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Peking treibt bald Wintersport : Wer braucht schon Schnee und Berge?

  • -Aktualisiert am

Verlässliche Geschäftspartner: IOC-Präsident Thomas Bach und Chinas Topstar Yao Ming Bild: dpa

Fast hätte Almaty den Sieg des Favoriten verhindert, doch die Chinesen gewinnen die Winterspiele 2022. Thomas Bachs Reformagenda wird damit partiell ausgehebelt – ruhiger Schlaf ist dem Olympischen Komitee wichtiger.

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          Jetzt sollten sie einmal herhören, die Leute in München, in Oberbayern, in Oslo, Stockholm und Graubünden. In den europäischen Wintersport-Zentren, wo sie Olympische Winterspiele lieben, wenn sie im Fernsehen gezeigt werden, es aber zu unbequem finden und finanziell für zu riskant halten, um ihre geistigen Gartentüren dafür zu öffnen. Wenn sie sich jetzt beklagen, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Austragung seiner Winterspiele 2022 auf seiner 128. Vollversammlung am Freitag in Kuala Lumpur an den fast schneelosen chinesischen Moloch Peking vergeben hat, dann sollten sie sich noch einmal daran erinnern, dass sie diese Entwicklung hätten verhindern können.

          Evi Simeoni
          (oni.), Sport

          Die Bevölkerung der Städte München und Garmisch-Partenkirchen und der Kreise Traunstein und Berchtesgadener Land hat sich in einer Bürgerbefragung mehrheitlich gegen eine Bewerbung ausgesprochen. Die Graubündner Eidgenossen auch. In der Holmenkollen-Metropole Oslo machte das Parlament den im Volk unbeliebten Plänen den Garaus, genau wie in Stockholm.

          Blatter ohne Meinung

          Die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022 hätte ein Mehrkampf der traditionellen Winter-Paradiese werden können. Stattdessen wurde sie zu einer machtpolitischen Frage: Die geballte Power seines Nachbarn China konnte der letzte verbliebene Herausforderer Kasachstan mit seiner ehemaligen Hauptstadt Almaty trotz aller Hingabe und einer atemraubenden Präsentation nicht niederringen. Der Zweikampf am Freitag endete knapp mit 44:40 Stimmen.

          Die Kasachen lieferten einen Gallier-Kampf gegen das Riesenreich, aber sie verloren doch. Eines der 85 anwesenden IOC-Mitglieder – der scheidende Fußball-Präsident Joseph Blatter blieb fern – hatte keine Meinung und enthielt sich, zwei Athletensprecher, die wahrscheinlich für Almaty gestimmt hätten, fehlten. Dass es auch anders hätte ausgehen können, das war die große Überraschung von Kuala Lumpur.

          Es wird schon gebaut: Aufnahme aus dem Januar im Skigebiet Zhangjiakou Bilderstrecke
          Es wird schon gebaut: Aufnahme aus dem Januar im Skigebiet Zhangjiakou :

          Doch verloren ist verloren. Auch wenn die aufstrebende Stadt in dem erst seit 1991 selbständigen Land in den vergangenen Monaten deutlich Punkte gut gemacht hatte. Mit der Aussicht auf richtige Winterspiele mit echten, hohen Bergen, natürlichem, aus dem Himmel gefallenen Schnee, in einem vernünftigen finanziellen Rahmen und mit den Athleten im Zentrum, lockten sie die IOC-Mitglieder aus der taktischen Reserve. Nach der palmengesäumten Schwarzmeer-Metropole Sotschi 2014 und den retortenhaften Spielen, die für 2018 in Pyeongchang (Südkorea) erwartet werden, hätten sie endlich einmal wieder eine echte Winterkulisse bekommen. Doch der simple chinesische Appell an die IOC-Mitglieder war stärker, den man folgendermaßen zusammenfassen könnte: Wählt uns, weil wir so groß und stark und so viele Menschen sind.

          Winterspiele 2022 : Peking macht das Rennen um Olympia

          Kasachstan war zunächst eher als Statist mit wirtschaftlichen Problemen und geringem Rückhalt bei der eigenen Regierung angesehen worden. Zu instabil wirkte das vom zerfallenen russischen Rubel und vom abgestürzten Ölpreis abhängige Land, zu sehr angewiesen auf chinesische Investoren, die sich in der Ölförderung engagieren. Doch die Bewerber mit dem charismatischen Anführer Andrej Krjukow entkräfteten immer mehr Argumente. Sie verwiesen auf den mit 75 Milliarden Dollar gefüllten Staatsfonds, mit dem man sich die Olympiakosten und die relativ geringen Infrastruktur-Maßnahmen locker würde leisten können. Sie wiesen nach, dass nur zwei Sportstätten, die Bob- und Rodelbahn und eine Eis-Arena, neu gebaut werden müssten. Und sie brachten privatwirtschaftliche Garantien herbei für die Schaffung der nötigen Hotelzimmer.

