damit besser zurecht", vermutet Rohwein.

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