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Österreich-Affäre : Unter der Schneedecke

  • -Aktualisiert am

Österreichs Athleten sind nicht das Opfer einer Kampagne Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nach den negativen Dopingtests bei den Winterspielen fühlen sich die Österreicher „reingewaschen“. Das IOC fordert trotzdem schnelle Konsequenzen, denn die Staatsanwaltschaft fand Indizien für die schmutzige Seite des Sports.

          3 Min.

          Negativ ist positiv. Zumindest, wenn es sich um Dopingtests handelt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat die Analyseergebnisse der Dopingkontrollen bei vier österreichischen Biathleten und sechs Langläufern veröffentlicht: nichts Verbotenes gefunden. Da blühte die gebeutelte österreichische Seele auf.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Der Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) für Langlauf und Biathlon, Markus Gandler, forderte im Namen der Fairness eine "Rehabilitierung". Leo Wallner, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Österreich (ÖOC), sieht zum scheinbaren Ende des Großreinemachens sogar nur lauter Sauberkeit: "Nun sind wir reingewaschen." Und Österreichs mächtigster Sportfunktionär, der Präsident des Skiverbandes (ÖSV), Peter Schröcksnadel, ging gleich zur Attacke über: "Das war Rufmord." Österreich als Opfer einer schmutzigen Kampagne?

          Die schmutzige Seite des Sports

          Der dichte Schneefall der vergangenen Tage hat eine dicke schneeweiße Decke über Pragelato und San Sicario gelegt, den Staub jener Orte zugedeckt, die vor einer Woche nächtens von der Polizei aufgesucht worden waren. Dort fand der Staatsanwalt in einem Quartier der Österreicher laut eigenen Angaben Indizien für die schmutzige Seite des Sports. Dort nahmen die herbeigerufenen Dopingkontrolleure des Internationalen Olympischen Komitees die Athleten für Dopingkontrollen zur Seite.

          Markus Gandler fordert „Rehabilitation”

          Ein unerhörter Akt, wie ÖSV-Boß Schröcksnadel fand. Wenn doch am nächsten Tag die Langlaufstaffel auf dem Programm steht! "Und Italien läuft." Schröcksnadel vergißt dabei nur eines zu erwähnen: Erstens sind die Langläufer laut IOC-Präsident Jacques Rogge um 23.30 Uhr wieder im Quartier gewesen. Und zweitens verzichteten die Dopingkontrolleure auf eine Blutprobe. Und zwar aus Rücksicht auf die Wettkampfbelastung. Sie hätten ihnen zuviel Blut abnehmen müssen.

          Der Besitz ist strafbar

          Von der Freude am Negativen bleibt nicht viel Positives übrig. Denn die Auswertung der Proben beweist zunächst nur eines: Doping mit Erythropoietin (Epo), Stimulanzien oder Anabolika konnten nicht nachgewiesen werden. Das wäre auch verwunderlich gewesen. Längst weiß jeder Spitzbube von der Fähigkeit der IOC-Labore, diese Substanzen nachzuweisen. Deshalb ist es in der Ausdauerszene zur Renaissance von Eigenblutdoping gekommen. Um diese Methode nachzuweisen und die Sünder bestrafen zu können, braucht man aber wenigstens eine Blutprobe. Es sei denn, die Fahnder von Staat und Sport finden Beweisstücke, Geräte zur Umsetzung der verbotenen Methode. Allein schon der Besitz ist strafbar.

          Weil das so ist, fühlen sich die Behörden in ihrem Eifer bestätigt. Der Vizestaatsanwalt von Pinerolo, Ciro Santoriello, berichtete der französischen Sportzeitung "L'Equipe" von relevanten Beweisen: "Teile der Zeugenaussagen, die uns vorliegen, haben bestätigt, daß das IOC Sanktionen gegen die Athleten ergreifen kann." Santoriello schilderte zudem ein auffälliges Verhalten von Athleten während der Razzia: "Einer griff nach den Materialien, die wir beschlagnahmt haben, ein anderer hat einen Beutel mit Gegenständen aus dem Fenster geworfen." Alles nur vor lauter Stress angesichts der bewaffneten Staatsgewalt?

          „Dummdreist“

          Daran glaubt das IOC nun nicht und verwies auf seinen langen Atem: "Die Dopingkontrollen sind nur ein Element einer Affäre, die zweifellos viel weiter geht." In einigen Monaten, wenn die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft abgeschlossen sind, wird eine Disziplinarkommission des IOC den Fall aufrollen. Gleichzeitig wollen die Österreicher mit einer Wahrheitskommission Punkte sammeln. Sie müssen, denn es steht mehr auf dem Spiel als die Frage nach den Dopingpraktiken des Walter Mayer. Der seit den Winterspielen 2002 dopingbelastete Coach hatte als offizieller Biathlon- und Langlauftrainer der Österreicher zwar keine Akkreditierung für die Spiele erhalten, weil er vom IOC bis 2010 gesperrt ist. Mayer aber, seit Jahren auf der schwarzen Liste von Dopingermittlern, tauchte im Team-Quartier auf. Die "Privatmann-Version" der sich in Unschuld wähnenden österreichischen Sportführer stieß beim IOC auf höchste Verärgerung. "Dummdreist", hieß es aus dem Führungszirkel, sei diese Nummer gewesen. Als winke der Coach nur von der Tribüne seinen Sportlern zu.

          Mayer ist Hals über Kopf geflohen, zwei seiner Athleten und ein Trainer folgten ihm und stürzten damit den österreichischen Sport in eine ernste Krise. Darf man Sportskameraden Olympische Spiele anvertrauen, die die Null-Toleranz-Politik des IOC so schamlos unterlaufen? Angeblich ist bei der Krisensitzung des IOC am vergangenen Sonntag über eine Sperre des österreichischen NOK gesprochen worden. Das wäre wohl das Ende der Salzburger Hoffnung auf die Austragung der Winterspiele 2014 gewesen.

          Zu einem Ausschluß wird es nicht kommen. Aber schnelle Korrekturen forderte das IOC schon. Darüber entwickelte sich ein Machtkampf zwischen dem NOK-Chef Wallner und dem ÖSV-Chef Schröcksnadel. Der mächtige Ski-Funktionär weigerte sich, den Sportdirektor für Langlauf und Biathlon, Markus Gandler, dem IOC als Bauernopfer zu präsentieren. Inzwischen wirft man sich gegenseitig vor, Mayers Präsenz nicht nur geduldet zu haben. Gandler behauptet, das NOK Österreichs habe zugesagt, "daß wir für Mayer Karten kaufen können. Mayer wurde sogar eine offizielle Einkleidung zugesagt und von diversen Medien eine Akkreditierung." Das beweist schon mal eines: Alle haben's gewußt, aber keiner hat's kapiert.

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