          Damit gewannen sie in den vergangenen Monaten so dramatisch an Profil, dass am Mittwoch Scheich Ahmad al Sabah aus Kuweit in der Lobby des IOC-Hotels in Aktion trat. Offenbar, um Chinas Sieg abzusichern. Der genaue Hintergrund seiner späten, aber für alle sichtbaren Gespräche mit IOC-Mitgliedern blieb im Dunkeln – Interview-Anfragen beschied er mit einem überlegenen Lächeln. Scheich Ahmad, IOC-Mitglied und Inhaber mehrerer hochrangiger Funktionen in der internationalen Sportpolitik, gilt als der große Zampano auf dem globalen Abstimmungs-Basar. Das knappe Abstimmungsergebnis ermöglicht zwei Schlüsse: Entweder war sein Engagement für Peking noch dringender notwendig als erwartet. Oder nicht alle angesprochenen IOC-Mitglieder haben diesmal auf ihn gehört.

          Was für die Chinesen ursprünglich als ein Versuchsballon begonnen hatte, wird nun also Wirklichkeit. China wird mit Hilfe eines milliardenteuren Gewaltaktes Winterspiele aus dem Boden stampfen. Die „Olympische Agenda 2020“, das Reformwerk des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach, das er am Vorabend der Vollversammlung in einer feurigen Rede noch einmal beschworen hatte, wird damit schon bei der ersten Belastungsprobe partiell ausgehebelt. Der IOC-Präsident beruft sich zwar darauf, dass diese Wahl die letzte Entscheidung der Prä-Agenda-Zeit gewesen sei. Aber wieso? Lässt sich ein Paradigmenwechsel, der auf echten Überzeugungen beruht, so einfach vertagen?

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          Die Wahrheit ist: Alles redete in Kuala Lumpur von den neuen, einstimmig beschlossenen Wegweisern, die machbare, authentische Spiele in kleineren Städten ermöglichen sollen. Doch gewandert wurde – wenn auch mit knapper Mehrheit – in die entgegengesetzte Richtung. Die Ära Bach, der bereits im September 2013 zum IOC-Präsidenten gewählt wurde, hat offenbar noch nicht einmal begonnen. Als hätte es noch einer Illustration der Lage bedurft, funktionierte noch nicht einmal das neue, elektronische Abstimmungssystem. Es zeigte 89 statt der gültigen 85 abgegebenen Stimmen an. Danach mussten die IOC-Mitglieder Zettel abgeben, ganz wie in uralten Zeiten.

          Bach selbst verwies auf das in seiner Agenda ebenfalls propagierte „Vermächtnis“ Olympischer Spiele. „300 Millionen vor allem junge Leute werden Zugang zum Wintersport bekommen“, sagte er. „Ich finde, das wurde von Peking sehr gut präsentiert. Und vielleicht machte das den kleinen Unterschied.“ Und der ehemalige chinesische Basketballstar Yao Ming behauptete sowieso: „Peking 2022 wird der Olympischen Agenda 2020 total gerecht.“ Zumindest mit Blick auf die Eis-Wettbewerbe, die direkt in der 21-Millionen-Metropole Peking abgehalten werden sollen, dort, wo bereits 2008 die Olympischen Sommerspiele stattfanden, hat er recht.

          Komplett künstlich

          Peking wird die erste Stadt sein, die beides ausrichten darf – Sommer- und Winterspiele. Die Wahrzeichen von einst, das Hauptstadion „Vogelnest“ und die blau leuchtende Schwimm-Oper „Ice Cube“, werden wichtige Rollen spielen. Die Ski- und Rodel-Zentren allerdings liegen etwa 90 und 160 Kilometer entfernt. Insgesamt fallen in dieser Region jährlich etwa 60 Zentimeter Schnee. Die Auflage muss also komplett auf künstliche Weise, mit Schneekanonen, produziert werden. Angeblich gibt es genügend Wasservorräte dafür in der sehr trockenen Gegend. Und überhaupt: Außer ein paar sanften Skihügeln existiert noch nichts von dem Hochleistungs-Sportpark, den Olympische Winterspiele brauchen.

