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Nordische Ski-WM : „Die Erwartungen entsprechen kaum der Realität“

  • Aktualisiert am

Fühlt sich zu Unrecht kritisiert: Jochen Behle Bild: AP

Bedeutet keine Medaille schon eine Krise im deutschen Skilanglauf? Bundestrainer Jochen Behle im Interview über Druck, Probleme und Störfaktoren bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf.

          5 Min.

          Bedeutet keine Medaille schon eine Krise im deutschen Skilanglauf? Bundestrainer Jochen Behle im Interview über Druck, Probleme und Störfaktoren.

          Medaillen fehlen bislang, und Sie stehen auch persönlich in der Kritik. Trifft Sie das?

          Die Situation, in der wir uns befinden, ist für mich zwar als Trainer neu. Aber wer meine Vergangenheit als Aktiver kennt, der weiß, daß ich so etwas schon oft durchgemacht habe. Deshalb belastet mich das nicht. Wichtig für mich ist, daß das Team funktioniert, daß die Harmonie nicht verlorengegangen ist. Ich kann eher sagen, daß das Team noch enger zusammengerückt ist. Alle wollen zeigen, daß das öffentliche Bild von ihnen so nicht stimmt. Die Kritik ist in der Mannschaft teilweise negativ aufgenommen worden. Wir müssen, wenn die Leistung nicht da ist, Kritik akzeptieren, die geradeaus ist. Aber ich widerspreche, auch im Fernsehen, wenn ich die Kritik falsch finde. Und man muß uns auch die Chance geben, die Leistungen zu erklären. Ich denke, daß wir insgesamt eine Mannschaft haben, die hier den deutschen Langlauf gut repräsentiert. Eine allgemeine Krise sehe ich nicht. Man muß vor allem sehen, daß die anderen Nationen im Vergleich zum Saisonbeginn besser geworden sind und wir ein paar Probleme bekommen haben.

          Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

          Du mußt ja heute schon nach dem vierten Platz in der Damenstaffel begründen, wieso es nicht der dritte geworden ist. Da muß ich mich fragen, was das für Maßstäbe sind, ob überhaupt noch Erklärungen erwünscht sind. Weh tut Kritik wie an den Wachsern, sie haben auch mal das Recht, sich zu vertun. Sie werden aber in einer Boulevardzeitung wie Fußball-Millionäre behandelt unter dem Titel "Oberstdoof". Wir sind froh, daß wir solche Leute haben. Das sind Enthusiasten. Drei Jahre lang haben sie uns Siegerski hingezaubert. Aber die Mannschaft lernt, daß sie damit leben muß, an Podestplätzen gemessen zu werden. Ich sehe hier, daß die Mannschaft nach wie vor den Anspruch hat, Medaillen zu holen. Die Stimmung intern ist gut, und das kann die Grundlage dafür sein, daß wir von dieser WM doch nicht mit leeren Händen weggehen.

          Kommt der Leistungs- oder Ergebniseinbruch unerwartet?

          Mir war klar, daß dies irgendwann mal so kommt, weil mit unseren vielen guten Ergebnissen die Erwartungen höher und höher steigen, zum Teil in Sphären, die der Realität gar nicht mehr entsprechen. Ich habe immer wieder den Begriff "Medaillensegen" gehört oder die Parole "Wir räumen in Oberstdorf ab". Das waren keine Aussagen von mir oder aus der Mannschaft. Wir haben optimistisch von Medaillenchancen gesprochen, mehr nicht. Früher hat man uns vorgehalten, wir wären nicht mutig genug, setzten uns zu geringe Ziele - und jetzt haben wir hohe Ansprüche, was uns sofort angekreidet wird, wenn die Medaillen ausbleiben. Wir machen es also nie richtig.

          Also lieber schweigen in Zukunft?

          Wir bleiben bei unserer Linie und sagen: Wir sind in der Lage, um Medaillen mitlaufen zu können. Man braucht dazu auch mal Glück, das hat uns bisher gefehlt. Natürlich fehlte teilweise auch die Leistung, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Dafür gibt es einige objektive Faktoren, wie grippale Infekte. Mit einer Claudia Künzel oder einem Axel Teichmann in Bestform sähe es jetzt ganz anders aus. Es war nach den starken Jahren zu erwarten, daß mal eine WM kommt, bei der es nicht so läuft. Daß es gleich in diese Richtung geht wie hier in Oberstdorf, war nicht vorsehbar. Leider passiert es im eigenen Land, das ist natürlich bitter.

          Sind die Erwartungen bei der WM in Deutschland überzogen?

          Für unsere Mannschaft ist die Heim-Weltmeisterschaft etwas ganz Besonderes, weil wir nicht so ungestört an den Start gehen wie bei einem normalen Weltcup. Von allen Seiten werden die Athleten angesprochen, natürlich auch vom Publikum direkt vor den Rennen. Das ist einerseits natürlich schön, weil sich jeder von uns freut über diese Begeisterung. Andererseits läßt man sich durch so etwas auch ablenken, und ein Athlet stellt sich schon manchmal die Frage: Wirke ich jetzt arrogant, wenn ich da einfach vorbeigehe? Ich sage den Sportlern immer, ihr müßt euch ganz auf die Aufgabe, die ihr zu erfüllen habt, konzentrieren; laßt euch nicht stören, geht zum Start, setzt die Brille auf, schaut einfach auf den Boden. Was wir hier erleben, ist aber völlig normal, so ergeht es den Norwegern in Norwegen oder anderen Mannschaften in ihrem jeweiligen Land.

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