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Neujahrsspringen : Diethart ist der nächste Österreicher

  • -Aktualisiert am

Die neue Nummer 1: Der Österreicher Thomas Diethart übernimmt die Gesamtführung der Vierschanzentournee Bild: AP

Thomas Diethart überrascht beim Neujahrsspringen die etablierten Kollegen. Freund scheidet nach dem ersten Sprung aus. Wellinger rettet als Fünfter die deutsche Bilanz.

          3 Min.

          Das Glück ist verschwunden, das Gespür aber noch nicht verloren gegangen. Bundestrainer Werner Schuster kennt sich aus in dem Geschäft, in dem es für ihn und die deutschen Skispringer aktuell besser laufen könnte: Mit seiner ersten Prognose für 2014 lag er jedenfalls ordentlich. In diesem Winter, da die Weltelite in seinem Sport an der Spitze noch enger zusammengerückt ist, war die Vorhersage, wer für den Triumph bei der 62. Vierschanzentournee in Frage kommt, ein ziemliches Glücksspiel.

          Der 44-Jährige ließ sich dennoch als einer der wenigen Coaches im Tournament darauf ein: „Bardal, Stoch, Freund.“ Nach kurzem Zögern stellte er fest, dass er in seiner Hitparade der Sieganwärter die Herren Schlierenzauer, immerhin Titelverteidiger, Ammann, den Olympiasieger, sowie den wiedererstarkten Österreicher Morgenstern vergessen hatte.

          Er drehte sich also auf dem Absatz rum: „Das geht nicht.“ Schuster korrigierte seine Vorhersage – und strich mit Severin Freund ausgerechnet jenen Mann von seiner Favoritenliste, den sie im Deutschen Skiverband (DSV) eigentlich auserkoren hatten, die Konkurrenz endlich wieder das Fürchten zu lehren. Schusters Instinkt hat nicht getrogen.

          Die größte Überraschung wusste aber auch er nicht vorherzusagen. Das zweite Springen der Veranstaltung in Garmisch-Partenkirchen gewann mit dem Österreicher Thomas Diethart (141/140,5 Meter, 296,1 Punkte) ein neues Gesicht der Branche, das erst unmittelbar vor Weihnachten in die erste Skisprung-Klasse aufgestiegen war. Er verwies seinen Landsmann Thomas Morgenstern (139/139, 284,9) und Simon Ammann (133,5/139, 278,5) auf die weiteren Podestplätze.

          Der Deutsche Andreas Wellinger landete auf Platz fünf

          Freund dagegen schnitt enttäuschend ab. Der 25-Jährige schied mit seinem Sprung auf 130 Meter nach dem ersten Durchgang aus. Der Blick aufs Gesamtklassement, in dem nun Diethart vor Morgenstern und Ammann führt, hat sich für ihn erledigt. Für den Bayern kann es nur noch darauf ankommen, im weiteren Verlauf der Veranstaltung Schadensbegrenzung zu betreiben, damit er einen Monate vor Olympia nicht restlos aus dem Konzept gerät.

          Andreas Wellinger gelang das Kunststück in Garmisch-Partenkirchen. Der Ruhpoldinger betrieb als Fünfter (134/134,5, 267,2) Wiedergutmachung für seinen Absturz in Oberstdorf, wo er nur 29. geworden war. Richard Freitag (Aue) war mit seinem neunten Rang diesmal zufrieden, während Neuling Marinus Kraus (Oberaudorf), der im Allgäu als Achter noch hatte aufhorchen lassen, das Finale verpasste.

          Fliegen im Schatten der Gipfel - das ist die Vierschanzentournee

          Bei Freund hielt sich anschließend die Enttäuschung in Grenzen: „Ich habe schon gedacht, dass ich stabiler bin, aber es hat hier schon im Training zu schlecht angefangen“, sagte er: „Zaubern kann man halt nicht.“ Wichtig sei ihm nun, nicht alles in Frage zu stellen, denn Skispringen sei auch eine „diffizile Gefühlssache“ und die Saison „noch lange nicht vorbei“.