          Im geplanten nordischen Zentrum Zhangjiakou müssen sämtliche Sportstätten erst noch gebaut werden, im anvisierten alpinen Skigebiet Yanqing fast alle, wobei die Abfahrtsstrecke – immerhin eines der Herzstücke zünftiger Winterspiele – wohl nur mit viel gutem Willen seitens des Internationalen Skiverbandes als solche wird durchgehen können. Den Journalistentross, der im März die Evaluierungskommission begleitete, brachte man jedenfalls nicht an diesen Ort. Stattdessen bot man den Medienvertretern die Möglichkeit, sich auf einem Weingut zu alkoholisieren.

          Umsiedlungen werden sich im übrigen nicht vermeiden lassen: Der Biathlonstrecke wird ein Dorf weichen müssen, einem Bahnhof und einem der Olympischen Dörfer ein zweites. Nach Angaben des Bewerbungskomitees sind die 800 Betroffenen natürlich zu fast 100 Prozent damit einverstanden. Auch sonst dürften Peking und das IOC gut vorbereitet sein auf die kommenden Diskussionen mit Menschenrechts-Gruppierungen. Die Olympier werden darauf verweisen, dass die olympische Sphäre durch eine entsprechende Passage im Veranstaltervertrag geschützt sei. China wird verlangen, dass sich niemand von außen in nationale Fragen einmischen soll. All das hatten die Beteiligten ja schon.

          Doch es gibt noch mehr Stoff zur kritischen Auseinandersetzung. Im Moment ist das Schneezentrum nur durch eine stundenlange Fahrt über eine verstopfte und vom Smog verdüsterte Autobahn zu erreichen. 2022 soll ein Hochgeschwindigkeitszug die drei Zentren verbinden. Über genaue Entfernungen, Fahrt- und Wartezeiten waren den Bewerbern – und auch dem IOC-Evaluierungschef Alexander Schukow – nur widersprüchliche Angaben zu entlocken. Die Olympia-Kosten werden trotz der gigantischen Pläne nur mit 1,6 Milliarden Dollar angegeben. Alle anderen Ausgaben, so die auf die „Agenda 2020“ zugeschnittene Interpretation, gelten als langfristige Investitionen in die Infrastruktur des Landes.

          Parallelen zu vergangenen Gigantomanien

          Parallelen zu vergangenen Gigantomanien wie bei den Winterspielen 2014 in Sotschi müssen schließlich vermieden werden. Auch das Thema Luftverschmutzung wurde heruntergespielt. Beim Besuch der Evaluierungskommission des IOC hatten die Bewerber noch kurzerhand einige der schlimmsten Dreckschleudern abgeschaltet. In Kuala Lumpur erklärte Pekings Bürgermeister Wang Anshun, Umweltschutz sei Thema Nummer eins der nationalen Strategie, der Staat stecke 130 Millionen Dollar in einen Aktionsplan zur Verbesserung der Luftqualität. Vor allem aber gaben sich die Chinesen als der verlässliche Geschäftspartner, wie ihn das IOC schon 2008 schätzen gelernt hat. Man baut pünktlich und organisiert verlässlich. „Wir geben volle Garantien“, sagte Vize-Premierministerin Liu Yandong in der Präsentation. „Wir werden jedes unserer Versprechen halten.“

          Thomas Bach machte deutlich, wie wichtig er eine solch beruhigende Partnerschaft findet. „Dies war eine sichere und historische Entscheidung“, sagte er. Von dieser Haltung hatte ihn auch Karim Massimow, der Premierminister Kasachstans nicht abbringen können, ein kämpferischer Uigure, der den IOC-Mitgliedern zurief, sie wollten vielleicht nach ihrer Entscheidung sieben Jahre ruhig schlafen. „Aber wann haben Sie jemals ruhig geschlafen? Als das IOC die Apartheid bekämpfte? Als es 1980 im Kalten Krieg seine Spiele nach Moskau gab? Oder 2008 nach Peking, um einer aufstrebenden Nation die Chance zu geben, sich darzustellen? Das waren heldenhafte Statements. Und in jedem Fall hatten Sie recht.“

          Selbst in der chinesischen Delegation war später zu hören, dass man von Kasachstan noch etwas lernen könne. Und auch Michael Vesper, der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), der nach Malaysia gekommen war, um die Hamburger Bewerbung für die Sommerspiele 2024 zu promoten, gab sich gelehrig. „Das Ergebnis ist ein Stück weit ermutigend, weil es zeigt, dass man mit einem guten Konzept und einer perfekten Präsentation etwas bewirken kann.“ Nur gewinnen wäre noch schöner.

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