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Österreichs Skispringer : Der Absturz der fast unschlagbaren Super-Adler

  • -Aktualisiert am

Abwärtstendenz: Stefan Kraft, Tourneesieger 2015, zieht es derzeit schneller ins Tal, als ihm lieb ist Bild: Reuters

Noch vor einem Jahr waren Österreichs Skispringer die gefeierten Superstars bei der Vierschanzentournee. Vor dem Abschluss in Bischofshofen befinden sie sich im Sturzflug – und sind bestenfalls noch Randfiguren.

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          Der beste Österreicher musste ins Nebenzimmer, freundlich ausgedrückt. Denn das Nebenzimmer war die Umkleidekammer. Während Peter Prevc und Severin Freund am Sonntagabend bei der Pressekonferenz nach dem Springen von Innsbruck auf dem Podium in einer umfunktionierten Turnhalle nahe der Bergisel-Schanze saßen, stand Michael Hayböck in der Kabine nebenan. Umringt von wenigen, österreichischen Journalisten. Die internationale Presse hatte wichtigere Leute zu sprechen, nebenan, auf der großen Bühne.

          Es ist ein neues, ungewohntes Gefühl für die Österreicher. In den vergangenen sieben Jahren war das komplett anders. Wenn die österreichischen Skispringer bei der Vierschanzentournee die Pressezentren betraten, richtete sich all die Aufmerksamkeit nur auf sie. Und die Fragen, die sie beantworten mussten, waren ungemein freundlich. Schließlich ging es allein darum, warum sie wieder und wieder triumphierten.

          Umkleidekabine, Abstellkammer

          Die letzten sieben Sieger der Tournee – alle aus Österreich. Genauso beeindruckend war: Die sieben Erfolge gelangen sechs verschiedenen Athleten: Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler, Thomas Morgenstern, Thomas Diethart, Stefan Kraft und zweimal Gregor Schlierenzauer. Die Österreicher wurden bejubelt als nahezu unschlagbare Super-Adler. Und nun das. Umkleidekabine, Austria-Runde, Abstellkammer.

          Hayböck kam als Bester seines Teams in Innsbruck auf Platz fünf, in der Gesamtwertung belegt er zwar Rang vier, sein Rückstand auf den Führenden Prevc und den Zweiten Freund ist aber bereits so groß, dass kein Zweifel mehr daran besteht: Die grandiose Siegesserie der Österreicher bei der Tournee wird bei der 64. Auflage enden. „Ich habe jetzt neue Ziele“, sagt Hayböck im Hinblick auf das vierte Springen am Mittwoch in Bischofshofen. „Ich möchte weiter konstant unter die Top Ten.“

          Top Ten? Das sind wirklich ganz neue Töne von den Österreichern. Sie entsprechen der Realität. Auch der Vorjahressieger Kraft kommt für Plazierungen unter den besten drei derzeit kaum in Frage. Am Bergisel wurde er Elfter, in der Gesamtwertung belegt er Platz acht. Und hinter Hayböck und Kraft klafft eine große Lücke. In Innsbruck musste die österreichische Mannschaft das schlechteste Ergebnis seit 15 Jahren hinnehmen, außerdem liegt der letzte Sieg eines Österreichers im Weltcup nun schon 15 Springen zurück. In der Nationenwertung ist Österreich auf den vierten Rang abgerutscht, hinter Deutschland, Norwegen und Slowenien. Die Statistik sieht düster aus für die einst so vom Erfolg Verwöhnten. Und so fragt die „Kronenzeitung“ schon: „Ist Österreich im Skispringen nur noch zweite Liga?“

          Gründe für die Schwäche gibt es viele. „Sie sind einfach nicht mehr so breit aufgestellt, wie sie es einmal waren“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. Loitzl und Morgenstern haben ihre Karrieren beendet. Ehemalige Sieggaranten wie Diethart, Kofler und Schlierenzauer sind vollkommen außer Form. Diethart, der vor zwei Jahren sensationell die Tournee gewann, ist derzeit nur im zweitklassigen Continentalcup unterwegs. Der 23-Jährige spricht davon, er habe das Skispringen verlernt. Kofler scheiterte in Innsbruck in der Qualifikation, bei den ersten beiden Tournee-Wettbewerben stand er nicht mal im Kader.

          Fassungslos ob der eigenen Leistung: Stefan Kraft und Gregor Schlierenzauer (r.)

          Noch größere Rätsel gibt Schlierenzauer auf. Der erst 25-Jährige gilt als einer der besten Skispringer aller Zeiten. Mit 53 Weltcup-Siegen ist er Rekordhalter. Doch seit Dezember 2014 hat er nicht mehr gewonnen. Am Sonntag verpasste Schlierenzauer auf seiner Heimschanze sogar den zweiten Durchgang. Platz 33. Der einstige Überflieger zweifelt mittlerweile nur noch. Wegen Erschöpfung hatte Schlierenzauer vor der Tournee schon drei Weltcups ausgelassen. Burnout? Er selbst beschreibt seine Lage nebulös: „Es passen gewisse Dinge einfach nicht zusammen, da beißt man sich die Zähne aus.“ Für das Abschlussspringen in Bischofshofen hat ihn Bundestrainer Heinz Kuttin nicht nominiert. „Ich habe in unserem Gespräch gemerkt, dass es für ihn eine Qual ist“, sagte Kuttin am Montag. Statt Schlierenzauer kehrt nun Diethart zurück.

          Ernst Vettori, Nordischer Sportdirektor des Österreichischen Ski-Verbands, wird deutlich: „Es ist nicht immer gut, wenn man bereits alles gewonnen hat“, sagt er über Schlierenzauer. Solche Motivationsprobleme sieht Vettori bei Nationaltrainer Heinz Kuttin aber nicht. „Die Sichtweise, dass bei uns außer den Plätzen eins bis drei alles schlecht ist, akzeptiere ich nicht“, betont der 51-Jährige.

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          Kuttin, der den Chefposten vor knapp zwei Jahren von dem überaus erfolgreichen Alexander Pointner übernommen hat, geht die Aufgabe, eine neue Mannschaft aufzubauen, ruhiger und weniger polarisierend an als sein Vorgänger. Doch auch er weiß, er muss trotzdem sehr gute Ergebnisse liefern. „Und derzeit schaut es nicht so gut aus für uns“, sagt Kuttin. Zumal die ausbleibenden Top-Resultate offenbar nicht nur mit den Formschwächen einzelner Athleten zusammenhängen. Die Österreicher hinkten vor allem beim Material hinterher, heißt es, sie hätten bei den für Weite und Sprungstabilität so wichtigen Anzügen Nachholbedarf. „Ich weiß nicht, woran es hapert“, sagt Hayböck dazu nur. „Rundherum läuft es nicht so gut.“

          Doch auch der 24-Jährige stellt sich vor den Trainer. „Wir sind sehr glücklich mit Heinz.“ So harmonisch dürfte es bei den Österreichern aber kaum bleiben. Und Kuttins Vorgänger bringt sich schon in Stellung. „Noch wird alles schöngeredet“, sagt Pointner. Größeren Diskussionen dürften Hayböck und seine Teamkollegen wohl nur entgehen, wenn sie nach den nächsten Springen nicht mehr im Nebenzimmer stehen.

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