          Auch Schuster zeigte Nachsicht mit den zu unbeständigen Vorstellungen des Wahl-Münchners: „Er ist auch nur ein Mensch.“ Es fehlten ihm „nur Nuancen“, um auch „mental die Tür zu durchstoßen“. Die Resultate von Freitag und Wellinger wertete Schuster als „Schritte in die richtige Richtung“. Zu allgemeinem Wohlbehagen bestehe aber kein Anlass, denn vorab war intern die Messlatte höher gelegt worden: Es sollte mehr herausspringen als ein, zwei Achtungsergebnisse.

          Der Österreicher Thomas Diethart gewinnt in Garmisch und übernimmt die Gesamtführung

          Schuster begründete das wechselhafte Abschneiden auch damit, dass es derzeit „keine klare Hierarchie“ im Kader gebe. Er hatte zuletzt wiederholt den Verdacht geäußert, dass es der Mannschaft, in der viele über ein ähnliches Top-Ten-Niveau verfügen, an der nötigen Dynamik fehlen könnte: „Ich habe den Eindruck, sie treiben sich nicht gegenseitig an, sondern blockieren sich phasenweise.“

          Nach der Halbzeitpause an diesem Donnerstag zieht die Karawane der Athleten und Betreuer nun nach Österreich weiter, wo auf den verbleibenden beiden Stationen bis zum 6. Januar die Entscheidung fällt. Dort wird Martin Schmitt fehlen. Seine Abschiedstournee endete in Garmisch-Partenkirchen, weil Bundestrainer Schuster ihn nicht für die weiteren Stationen nominierte. „Er hat die Entscheidung sofort akzeptiert. Es war für ihn nachvollziehbar“, sagte Schuster, der seine sieben Weltcup-Springer mit nach Österreich nimmt.

          Ammann muss in Innsbruck und Bischofshofen im Bemühen um sein erstes Tournee-Meisterstück vor allem die Attacken der Kollegen Morgenstern und Diethart bei ihren Heimspielen in Innsbruck und Bischofshofen kontern, während Gregor Schlierenzauer als Achter von Garmisch-Partenkirchen nur noch Außenseiterchancen besitzt.

          „Bei denen ist neue Energie drin“, sagte der im Kleinwalsertal geborene Schuster, der die Konkurrenten von heute, als sie jünger waren, in der österreichischen Wintersport-Kaderakademie in Stams mit ausgebildet hat. „Sie bringen alles mit, was es braucht, deswegen muss man sie immer auf dem Zettel haben.“ Eine Prophezeiung, die vergleichsweise wenig gewagt klang, aber am Mittwochnachmittag ein ordentliches Stück wahrscheinlicher wurde.

          Ergebnisse des Springens in Garmisch-Partenkirchen

          1. Thomas Diethart (Österreich) 296,1 Pkt. (141,0/140,5 m)
          2. Thomas Morgenstern (Österreich) 284,9 (139,0/139,0)
          3. Simon Ammann (Schweiz) 278,5 (133,5/139,0)
          4. Anders Fannemel (Norwegen) 275,7 (138,0/136,5)
          5. Andreas Wellinger (Ruhpolding) 267,2 (134,0/134,5)
          6. Noriaki Kasai (Japan) 265,3 (135,0/133,0)
          7. Kamil Stoch (Polen) 264,9 (135,0/131,0)
          8. Gregor Schlierenzauer (Österreich) 264,8 (133,5/133,0)
          9. Richard Freitag (Aue) 264,2 (133,0/133,5)
          10. Anssi Koivuranta (Finnland) 263,9 (136,5/129,5)

          ...15. Andreas Wank (Oberhof) 258,0 (130,5/130,0)
          19. Michael Neumayer (Berchtesgaden) 256,3 (133,5/133,0)
          27. Martin Schmitt (Furtwangen) 247,4 (128,0/128,5)
          32. Severin Freund (Rastbüchl) 122,8 (130,0)
          35. Marinus Kraus (Oberaudorf) 122,1 (127,5)
          45. Markus Eisenbichler (Siegsdorf) 114,6 (124,0)
          46. Daniel Wenig (Berchtesgaden) 114,4 (124,0)
          47. Karl Geiger (Oberstdorf) 111.0 (123,0)

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