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Johaug bei Nordischer Ski-WM : Wahnsinns-Leistung und dunkle Vergangenheit

Das Gesicht dieser Weltmeisterschaft: Therese Johaug Bild: dpa

18 Monate war Therese Johaug wegen Dopings gesperrt. Im Skiathlon gewinnt die Norwegerin jetzt mit einer Minute Vorsprung Gold in Seefeld. Ihre Vergangenheit will sie hinter sich lassen.

          3 Min.

          Laufen, siegen, weinen. Keine kann dies so schön wie Therese Johaug. Am Samstag, als sie erstmals ihre Konkurrentinnen im Skiathlon zu Statistinnen degradierte und mit einem Vorsprung von annähernd einer Minute über insgesamt 15 Kilometer im klassischen und freien Stil ihren ersten Weltmeistertitel bei diesem nordischen Kräftemessen in Seefeld gewann, nahmen die Tränen ihren Lauf. „Ein Traum ist wahr geworden“, sagte sie nach ihrem ersten WM-Rennen seit dem Ablauf ihrer 18-monatigen Doping-Sperre. „Meine Form war stark, die Ski erstaunlich. Es war aber nicht so leicht, wie es aussah.“

          Spielerisch leicht sah es auch schon 1997 aus, als es letztmalig einen ähnlich großen Vorsprung bei einer Weltmeisterschaft gab. Damals siegte die Russin Larissa Lasutina über 30 Kilometer. Sie distanzierte die Zweite, ihre Landsfrau Olga Danilowa, um 1:34 Minuten. Beide Langläuferinnen wurden 2002 wegen Dopings für zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen.

          Therese Johaug, 30 Jahre alt, wird wohl das Gesicht dieser Weltmeisterschaft werden. An diesem Dienstag geht es von 15 Uhr an wieder in die Loipe. Vermutlich wird sie am Ende der zehn auf klassische Weise zu absolvierenden Kilometer ein zweites Mal ganz oben stehen. Ihre Landsleute, die zu Tausenden in Seefeld sind und mächtig Stimmung machen, sind vor allem wegen ihrer starken Langläufer hier. Sie wollen Weltmeister sehen – und sie wollen Therese Johaug insgesamt viermal siegen sehen. Jene 1,62 Meter große und lediglich 46 Kilogramm schwere Athletin, die sich zum Frage-und-Antwort-Spiel bislang erst einmal in der Öffentlichkeit gezeigt hat.

          Sonnencreme mit verbotenem Inhaltsstoff

          Abseits von Seefeld, in Leutasch, war der Trubel um sie groß. Sie wurde auch zu ihrer Doping-Sperre befragt. 2016 war Therese Johaug – angeblich nach der Benutzung einer Lippencreme – positiv auf das Steroid Clostebol getestet worden. Der Teamarzt Fredrik Bendiksen soll ihr damals die Sonnencreme mit dem verbotenen Inhaltsstoff gegeben haben – er trat zurück. Norwegens Skiverband sah den Verstoß gegen die Doping-Regeln als mittelschweren Fall an, befand, 13 Monate Sperre seien ausreichend. Gian Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbandes, sah dies anders, stellte eine Sperre von vier Jahren in den Raum und brachte den Fall vor den internationalen Sportgerichtshof Cas. „Ich bin geschockt und am Boden zerstört. Ich kann die Strafe nicht verstehen und halte sie für unfair“, sagte Therese Johaug damals. Am Ende traf man sich halbwegs in der Mitte.

          Ohne wirkliche Konkurrenz: Therese Johaug bei den Nordischen Weltmeisterschaften in Seefeld

          Die Langläuferin verpasste die Weltmeisterschaft 2017 in Lahti und die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang. In Leutasch wollte die Norwegerin über all das nicht mehr reden. Vergangenheit. Ihr Fokus liege auf dem Hier und Jetzt, und von den großen Erwartungen ihrer Landsleute wolle sie sich nicht unter Druck setzen lassen. „Meisterschaften sind Meisterschaften, und wir Langläufer sind eben auch nur Menschen. Ich weiß, dass ich eine gute Form habe, dass die Vorbereitung gut war. Es gibt aber keine Sicherheiten.“

          Als ausgemachte Sache gilt hingegen, dass Therese Johaug nach dem Rücktritt der olympischen Rekordgewinnerin Marit Björgen die Rolle der neuen Langlaufkönigin ausfüllen wird. 2015 in Falun, als die Blonde aus dem hohen Norden letztmalig bei einer WM in die Loipe ging, gewann sie drei Titel. Ihr großes Vorbild Björgen kam in Südkorea zu ihrem achten Olympia-Gold und überholte damit Ole Einar Björndalen und Björn Dählie, den Biathleten und den Langläufer. Zwei weitere Stars, auch aus Norwegen, aus jenem flächenmäßig großen Land mit der kleinen Bevölkerung von lediglich fünfeinhalb Millionen Menschen. Während der Winterspiele im vergangenen Jahr erlebte Norwegen einen Medaillenrausch: 14 Mal Gold, 14 Mal Silber und elf Mal Bronze.

          Therese Johaug, aufgewachsen in ländlichen Strukturen in Dalsbygda südlich von Trondheim, trainiert von Pal-Gunnar Mikkelsplass, der selbst 1985 mit der Staffel in Seefeld Weltmeister wurde, gilt bei der Ausübung ihres Sports als besessen. Diese Hobby-Modedesignerin, sie entwirft himmelblaue Langlauflederhandschuhe, soll sich in der Loipe wie kaum eine andere quälen. Nicht nur an diesem Dienstag wird sie mit ihrer unglaublichen Ausdauer, mit hoher Schritt -Frequenz und unbändigem Ehrgeiz versuchen, das nächste Gold aus der Loipe zu fischen. „Duracell“ ist ihr Spitzname in der Szene. Hauptsache, der Extraschub kommt nicht aus der Tube.

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