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Nordische Ski-WM : Die Arroganz des Siegers

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Arroganz des Siegers: Northug bremst kurz vor der Zielllinie Bild: REUTERS

Erstmals seit einem DDR-Erfolg von 1974 steht eine deutsche Männer-Staffel wieder auf dem Podium eines Skilanglauf-WM-Rennens: Schlussläufer Tobias Angerer sichert die Bronzemedaille. Norwegens Siegläufer Petter Northug sorgt mit einer arroganten Geste für Verstimmung.

          Nein, das hätte es nicht sein dürfen, nicht diese Geste, nicht diese Demütigung. Was ist in diesen Petter Northug gefahren? Das Rennen hatte er für sich entschieden, die Staffel-Weltmeisterschaft für Norwegen gesichert, hatte zwischen sich und den Konkurrenten, auf den es ihm ankam, innerhalb von wenigen Sekunden zwanzig, dreißig Meter gelegt, als er langsamer wurde, nach links und rechts schaute, den Finger auf die Lippen legte: „Ihr müsst mich nicht anfeuern, ich bin sowieso der Größte, ich mache das ganz alleine“.

          Noch einmal zog er das Tempo an, direkt vor der Ziellinie bremste er im Schneepflug scharf ab, stellte die Ski quer, drehte sich provozierend zu Marcus Hellner um und schob dann eine Skispitze vor dem Schweden durch die Lichtschranke. Norwegen hatte das Gold, das es am meisten wollte, Martin Johnsrud Sundby, Eldar Rönning, Tord Asle Gjerdalen und Petter Northug hatten den 15. Titel in der Staffel-Geschichte der Weltmeisterschaften für ihr Land gewonnen. Und fast wichtiger noch: Sie hatten Schweden besiegt. Der offizielle Zeitabstand von 1,3 Sekunden drückt nicht aus, dass Northug am Ende so überlegen war.

          „So etwas möchte ich von meinen Athleten niemals erleben“, sagte der deutsche Bundestrainer Jochen Behle. Seine Athleten überzeugten an diesem Freitag bei den nordischen Skiweltmeisterschaften in Oslo durch Leistung. Jens Filbrich, Axel Teichmann, Franz Göhring und Tobias Angerer wurden Dritte und verschafften sich und der deutschen Langlauf-Mannschaft mit der Medaille das Erfolgserlebnis nach einem Winter der Enttäuschungen und Rückschläge.

          Medaillenjagd im Schnee: Die 4 mal 10 Kilometer-Staffel

          „Geht doch“, war der erste Kommentar von Behle, „die Jungs haben sich selbst aus dem Schlamassel mit den vielen Krankheiten herausgezogen“. Und so kam Teichmann zu einem erfolgreichen WM-Abschied. Er wird in dieser Saison keine Rennen mehr laufen, ob er eine weitere Saison dranhängt, wird er erst in ein paar Wochen entscheiden.

          „Er spielt nur eine Rolle“

          In Norwegen zählte an diesem Freitag aber nur einer. Dabei sei er ganz anders, als er sich darstelle, sagen jene von ihm, die ihn gut kennen. „Er spielt nur eine Rolle“, so Bente Skari. Aber schon lange polarisiert Petter Northug. Mit Gesten und Worten provoziert er die Gegner, immer wieder stichelt er gegen Hellner. Sein Vater versucht immer wieder, dem Sohn die Manieren ins Gedächtnis zu rufen, die er ihm einst beigebracht hat. Aber Northug bleibt laut. „Unsere Gesellschaft hat sich verändert“, sagt Vegard Ulvang, vielfacher Medaillengewinner und eines der norwegischen Idole, „und Langläufer sind ein Spiegel der Gesellschaft“.

          Vielleicht, sagt er, „sind wir Norweger ein bisschen überheblich geworden“. Aber diese Überheblichkeit, seine so offen zur Schau getragene Arroganz werden sie ihrem 25 Jahre alten Helden verzeihen. Mindestens 70.000 Zuschauer feierten ihn am Holmenkollen, die Woge in Rot mit Blau und Weiß, den Nationalfarben, ebbte nicht ab. „Viele Leute mögen es, wenn Northug gegen die Schweden stichelt“, sagt Ulvang. „Und die Schweden sticheln zurück.

          Gold am Nationalfeiertag

          Sie werden es Northug auch verzeihen, weil er diese Medaille gesichert hat. Denn Staffeltag ist Nationalfeiertag in Norwegen, kaum ein Sportereignis kann ihn übertreffen. Staffelgold, so fühlen sie, gehört ihnen. In dem gemeinsamen Kampf finden sie sich wieder. Norweger lieben die einsamen Läufe durch die Wälder, aber sie entwickeln Leidenschaft, wenn es Mann gegen Mann.

          „Die Staffel ist für Norwegen das Wichtigste, was es zu gewinnen gibt“, sagt Bente Skari. Und „diese Goldmedaille ist für uns alle die wichtigste in unserem Leben“, sagte Northug stellvertretend für alle. Und es sind die großen Dramen, die sie an diesen Staffelwettbewerben lieben. „Wo warst du, als Oddvar Bra der Stock brach?“, ist ein geflügeltes Wort in Norwegen, und schon lange hat es sich verselbständigt, reicht weit über jenes Drama hinaus, das im Glück endete.

          Als Oddvar Bra ins Langlaufstadion lief, den Russen Alexander Sawjalow überholen wollte, mit ihm aneinandergeriet - als der Stock brach, Bra einen neuen gereicht bekam und zeitgleich mit Sawjalow Gold für sein Land gewann. Es war bei den Weltmeisterschaften 1982 in Oslo, den bis zu diesem Winter letzten Titelkämpfen am Holmenkollen.

          Der Stachel saß tief

          Die arrogante Geste des Petter Northug wird wie Bras Missgeschick in die Sportgeschichte seines Landes eingehen. Denn gegen Schweden zu gewinnen, zählt doppelt. „Wir haben immer diesen Kampf gegen Schweden gehabt - in einer netten Art. Es ist nicht wichtig, dass wir gewinnen, wir müssen nur Schweden besiegen“, sagt Bente Skari. 1989 hatten die Schweden zuletzt bei einer Weltmeisterschaft über Norwegen triumphiert, in der Folge gab es - bis auf einen Erfolg Österreichs - nur norwegische Siege.

          Doch ein Stachel saß tief: Marcus Hellner hatte Petter Northug vor einem Jahr in Vancouver das olympische Staffel-Gold weggeschnappt, die Rivalität der Nachbarn hatte neue Nahrung bekommen. „Es ist ein freundschaftlicher Nachbarschaftskampf“, sagt Vegard Ulvang, „und es war eigentlich von Anfang an so“. Es gab die Jahrzehnte der schwedischen Staffelsiege, als die Gunde Svan, Torgny Mogren, Thomas Wassberg wie nach Belieben dem Rest der Welt und Norwegen davonliefen.

          Seither waren es vor allem die Staffeln mit Ulvang und Rekord-Olympiasieger Björn Dählie, die dem Volk, das den Skilauf erfunden hat, seine Genugtuung verschafft haben. Petter Northug hat ein neues Kapitel geschrieben. Und nicht alle werden es als ruhmreich in Erinnerung behalten.

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