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Nordische Ski-WM : Wie ein amerikanischer Boxer

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Der Held der Norweger: Drei Gold- und zwei Silbermedaillen Bild: AFP

Von Petter Northug, dem letzten Weltmeister von Oslo, bis Thomas Morgenstern: Die nordische Ski-WM bringt Stars und Helden hervor. Die deutschen Kombinierer dürfen sich zumindest als Gewinner fühlen.

          Keine Geste des Triumphs, nicht einmal eine geballte Faust, keine starken Worte: Petter Northug lag auf dem Rücken, gut eine halbe Minute lang. Nur einmal hob er noch im Liegen die Hände, die Stöcke hingen in den Schlaufen an den Handschuhen; Northug applaudierte. Sich selbst, dem Gegner, den er wieder einmal fast nach Belieben im Schlussspurt besiegt hatte, allen, die diesen Lauf über 50 Kilometer bei den nordischen Skiweltmeisterschaften hinter sich gebracht hatten? Er hatte sich auf jeden Fall den Beifall verdient. Mit seinem dritten Titel und zwei Silbermedaillen ist der Langläufer neben seiner Landsfrau Marit Björgen, die ihn mit vier Goldmedaillen und einmal Silber übertraf, der norwegische Held der WM am Holmenkollen. Zum Schluss der Titelkämpfe gewann Northug vor dem Russen Maxim Vylegschanin und seinem Landsmann Tord Asle Gjerdalen. Tobias Angerer aus Vachendorf wurde Sechster.

          Northug hatte schon mit seinen zwei Olympiasiegen von Vancouver Heldenstatus erreicht. Viele Norweger lieben ihn auch für jedes seiner Mätzchen, für jede Provokation seiner Gegner. Eine große Mehrheit seiner Landsleute, das haben Umfragen ergeben, steht hinter ihm und applaudiert ihm auch für die Einlage im Staffelfinale, als er Marcus Hellner lächerlich machte. „Wo warst du, als Northug den Schweden demütigte?“, fragte die „Aftenposten“ in ihrer Schlagzeile - in Anlehnung an das legendäre Staffelfinale von 1982. „Wo warst du, als Bra der Stock brach?“, hieß es bisher. Northug sei ein Spiegelbild der Gesellschaft, sagt Vegard Ulvang, dreifacher norwegischer Olympiasieger. „Er ist nicht wie die Langläufer vorher waren. Langläufer sollten bescheiden und schüchtern sein. Er aber ist wie ein amerikanischer Boxer.“

          Morgenstern gewann drei Titel am Holmenkollen

          Es ist wohl auch Northugs Art, in dieser Welt der Heldenverehrung zu überleben. Denn „in einer Woche interessiert es niemanden mehr, wer der Held der Weltmeisterschaft war“, sagt Thomas Morgenstern. Drei Titel gewann er am Holmenkollen. „Das Schlechteste, was mir passiert ist, ist eine Silbermedaille.“ In seiner Heimat Österreich ist er unübertroffen. Mit dem Mannschafts-Gold im Skispringen am Samstag avancierte er zum erfolgreichsten Wintersportler seines Landes, holte den legendären Toni Sailer in der Zahl der Goldmedaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ein, überholte ihn bei der kompletten Sammlung.

          Der Überflieger: Morgenstern gewann drei Titel am Holmenkollen

          Er ist zu Hause ein Superstar, ein Platz ist in seiner Kärntner Heimatgemeinde Seeboden nach ihm benannt. Als Erstes werde der Bürgermeister zu Besuch kommen, wenn er zurück sei, sagte Morgenstern in Oslo, das habe man ihm erzählt. Sein Gold hat Morgenstern längst zu Geld gemacht, auf rund eine Million Euro im Jahr werden seine Einnahmen aus Werbeverträgen geschätzt.

          Wenn man erst 24 Jahre alt ist wie Northug und Morgenstern, kann man leicht den Boden unter den Füßen verlieren bei so viel Verehrung. Morgenstern hat die Lektion mit großen Niederlagen schon gelernt. „Ich erwarte mir nicht irgendetwas“, sagt er. Immerhin hat er den größten Anteil daran, dass sein Team Austria außer bei den Olympischen Spielen von Turin 2006 noch nie erfolgreicher war bei Großereignissen als diesmal in Oslo - mit sieben Goldmedaillen, zwei silbernen und einer bronzenen, nur übertroffen von den Gastgebern, die auf zwanzig Medaillen kamen, davon acht in Gold.

          Kein schöner Abschied für Uhrmann

          Als Weltmeister fährt auch ein Deutscher nach Hause. Eric Frenzel, der Kombinierer, der in einem Einzelwettbewerb siegte, im zweiten Bronze gewann und mit dem Team zweimal Zweiter wurde, steht mit der Mannschaft für den Generationenwechsel, der bereits geglückt ist. Bei den deutschen Skispringern wurde dieser Wechsel in Oslo eingeleitet. Michael Uhrmann gab seinen Abschied bekannt - er hätte zum Schluss ein deutscher Held werden können.

          Aber im Teamspringen, das unter schwierigsten Windbedingungen am Samstag auf der imposanten Holmenkollen-Schanze stattfand, misslang ihm sein letzter Sprung völlig. Anstatt auf Platz zwei, der möglich gewesen wäre, landeten die Deutschen auf Rang vier, sieben Zehntelpunkte fehlten zu den Slowenen und Platz drei. „Im Moment ist das kein schöner Abschied“, sagte Uhrmann, 32 Jahre alt, „aber die 17 Jahre vorher im Skispringen macht er nicht kaputt.“ Im Wettbewerb von der Normalschanze konnten die Athleten zeigen, „dass wir das drittbeste Team der Welt sind“, wie Bundestrainer Werner Schuster sagte. Und jungen Athleten wie Severin Freund oder dem neunzehnjährigen Richard Freitag gehört sicher die Zukunft.

          Junge deutsche Langläufer hatten in Oslo noch nicht ihren großen Auftritt. Wieder einmal war es der 33 Jahre alte Tobias Angerer, der seiner Staffel die Bronzemedaille sicherte - den einzigen Podestplatz von Bundestrainer Jochen Behles Athleten - und der in jedem seiner drei Einzelrennen unter die besten zehn kam. Bei den Frauen war Nicole Fessel mit drei siebten Plätzen Beste, die Staffel landete auf Rang fünf. Erhebliche konditionelle Defizite stellte Disziplintrainer Janko Neuber fest - und die konnte er sich nicht nur mit den Krankheiten im Lauf der Saison erklären. Bis zu deutschen Heldentaten ist es noch ein weiter Weg.

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