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Paralympics : „Klappe halten, laufen!“

  • -Aktualisiert am

Tragende Rolle: Verena Bentele und ihr Begleitläufer Franz Lankes Bild: AP

Wenn die blinde Skilangläuferin und Biathletin Verena Bentele bei den Paralympics in der Loipe unterwegs ist, braucht sie neben einer gute Ausdauer auch viel Vertrauen. Ein Begleitläufer weist ihr den Weg.

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          Zimperlich darf Verena Bentele nicht sein. Es kann schon mal vorkommen, daß ihr sportlicher Dauerbegleiter sie mit wenigen, aber deutlichen Worten auf das Wesentliche hinweisen muß: "Klappe halten, laufen!" Wenn eine blinde Skilangläuferin und Biathletin in der Loipe unterwegs ist, darf nämlich nur einer reden - ihr Mitläufer, in diesem Fall Franz Lankes.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Oberbayer, früher einmal im Kader des Deutschen Ski-Verbandes, gibt die Kommandos, warnt vor Unebenheiten, vereisten Stellen, feuert an. Er weist den Weg, aber laufen muß Verena Bentele schon selbst - und zwar am besten schweigend, denn dann ist sie am schnellsten. Bei den Paralympics vor vier Jahren in Salt Lake City gewann die Behindertensportlerin viermal Gold. In Turin macht sie derzeit weiter mit dem munteren Medaillensammeln: Bronze im Biathlon über 12,5 Kilometer, Gold im Langlauf über fünf Kilometer.

          In der Loipe braucht sie Lankes

          Die 24 Jahre alte Germanistik-Studentin aus München hat sich unter professionellen Bedingungen auf diese Winterspiele vorbereitet, was im deutschen Behindertensport die Ausnahme ist. Sie hat, finanziell unterstützt vom Deutschen Behindertensportverband, ein Urlaubssemester eingelegt und ist zur Familie ihres Begleitläufers nahe Ruhpolding gezogen, um häufiger trainieren zu können. Sie kann allein im Kraftraum arbeiten oder in Begleitung von Freunden Dauerläufe machen, was sie nicht sonderlich schätzt. In der Loipe aber braucht sie Lankes.

          Engagierte Athletin: Verena Bentele

          Sehbehinderte Sportler und ihre Begleitläufer schlössen eine Art Ehe auf Zeit, heißt es oft. "Ganz so weit würde ich nicht gehen", sagt Verena Bentele, "aber man muß sich sehr gut verstehen. Dafür ist zu viel Vertrauen im Spiel." Ist das einmal aufgebaut, kann nicht mehr viel passieren, selbst bei unvermeidbaren Stürzen. "Ich kann im Schnee landen oder mal eine Streckenbegrenzung mitnehmen", sagt sie, "alles nichts Schlimmes."

          Ihr professionelles Sportlerleben ist erst einmal zu Ende

          Nur wenn es beim Biathlon ans Schießen geht, darf ihr Lankes nicht mehr helfen. Blinde Sportler verwenden Lasergewehre, die über ein akustisches Signal anzeigen, ob die Zielrichtung stimmt oder nicht. Das ist schwieriger, als es klingt. Bei ihrem ersten Start in Turin hat Verena Bentele durch gleich neun Schießfehler die Goldmedaille verloren, statt dessen gab es Bronze. Da nutzte es ihr nichts, daß sie die Schnellste in der Loipe war.

          Nach diesem Rennen gehörte sie zu jenen acht deutschen Sportlern, die mit Bundespräsident Köhler bei einem Abendessen in Sestriere, dem Schauplatz der meisten Wettkämpfe, über ihren Sport und ihre Nöte sprechen durfte. Dazu gehört, daß sie nach den Paralympics wieder zurück nach München zieht und ihr professionelles Sportlerleben erst einmal zu Ende ist.

          Paralympics-Besucher Köhler sagte, das Gespräch mit den Sportlern habe ihn sehr beeindruckt. Namentlich erwähnte er den ebenfalls blinden Wilhelm Brem und Verena Bentele, die ein Projekt für Nichtbehinderte gegründet haben: Sie besuchen Schulen, um über ihre Behinderung zu sprechen und aufzuklären. Verena Bentele fiel als Gesprächspartnerin auf, die nicht auf den Mund gefallen ist. Ihre männlichen Teamkollegen in Turin wissen das schon lange. Ihnen rief sie nach ihrem Sieg zu: "Für das erste deutsche Langlauf-Gold brauchen die Jungs eben eine Frau."

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