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Nordische Ski-WM : Miserabler Tag für die deutschen Skilangläufer

  • Aktualisiert am

Rene Sommerfeldt: „Das ist eine Seuchen-WM” Bild: AP

Ihr schlechtestes Ergebnis der gesamten Saison lieferten die deutschen Langläufer bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf ab. „Ich habe mich gefühlt, als hätte ich Blei geschluckt“, sagte Axel Teichmann.

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          Wie man sich doch an Siegen erwärmen kann: Vincent Vittoz war kein bißchen kalt, als er hüpfend wie ein junger Hase, die französische Fahne schwenkend, hinüber rannte zu einer Gruppe von begeisterten Landsleuten auf der ansonsten schon fast menschenleeren Tribüne und sich feiern ließ.

          Eine Viertelstunde zuvor hatte er minutenlang weinend im Schnee gelegen und versucht, sein Glück zu fassen. Das Glück, Weltmeister im Verfolgungsrennen über zweimal 15 Kilometer zu sein; der erste für Frankreich im Langlauf überhaupt. Vergessen war für einen Moment, daß ihn in den vergangenen zwei Wochen die Dopingaffäre belastet hatte: Beim Weltcuprennen in Nove Mesto war seine A-Probe positiv, die B-Probe aber negativ ausgefallen und Vittoz galt damit als unschuldig.

          Einfach nur ein schlechter Tag?

          Das habe ihn viel Kraft gekostet, sagte er. Noch nach dem ersten Rennen in Oberstdorf, als er Sechster über 15 Kilometer geworden war, sei er müde und leer gewesen und wollte "nur noch schlafen, schlafen, schlafen". Doch am Sonntag "wollte ich nicht, daß irgendein anderer schneller ist als ich", sagte er, nachdem er den Italiener Giorgio di Centa und den Norweger Frode Estil hinter sich gelassen hatte.

          Rene Sommerfeldt (r.) und Axel Teichmann liefen gemeinsam hinterher
          Rene Sommerfeldt (r.) und Axel Teichmann liefen gemeinsam hinterher : Bild: dpa/dpaweb

          Nicht einmal hundert Meter Luftlinie entfernt, durch ein paar hellblaue Holzzäume getrennt, versuchte Rene Sommerfeldt so schnell wie möglich ins Warme zu kommen. Blaß, mit eingefallenen Wangen, die Augen in tiefen Höhlen, suchte er nach Antworten, die er nicht geben konnte. "Ich kann es mir nicht erklären, ich weiß es nicht" - ein Satz, den sie am liebsten alle stereotyp wiederholt hätten: die deutschen Langläufer und ihr Cheftrainer. Jens Filbrich (Frankenhain) auf Rang 14, Tobias Angerer (Vachendorf) an Position 17, Rene Sommerfeldt (Oberwiesenthal) 28. und Axel Teichmann (Lobenstein), der im Weltcup Führende, auf Rang 30: "So ein Ergebnis hatten wir die ganze Saison über noch nicht", sagte Jochen Behle. So ein schlechtes Ergebnis, wohlgemerkt. "Die Hoffnung bleibt, daß es einfach nur ein schlechter Tag war."

          „Den Kopf nicht in den Schnee stecken“

          Es war ein miserabler Tag für die Deutschen. "Ich bin schon mit dem falschen Fuß aufgestanden, von Kilometer eins bis Kilometer dreißig ging es gar nicht", sagte Teichmann. Mühsam quälten er und die anderen sich die Steigungen hoch, immer wieder glitten sie aus, rutschten zurück. "Ich habe schon am ersten Anstieg am Burgstall in den Stöcken gehangen", sagte Filbrich, "heute war es schwierig, zu wachsen." Auf die Techniker, die das ganze Jahr über hervorragende Arbeit leisteten, wollte freilich niemand etwas kommen lassen. Die offensichtlichen Ski-Probleme gerade auf der ersten Hälfte des Rennens, im klassischen Stil, hielt Behle nicht für maßgeblich: "Bei den Läufern war ein körperliches Defizit zu erkennen." Teichmann und Sommerfeldt hätten ihm schon am Morgen gesagt, daß sie sich nicht gut fühlten. "Wir haben einfach nicht die Form, die wir im November und Dezember hatten", so Behle.

          Falsche Saisonplanung, eine zu hohe Belastung in der Vorbereitung auf die WM? "Das frage ich mich selber", sagte Behle. Er hält freilich nichts davon, "da jetzt negativ drauf rumzuhacken, das ist sicherlich für die Psyche nicht gut." Analysieren wird er später, "jetzt ist nur Zeit, die Athleten im Kopf wieder aufzubauen." Freilich erkennt auch Behle, daß nicht alle seiner Läufer in Bestform nach Oberstdorf gereist sind: Rene Sommerfeldt habe keinen Trainingsrhythmus gefunden, "das waren Hau-Ruck-Aktionen, und die fallen ihm jetzt auf die Füße." Auch Sommerfeldt möchte nach vorne schauen: "Wir müssen gemeinsam jetzt aus dieser Scheißsituation rauskommen." "Abhaken, nach vorne schauen, es gibt noch vier Rennen" lautet Teichmanns Devise. "Wir dürfen den Kopf nicht in den Schnee stecken, wir haben noch Staffel zu laufen", sagte Filbrich.

          Die Zeit vor diesem Wettbewerb muß Behle nutzen, seine vermeintlich Besten erst einmal wieder mental aufzurichten. "Und nach dieser Verfassung entscheide ich dann auch, wer läuft", sagte er. Sechs Kandidaten hat er für vier Plätze - und den Druck, daß es wenigstens am kommenden Donnerstag mit einer Medaille bei den hochgewetteten Langläufern klappen muß. Behle ist nicht bange: "Das ist meine Mentalität, ich schaue immer nach vorn. Im Guten wie im Schlechten."

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