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Nordische Ski-WM : Viel Fingerspitzengefühl für Ski und Schnee

  • -Aktualisiert am

Die WM kann beginnen: genug Schnee ist da Bild: dpa/dpaweb

Die Zeiten, als „verwachst“ zum festen Vokabular deutscher Athleten und Trainer gehörte, sind vorbei. Und der Höhenflug vor der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf ist nicht zuletzt Uwe Bellmann und seinem Team zu verdanken.

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          Was, bitte, soll denn dann die Schwierigkeit sein: „Wir unterscheiden Schnee eigentlich nur in drei Sorten.“ Doch im Nachsatz von Uwe Bellmann kommt es: „Allerdings gibt es Unterkategorien hoch drei.“ Und da beginnt das Abenteuer, das höchst unerfreulich auch so enden kann: „Als ob man mit einem Spiegel auf einem anderen Spiegel laufen muß.“ Was der deutschen Langläuferin Steffi Böhler am vergangenen Sonntag beim Weltcup-Sprint in Reit im Winkl widerfuhr, als das Wetter zwei Minuten vor dem Start umschlug, die Spur schlagartig glasig wurde und sie mit ihrem „No-Wax-Ski“ wie ihre Mannschaftskameradinnen über die Maßen ins Rutschen kam, muß Bellmann als Betriebsunfall abbuchen.

          Der Leiter der Technikergruppe für den Langlauf im Deutschen Skiverband (DSV) kann es gelassen sehen: Die Zeiten, als „verwachst“ zum festen Vokabular deutscher Athleten und Trainer gehörte, sind vorbei. Und der nordische Höhenflug ist nicht zuletzt Uwe Bellmann und seinem Team zu verdanken. Der ehemalige Weltklasselangläufer, der zu seiner aktiven Zeit bis 1997 als heftiger Kritiker auch der Skitechniker auffiel, hat das Amt beim DSV nach der mißglückten Weltmeisterschaft 1999 übernommen. Schon als Aktiver hatte er sich nach der Wende mit dem „Rebell“ Jochen Behle zusammengetan, auch jetzt verbindet den Cheftechniker und den Cheftrainer ein gemeinsames Ziel.

          Winter-Wünsche

          Sonnenschein, klirrende Kälte, so zwischen zehn und zwölf Grad unter null - auf keinen Fall Regen: So sieht Bellmanns ideales Langlauf-Wetter aus. Wetter, bei dem Techniker die geringsten Schwierigkeiten haben, ihren Läufern optimal vorbereitetes Material unter die Füße zu geben. Doch mit den Winter-Wünschen ist das so eine Sache. Rene Sommerfeldt, weltbester Langläufer der vergangenen Saison, geht am liebsten bei Temperaturen unter minus zwanzig Grad in die Loipe. Axel Teichmann, aktuell Führender im Weltcup, dagegen mag es gar nicht, wenn er friert.

          Kann im 10-Kilometer-Rennen nicht starten: Claudia Künzel ist erkältet
          Kann im 10-Kilometer-Rennen nicht starten: Claudia Künzel ist erkältet : Bild: dpa/dpaweb

          Und die derzeitigen Oberstdorfer Verhältnisse begeistern niemanden: Zwei Tage vor dem ersten Wettbewerb der Nordischen Skiweltmeisterschaften im Allgäu versinkt die Landschaft unter einer dicken Decke feuchten Schnees. Ein Wetter, bei dem man am liebsten hinter dem warmen Ofen bleibt.

          Testen und laufen

          Uwe Bellmann und seine Helfer - für Oberstdorf ist die fünf Mann starke Technikergruppe um drei Trainer erweitert worden - müssen raus, wenn es auch noch so stürmt und schneit. „Wir sind die ersten morgens und die letzten abends auf den Strecken“, sagt er. Testen, testen, testen, laufen, laufen, laufen - „ein guter Techniker muß unbedingt selbst Langläufer gewesen sein“. Drei Tage Zeit bleiben zwischen dem vergangenen Weltcup-Wochenende und dem Beginn der WM.

          Die Erfahrungen des vergangenen Jahres, als bei den Testwettkämpfen auf den WM-Strecken eitel Sonnenschein herrschte, taugen nur bedingt als Grundlage für heutige Entscheidungen. „Man muß einfach auf alles vorbereitet sein, dann reichen auch zwei Tage aus.“ Die Vorbereitung ist akribisch - alle Ski- und Wetterdaten von jedem Weltcuprennen eines jeden deutschen Läufers hat Bellmann gespeichert. Eine umfassende Datenbank sorgt seit diesem Winter zusätzlich dafür, daß die Ski jederzeit den richtigen Schliff haben.

          Neues Technologiezentrum

          Im neuen DSV-Technologiezentrum in Bad Reichenhall stehen Meß- und Arbeitsgeräte, die nichts wieder vergessen: Was der Diamant einmal auf den Schleifstein in der Maschine und von dort auf den Belag eines Ski übertragen hat, hält der Computer fest. Alle Ski der deutschen Nationalmannschaft lagern dort, „wir haben so die Möglichkeit, alles selbst zu machen, vom Abholen der Ski in der Firma bis zum Schleifen, und wir arbeiten auch mit den anderen DSV-Technikern, den Springern und Kombinierern zusammen.“ Ski, Schliff - die feinen oder gröberen Einschnitte im Belag - und Wachs: die drei Faktoren zusammen bringen den Erfolg. „Daß man auf den richtigen Ski den richtigen Schliff draufbringt mit dem richtigen Wachs“, sagt Bellmann, sei entscheidend. „Wer da die wenigsten Fehler macht, hat den besten Ski.“

          Feintuning

          Da jede der großen Firmen gute Ski liefert, kommt dem Tuning eine zentrale Rolle zu. „Es kann passieren, daß du einen groben Schliff bei kaltem Schnee einsetzt - und dann überschlägt es einen Läufer.“ Harte Arbeit, viel Gefühl für Ski und Schnee und die Zusammenarbeit mit dem Läufer machen einen guten Skitechniker aus. „Wir testen mit dem Athleten direkt auf der Strecke. Wenn ich zum Beispiel hinter Rene Sommerfeldt laufe, und merke, jetzt fahre ich an ihn ran, dann wechsele ich den Ski - und mit dem zweiten fahre ich nicht mehr ran. Das ist das Gefühl, das du brauchst“, sagt Bellmann.

          Letzten Endes ist zwar der Athlet verantwortlich für die rund 25 Paar Ski pro Jahr, die ihm zur Verfügung stehen, doch die meisten vertrauen ihrem Techniker. Denn „der Rene kennt sich gar nicht aus, der läßt uns machen, Axel weiß sehr gut Bescheid“. Ruhig bleiben, die Athleten unterstützen: „Gerade vor dem Rennen sind sie extrem aufgeregt, und wenn sie dann testen, können sie große Fehler machen. Evi Sachenbacher ist so eine, sie läßt deshalb uns testen und läuft sich in Ruhe ein“, sagt Bellmann.

          Auch der Psychologe im Techniker ist gefragt: „Cool bleiben in jeder Situation.“ Gerade, wenn ganz schnell umgewachst werden muß - „in zwei Minuten ist es geschehen.“ Und manchmal muß es eine Notlüge sein: „Wenn einer partout noch eine Schicht draufhaben will, und ich aber weiß, daß dann der Ski stumpf wird...“ Dann zieht sich der Techniker eben noch einmal die Schürze über, verspricht sein Bestes und zieht sich zum Nichtstun in die Wachshütte zurück. Denn bei einem Sieg haben sie alle gewonnen.

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