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Olympia-Kommentar : Fehlgesteuert

  • -Aktualisiert am

Ende des Ausflugs in die Welt des schönen Scheins: Ingo Steuer Bild: dpa/dpaweb

Das Eislaufpaar Sawtschenko/Szolkowy war nach dem olympischen Wettkampf „froh, daß jetzt Schluß ist“. Ihr Coach sammelte gleichzeitig keine Sympathiepünktchen. Braucht Deutschland solche Trainer wie Ingo Steuer?

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          Leben im Ausnahmezustand - für Spitzensportler ist das normal. Leben in der Normalität, für viele Topathleten ist es die Ausnahme. Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy, das beste deutsche Eiskunstlaufpaar, sind in ihre Normalität zurückgekehrt. Nach dem wie ein Schock empfundenen Rückfall auf Platz sieben nach dem olympischen Kurzprogramm von Turin erholten sich die beiden Chemnitzer mit einer, wie sie hervorhoben, „Kampfkür“ am Montag abend.

          Daß die zwei ihren keineswegs fehlerfreien Auftritt mit dem Elan von Überlebenskünstlern als Olympiasechste leidlich überstanden, werteten sie als wichtiges Zeichen der Regeneration nach Tagen der Verunsicherung wegen der Stasi-Vorwürfe gegen ihren Trainer. Die eben erst eingebürgerte, gebürtige Ukrainerin Sawtschenko und ihr Partner waren, wie Szolkowy am Montag erleichtert sagte, „froh, daß jetzt Schluß ist“.

          „Solche Kämpfer braucht Deutschland“

          Für Ingo Steuer ist in Turin nichts zu Ende gegangen. Sein Rendezvous mit der eigenen Vergangenheit zu DDR-Zeiten, dokumentiert in seiner Stasi-Mitarbeit als eifriger Jungmann „IM Torsten“, bleibt eines der trüberen Kapitel in der Vita des früheren Paarlauf-Weltmeisters und olympischen Bronzemedaillengewinners. In Turin, wohin er gegen den Willen des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), aber mit freundlicher Unterstützung des Landgerichts Berlin reisen durfte, verpaßte Steuer am Montag auch die letzte olympische Gelegenheit, wenigstens ein paar Sympathiepünktchen zu sammeln.

          Mit einer guten Kür auf Platz sechs: Sawtschenko/Szolkowy

          In der ARD gab ihm ein Moderator das Stichwort, wenigstens zum Abschied vom Schauplatz der Spiele ein ernstgemeintes Wort des Bedauerns über seinen ehemaligen Spitzeljob zu äußern. Steuer aber überhörte die Einladung und überhöhte lieber die tapfere Leistung seines auf ihn eingeschworenen Paars: „Solche Kämpfer wie meine Sportler braucht Deutschland.“ Braucht Deutschland auch solche Trainer wie Ingo Steuer?

          Keine Steuer-begünstigte Konditionen

          Die Bundeswehr, bei der er womöglich unter Vorspiegelung falscher Lebenstatsachen unterkam, könnte dem stasibelasteten Eisläufer von gestern bald den Laufpaß geben. Verteidigungsminister Jung sprach am Dienstag in Sestriere davon, daß der Fall Steuer derzeit „geprüft“, aber nicht während der Spiele entschieden werde.

          Die Deutsche Eislauf-Union scheint auch nicht geneigt, Steuer-begünstigte Konditionen gelten zu lassen - zumal dieser Verband von den Mitteln des Bundesinnenministeriums für den Spitzensport lebt. Wie die von Steuer im Schulterschluß mit seinen Sportlern gerichtlich erzwungene Beschädigung der olympischen Nominierungshoheit des NOK letztlich zu bewerten ist, wird das von den Olympiern angerufene Berliner Kammergericht demnächst zu entscheiden haben.

          Ausflug in die Welt des schönen Scheins

          Das sind lauter Baustellen mit Fallgruben für einen Coach, der seiner Vergangenheit davonlaufen und seine Gegenwart nicht wirklichkeitsgetreu wahrhaben wird. Stellte sich der 39 Jahre alte Sachse endlich der Realität, wäre ja noch abzuwägen, wo eine Zukunft für ihn als Trainer liegen könnte.

          So aber verschlimmert Steuer seine Lage, indem er, anwaltlich gelenkt, die Fakten zu übersehen beliebt. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen - die Maxime der drei Affen dient nur der Selbsttäuschung. Olympia ist für Steuer vorbei und damit auch der Ausflug in die Welt des schönen Scheins.

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