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Plakate : Eine illustrierte Geschichte des Wintersports

So schön fliegen die Menschen nur auf Plakaten Bild: Christian Brandstätter Verlag

Für ihren Bildband hat Jenny de Gex Plakate aus den Jahren 1890 bis 1950 zusammengetragen. Sie erzählen von verwegenen Ski-Pionieren und wecken die Sehnsucht nach den Anfängen, der vermeintlichen Unschuld des Skifahrens.

          Es ist ein Kunststück, so formvollendet die Berge hinunterzuschweben wie das seltsame Paar, das auf einem Plakat aus der goldenen Frühzeit des Skifahrens für Chamonix und den Montblanc wirbt. Die Frau und der Mann sehen aus wie Hochseilartisten an der frischen Luft oder wie verirrte Turmspringer, sie könnten auch Vögel im Gleitflug sein oder Drachen im Wind, rätselhafte Wesen in unnachahmlicher Haltung - kein Mensch von Verstand jedenfalls würde so die Piste hinunterfahren.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Doch es geht hier um etwas anderes als Realismus: Es geht um Überhöhung und um die komplizenhafte Freude, mit der das Paar die Betrachter anblickt, als wollte es ihnen sagen: Nichts Schöneres gibt es auf Erden als die Verlockung des Schnees. Genau diese Begeisterung, die sich noch den Luxus der Naivität leistet, ist das Leitmotiv der meisten Plakate, die Jenny de Gex in ihrem fabelhaften Bildband zu einer illustrierten Geschichte des Skifahrens zusammengetragen hat.

          Pathetisches Tremolo

          Die Bilder aus der Zeit von 1890 bis etwa 1950 erzählen von verwegenen Pionieren und ihren eleganten Epigonen und sind dabei immer Kinder ihrer Zeit, geboren im Schoß der Kunststile, die gerade in Mode waren. So finden Expressionismus, Futurismus, Suprematismus, Bauhaus und Art déco ihren Weg auf die Piste.

          Ärmellos am Matterhorn: Plakat von 1953

          Manchmal wird sie auch propagandistisch mißbraucht, etwa wenn Ludwig Hohlwein für die Olympischen Spiele von Garmisch-Partenkirchen 1936 einen Skifahrer den Arm heben und dabei offenläßt, ob es der Hitler-Gruß oder eine Siegesgeste ist. Der Text rekapituliert mit pathetischem Tremolo die Historie des Wintersports in Europa und Nordamerika, läßt alle Heroen noch einmal aufmarschieren, Sir Arnold Lunn, die Brüder Richardson, Mathias Zdarsky, natürlich den großen Hannes Schneider - und wirkt dabei immer wie ein Echo der Plakate.

          Trost der Verklärung

          Denn auch sie berauschen sich an Pathos und Heroik, schwelgen in Grandiosität, lassen sich bereitwillig überwältigen von der Bergwelt, denn das ist ihre Botschaft: Die schneeweiße Natur versetzt den Menschen in Hochstimmung, sie weckt vorbehaltlos Bewunderung, ein Gefühl, das in unserer technisierten Welt keinen Platz mehr hat. Heute sind die Berge verdrahtet, vertraut, heute ist man zu abgebrüht, um die Arme jubelnd in die Höhe zu werfen wie jene Italienerin mit gewagtem Dekolleté vor der Kulisse des Matterhorns, die auszurufen scheint: So wunderbar ist diese Welt, ich sehe sie zum ersten Mal.

          Und deswegen wird wohl jeder sehnsüchtig beim Betrachten der Plakate. Es ist die Sehnsucht nach den Anfängen, der vermeintlichen Unschuld des Skifahrens, nach einer Zeit ohne Blechlawinen, Umweltdebatten und Ballermann-Partys, nach der Naivität der Kindheit, die nichts wiederbringen kann. Was uns bleibt, ist der Trost der Verklärung.

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