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Ermittlungen gegen Russen : Die dunkle Seite des Biathlons

Im Zentrum der Ermittlung: Anton Schipulin beim Weltcup in der Chiemgau Arena im Januar 2018 Bild: dpa

Wieder Doping-Verdacht, wieder Russland, wieder Biathlon: Die österreichische Staatsanwaltschaft verdächtigt fünf Sportler des „schweren Betrugs“ – bei der Weltmeisterschaft 2017.

          3 Min.

          Das sind die Bilder, die sich jeder Weltcup-Ort sehnlichst wünscht. Die Tiroler Berge sind tiefverschneit, die Bäume tragen ein dickes Winterkleid, und die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Was für phantastische Bilder vom Biathlon-Weltcup in Hochfilzen. Unbezahlbare Werbung. Aber die weiß glitzernde Postkarten-Idylle trügt. Noch bevor der erste Wettkampf-Schuss gefallen ist, ist wieder die dunkle Seite des beliebten Wintersports zutage getreten. Am Mittwochabend hat die österreichische Polizei der russischen Biathlon-Mannschaft in deren Quartier einen Besuch abgestattet. Keine Razzia, keine Durchsuchungen, keine Vernehmungen, sondern eine wichtige Formalie. Die Polizei hat zehn russische Teammitglieder schriftlich davon in Kenntnis gesetzt, dass in Österreich gegen sie Ermittlungsverfahren laufen.

          In der Diktion der österreichischen Behörde hört sich das so an: „Es kann bestätigt werden, dass bei der Zentralen Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption (WKStA) in Österreich ein Ermittlungsverfahren gegen fünf Betreuer des russischen Biathlon-Teams wegen der Anwendung verbotener Substanzen bzw. Methoden zum Zweck des Dopings und fünf Sportler dieses Teams wegen schweren Betruges im Zusammenhang mit Doping geführt wird. Der Tatzeitraum betrifft die Biathlon-WM 2017 in Hochfilzen.“ Und die Internationale Biathlon-Union (IBU) wird einmal mehr von der Vergangenheit eingeholt, diesmal von der jüngeren – und nicht von den Ereignissen in und um Sotschi 2014.

          Namen nannte die Behörde nicht, aber das übernahm die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass. Auf ihrer Liste finden sich die Namen von fünf Biathleten: Anton Schipulin, Alexander Loginow, Jewgeni Garanitschew, Alexej Wolkow sowie Irina Starych. Die einzige Frau unter den Beschuldigten startete übrigens am Donnerstag im Sprint – und wurde ohne Schießfehler Neunte. Sie hat allerdings – wie Herr Loginow – eine Doping-Vergangenheit: Beide waren bis Ende 2016 wegen Epo-Missbrauchs gesperrt. Beide waren damals nach verbüßten Doping-Strafen bei der WM im Februar 2017 in Hochfilzen wieder am Start. Was im Falle Loginow großen Unmut bei der Konkurrenz ausgelöst hatte.

          Schipulin weist Vorwürfe zurück

          Nun steht auch der russische Superstar Schipulin im Zentrum der Ermittlungen. Doch während andere auf Tauchstation gehen, wählt Schipulin die Offensive und wehrt sich. Der Staffel-Olympiasieger von Sotschi 2014, der sich derzeit in Obertilliach/Osttirol auf seinen Saisoneinstieg vorbereitet, schrieb schon am frühen Donnerstagmorgen – via Instagram. „Ich habe die Anti-Doping-Regeln niemals verletzt. Ich habe immer guten Gewissens alle Doping-Tests absolviert. Ich kann mir diesen Vorgang nicht erklären.“ Der 31 Jahre alte Russe hatte auch 2017 bei der WM in Hochfilzen mit der Staffel Gold gewonnen. Er sei „äußerst verärgert, dass diese Hexenjagd weitergeht, die mein Vertrauen als sauberer Sportler nicht nur in den Kampf gegen Doping, sondern in unsere Sportart insgesamt untergräbt“, schrieb Schipulin, gegen den noch keine konkreten Doping-Vorwürfe bekannt sind. Allerdings hatte ihn das Internationale Olympische Komitee nicht zu den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang zugelassen.

          Und wie gehen die Russen nun mit der neuen Entwicklung um? Trainer Anatoli Kowanzew demonstrierte am Schießstand Gelassenheit, als er Garanitschew die Tafel mit dessen Trefferbild zeigte. Doch der Schein trog. Anfragen begegnete er ziemlich gereizt. „Was wollen Sie?“ Und nein, sagt er dem Fernsehen auf Englisch, ,,es gibt keinen Kommentar, noch nicht“.

          Ricco Groß, seit Frühjahr Cheftrainer in Diensten der Österreicher, stand fast direkt neben seinem russischen Kollegen – und Vorgänger. In die Amtszeit von Groß als Trainer der russischen Männer fallen die Anschuldigungen gegen vier der fünf Biathleten. Auch der Wahl-Ruhpoldinger gibt sich gelassen. „Erst mal abwarten.“ Und bei ihm sei die Polizei ja nicht gewesen. Erik Lesser, Mitglied der IBU-Athletenkommission, hat von der neuen Entwicklung auf dem Weg zum Training erfahren. Auch er ist erst einmal zurückhaltend: „Aktuell gibt es keine positiven Doping-Proben. Wir müssen einfach abwarten, was die österreichische Polizei rausfindet.“ Dass seit der WM 2017 mittlerweile 22 Monate ins Land gegangen sind, findet der 30 Jahre alte Thüringer zwar suboptimal, gibt aber auch zu bedenken: „Keiner will einen Schnellschuss. Die Materie ist hochkomplex, da muss man alle Argumente sammeln, ehe man eine Entscheidung trifft. Für die Zuschauer ist es schwierig, wir Athleten wollen auch Klarheit. Aber es ist besser, das eher ruhig anzugehen und sauber zu analysieren.“ Natürlich weiß er, dass er gegen Athleten antreten muss, die unter Beobachtung stehen – und noch dazu erfolgreich sind. Loginow etwa stand in Pokljuka zweimal auf dem Treppchen. „Ein bisschen Argwohn ist schon dabei“, gibt Lesser zu. Sein Rezept: „Einfach ausblenden. Mit etwas anderem darf man sich nicht beschäftigen.“

          Das übernehmen die Behörden. Seit Ende 2017 ermittelt die Zentrale Staatsanwaltsanwaltschaft in Wien in Sachen Biathlon. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht der frühere IBU-Präsident Anders Besseberg, dem Korruption und Bestechlichkeit in Zusammenhang mit Doping vorgeworfen werden. Der Norweger bestreitet alle Vorwürfe. Sein Nachfolger, der erst September beim Kongress in Porec gewählte Schwede Olle Dahlin, ist mit dem Versprechen angetreten, den schwer angeschlagenen Verband aus seiner tiefsten Krise zu führen. Auf den ehemaligen Manager, der erst an diesem Freitag nach Hochfilzen kommt, wartet viel Arbeit.

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