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Skispringer Noriaki Kasai : Er fliegt und fliegt und fliegt

  • -Aktualisiert am

Weiter, immer weiter: Noriaki Kasai fliegt auch am Bergisel Bild: Reuters

Noriaki Kasai ist schon 42 und gehört immer noch zur Skisprung-Weltspitze. Am Sonntag beim dritten Springen der Vierschanzentournee in Innsbruck ist er wieder dabei. Wie macht der Japaner das?

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          Beim Blick über die Ergebnislisten der Vierschanzentournee kann man Erstaunliches entdecken. Auf diesen Datenblättern wird neben Weiten, Noten und Plazierungen auch das Geburtsjahr der Skispringer aufgeführt. Stefan Kraft: 1993. Peter Prevc: 1992. Michael Hayböck: 1991. Etwas weiter unten in der Liste bleibt der Blick bei einer ungewöhnlichen Jahreszahl hängen: 1972. Davor der Name: Noriaki Kasai. Der Stilist aus Shimokawa. Er war schon immer da, ist es immer noch, und wird im Alter zumindest nicht schlechter.

          Derzeit nimmt der 42-jährige Japaner zum 24. Mal an der Vierschanzentournee teil. Und rechnet sich dabei als Fünfter des Gesamtklassements durchaus noch Chancen aus, auf dem Siegertreppchen zu landen. Bei der Qualifikation für das dritten Springen in Innsbruck an diesem Sonntag (14 Uhr, live im ZDF und F.A.Z.-Liveticker) belegte er am Samstag den siebten Rang. Ganz zufrieden war er nicht. „Das Timing hat nicht ganz gestimmt“, beschrieb er seinen vom Wind gebremsten Satz auf 121 Meter. „Wenn das Timing stimmt, kann ich hier gewinnen“, schob er selbstbewusst hinterher. Das Publikum würde es ihm fast gönnen – zumindest aber Platz drei hinter den Lokalmatadoren Kraft und Hayböck, denn kein nicht-österreichischer Springer wurde am Berg Isel so angefeuert wie Kasai.

          1993 war er Zweiter

          Seine beste Plazierung gelang dem Kultspringer bei dieser Kultveranstaltung schon vor über zwanzig Jahren, als er den zweiten Rang im Gesamtklassement belegte. Das war 1993, knapp geschlagen vom Österreicher Andreas Goldberger. Der ist mittlerweile auch wieder an und auf der Schanze zu sehen. Beim Neujahrsspringen in Garmisch gab der Gaudibursch den Vorspringer, mit Helmkamera und Mikro kommentierte er seinen eigenen Hüpfer live fürs Party-Publikum. Solche Showeinlagen würde Kasai vermutlich nie machen. Der jung gebliebene, aber dennoch ernsthafte Japaner springt lieber richtig.

          Immer noch erinnert er mit seinen langen schwarzen Haaren und dem schmalen Gesicht an einen Indianer aus einem Winnetou-Film, wenn er vor dem Anlauf von der Schanze ins Tal blickt. Mittlerweile ist das Haar zwar etwas dünner geworden, aber von wenigen Silberstreifen abgesehen noch immer pechschwarz. Bei der Frage nach dem Geheimnis seiner ewigen Jugend verweist er auf seine Einstellung. Ihm gelänge es offenbar, „die Grenzen im Kopf zu verschieben“, hat der deutsche Bundestrainer Werner Schuster über seinen Alterskameraden gesagt.

          Noriaki Kasai ist nicht nur mental stark. Zudem pflegt er sich und seinen Körper, lässt jeden zweiten Trainings- und Probesprung aus, um die strapazierten Gelenke nicht unnötig zu belasten. Die Profile und Tücken der Schanzen kennt er auswendig, das ist der Lohn seiner Erfahrung. Und stilistisch gilt er sowieso als Vorbild. Bei extremer Körpervorlage leistet sich der exzellente Flieger selten Wackler oder Korrekturen. „Wenn du nur das Schattenbild seiner Luftfahrt siehst, weißt du: Es ist Noriaki“, staunte der Schweizer Simon Ammann einst.

