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Krise in Mannheim : Adler im Sturzflug

  • -Aktualisiert am

Adler Mannheim in der Krise: Trainer Bill Stewart konnte nicht die erhoffte Wende bringen. Bild: dpa

Eigentlich sollte Bill Stewart als neuer Trainer die Adler Mannheim wieder nach vorne bringen. Doch die Krise in einem der teuersten Kader der Liga findet kein Ende.

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          Bei den Adlern Mannheim wird die Lage immer bedrohlicher. Nach der 3:5-Niederlage bei den Iserlohn Roosters am Donnerstagabend ist der Branchenriese der Deutschen Eishockey Liga (DEL) mit einem Gesamtetat von – geschätzt – zehn Millionen Euro auf den elften Tabellenplatz abgerutscht. Damit würde der Traditionsverein die Pre-Play-off-Spiele verpassen, die im März beginnen. Dabei hatten die Adler Anfang Dezember Tabula rasa gemacht und nicht nur Chefcoach Sean Simpson und Ko-Trainer Colin Müller entlassen, sondern sich auch vom langjährigen Manager Teal Fowler getrennt. Bill Stewart übernahm das Kommando an der Bande und sollte die Trendwende einleiten. Doch die Bilanz unter der Führung des 60-jährigen Kanadiers ist miserabel: acht Spiele, ein Sieg.

          Auch unter Stewart enttäuscht einer der teuersten Kader der Liga maßlos. Dabei hat der neue Coach nichts unversucht gelassen. Nachdem der Trainer der alten Schule schnell eine „zerbrechliche Mentalität“ in der Kabine festgestellt hatte, versuchte er es zunächst auf die sanfte Tour. Als positive Ergebnisse ausblieben, griff er durch. „Wir sind nicht das Team, das wir sein sollten“, sagte er. Das bisherige Abschneiden sei für einen Klub mit den Ansprüchen der Adler, die Jahr für Jahr als Titelfavorit in die Saison starten, inakzeptabel: „Das werde ich die Spieler auch spüren lassen.“ Am Tag vor dem Spiel in Iserlohn setzte Stewart kurzfristig das Training ab und hielt stattdessen in der Kabine eine Krisensitzung ab. „Es war ein gutes Treffen“, sagte der Coach danach. Einzelheiten blieben intern. In Iserlohn zeigte Mannheim eine gute kämpferische Leistung, aber auch teils unerklärliche Aussetzer in der Defensive. Wieder zeigte sich, dass der geschasste Manager Fowler bei den (teuren) Transfers einige Male danebengegriffen hat. Der langjährige NHL-Verteidiger Mark Stuart konnte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen, auch viele seiner Teamkollegen wirken verunsichert. Sie wissen, dass sich für einige trotz laufender Verträge das Kapitel Mannheim schließen wird.

          Adler müssen für die Zukunft planen

          Die Adler mit Klubboss Daniel Hopp an der Spitze müsste ein schwieriger Spagat gelingen. Einerseits dürfen sie die bislang verkorkste Saison nicht abhaken, andererseits müssen sie die Zukunft planen. Obwohl im Sommer nur wenige Spielerverträge auslaufen, werden sich die Mannheimer, die aus ihren vielen Ressourcen wie der vorbildlichen Nachwuchsarbeit mit dem Jungadler-Internat viel zu wenig machen, neu aufstellen. Stewart hat die Aufgabe, den Entscheidern eine schonungslose Analyse des Personals zu liefern. Da der Kanadier weiß, dass er nach der Saison aufhören wird, hat er nichts zu verlieren. „Alles, was Bill Stewart macht, basiert auf Ehrlichkeit und Offenheit“, sagt Fitnesstrainer Ronny Arendt.

          Obwohl ein frischer Wind durch die Kabine weht, wie alle versichern, macht sich Stewart mit seiner direkten Art nicht nur Freunde. „Unsere besten Spieler müssen unsere besten Spieler sein“, sagt er. Zurzei bietet ihm der große Kader den Luxus, pro Spiel zwei Profis einen Tribünenplatz zuweisen zu können. Zuletzt verzichtete der Coach zweimal auf den langjährigen Nationalspieler Christoph Ullmann, in Iserlohn wechselte er Nationaltorhüter Dennis Endras nach dem ersten Drittel aus, um ein Zeichen zu setzen. Auch der als Königstransfer angekündigte, bislang aber enttäuschende 569-malige NHL-Profi Devin Setoguchi erhielt schon eine Denkpause. Vor großen Namen macht Stewart nicht Halt. „Ich will identifizieren, was bei uns vor sich geht“, sagt der Mann, der die Adler 2001 zum DEL-Titel geführt, den Klub im Januar 2004 aber im Unfrieden verlassen hatte.

          Das Ende der „Wohlfühloase“

          Es war kein verklärter Blick zurück in die glorreichen alten Zeiten, die Hopp dazu bewogen, Stewart zum zweiten Mal nach Mannheim zu holen. Unter anderem wollte der Gesellschafter des Klubs mit der Verpflichtung des „harten Hundes“ auch nach außen signalisieren, dass die Zeiten vorbei sind, in denen es sich die verwöhnten Spieler bei den Adlern gutgehen lassen können, ohne dafür etwas zurückgeben zu müssen. Schon der ehemalige Bundestrainer Hans Zach hatte bei seinem Intermezzo als Adler-Coach Anfang 2014 den Verein als „Wohlfühloase“ bezeichnet und ihm einen radikalen Neuanfang nahegelegt. Er wird nach dieser Saison wohl kommen.

          Dass die Adler in dieser Runde noch das Ruder herumreißen werden, darf dagegen bezweifelt werden. Nicht bei allen Spielern ist Stewarts Botschaft bislang angekommen. So bemühte Setoguchi in den vergangenen Tagen Beispiele von Teams aus der nordamerikanischen Baseball-Liga MLB, die es gerade noch in die Play-offs geschafft hatten, am Ende aber die World Series gewonnen hätten. Die Einstellung, dass alles noch gut werden kann, ohne dafür etwas Besonderes leisten zu müssen, wird den Adlern gerade zum Verhängnis.

          Über den Autor

          Christian Rotter ist Redakteur des „Mannheimer Morgen“.

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