          Kasai blieb und stellte die Technik um

          Als Kasai sein Debüt im Skisprung-Weltcup gab, stand die Berliner Mauer noch und die aktuellen Konkurrenten waren noch nicht mal geboren. Es war im Dezember 1988 in Sapporo, als Kasai, damals zarte 16 Jahre alt, seine ersten Versuche bei den Großen wagte. Gesprungen wurde noch im Parallelstil, doch die Zeitenwende kündigte sich bereits an. Den Wettbewerb gewann damals der Schwede Jan Boklöv, der als Erfinder des V-Stils in die Annalen der Sportart eingehen sollte, ansonsten aber schnell in der Versenkung verschwand, nachdem sich die von ihm eingeleitete Revolution auch bei den wirklich guten Springern durchgesetzt hatte.

          Noriaki Kasai aber blieb. Stellte seine Sprungtechnik um. Etablierte sich in der Weltelite und kam immer wieder zu Erfolgen. Sein größter gelang ihm im März 1992, als er im tschechischen Ort Harrachov Skiflug-Weltmeister wurde, es war zugleich sein erster Weltcupsieg. Bis heute sollten 16 weitere folgen, der letzte gerade erst Ende November 2014 im finnischen Kuusamo. Dort teilte er sich den obersten Podestplatz mit Ammann, der mit 33 Jahren auch schon zu den Älteren des Metiers gehört und ein überragender Könner seines Fachs ist. Doch selbst der viermalige Olympiasieger verneigte sich vor dem Altmeister aus Fernost: Das Bild von der Siegerehrung mit Kasai und ihm werde „einen Platz an meiner Wohnzimmerwand finden“. Ein halbes Jahr zuvor hatte Kasai in Sotschi sensationell Olympia-Silber von der Großschanze gewonnen. Und mit der Mannschaft noch Bronze hinzugefügt. Es waren seine siebten Olympischen Spiele als Aktiver – und eine späte Genugtuung für den Makel von Nagano 1998. Damals holten die japanischen Flieger vor heimischem Publikum Gold – Noriaki Kasai war aber nicht fürs Team nominiert worden.

          Springt er bis 50?

          „Ich dachte damals, ich schaffe es nie“, sagte er Jahre später. Aber er ließ sich davon genauso wenig beirren, wie von Regeländerungen, dem zeitweisen Magerwahn der Konkurrenten und den Anzugsmoden zwischen flatterhaft und hauteng. Auch als er zwischen 2005 und 2012 eher hinterher als vorneweg sprang, verlor er nicht die Lust. „Es ist für mich einfach eine große Freude, noch Skispringen zu können“, sagt der 1,75 Meter große und 62 Kilo leichte Japaner gelassen. Er ist aber nicht nur Liebhaber seines Sports, sondern auch Perfektionist. Um sich und seinen Biorhythmus bestmöglich auf die Tournee vorzubereiten, stellt er beim Training zu Hause die Uhren auf Mitteleuropäische Zeit. Davon konnte ihn auch seine Ehefrau Reina Harima nicht abbringen, die er im vergangenen Jahr heiratete.

          Wie alle japanischen Skispringer ist Kasai Angestellter einer Firma; in seinem Fall ist es Tsuchiya Holding, eine Wohnungsbaugesellschaft in Hokkaido. Dort wird ihm ein Platz im Büro freigehalten, sollte er doch eines Tages seine Karriere beenden. Wozu er aber offenbar wenig Lust verspürt. Als er in Oberstdorf gefragt wurde, wie lange er denn noch im Skisprungzirkus dabei sein wolle, antwortete er nur halb im Scherz: „Bis ich 50 bin.“

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