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Nach dem Unfall am Hahnenkamm : Ski-Fliegen mit Horrorpotential

  • -Aktualisiert am

Böse gestürzt, Helm gebrochen Bild: AP

Am Kitzbüheler Hahnenkamm fürchtet selbst Hasardeur Bode Miller um seine Gesundheit. Auch wenn es dem schwer gestürzten Amerikaner Scott Macartney wieder besser geht, die Fragen nach dem Verantwortungsbewusstsein der Veranstalter bleiben.

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          Die beste Nachricht rund um den lärmenden, johlenden Ski-Zirkus in Kitzbühel kam aus dem Krankenhaus: Scott Macartney hat sich keine 24 Stunden nach seinem fürchterlichen Sturz beim Zielsprung der berühmten Abfahrt auf der Streif sein eigenes Unglück selbst vor Augen führen können: eine Videovorführung mit großem Horrorpotential.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Mit Tempo 140,2 war der Amerikaner am Samstag auf das Ziel zugeschossen. Zu schnell war er wohl nicht, als ihn der letzte Hügel in die Luft katapultierte, aber unvorbereitet. Macartney stieg im Auftrieb auf etwa fünf Meter, geriet in Schräglage, drehte sich auf die Seite und schlug nach etwa 60 Metern seitlich auf die knallharte Piste. Dabei brach der Helm. Den rund 42.000 Zuschauern stockte der Atem. Macartney rutschte - an seinem 31. Geburtstag - bewusstlos ins Ziel. Für ein paar Augenblicke zuckte der Körper epileptisch. Kitzbühel verstummte.

          „Dann kann es einen furchtbar zerbröseln“

          „Er hat ein isoliertes Schädel-Hirn-Trauma erlitten“, teilten die behandelnden Ärzte mit, „wir haben ihn in ein künstliches Koma versetzt.“ In der Nacht zum Sonntag wurde Macartney nach Angaben der Uni-Klinik Innsbruck „aufgeweckt“. Dem Österreichischen Rundfunk (ORF) gewährte er sogar ein kleines Interview: „Ich erinnere mich an den Lauf, aber nur bis zum Sturz. Ich fühle mich besser und besser.“ Schon am Tag nach seinem Geburtstag schlossen die Ärzte fatale gesundheitliche Folgen aus: Glückwunsch.

          Streif-Sieger Didier Cuche: „Weiß nicht, ob ich runtergekommen wäre, wenn es zehn Grad minus gehabt hätte”

          „Wenn man auf der Streif stürzt, dann kann es einen furchtbar zerbröseln, so ist Kitzbühel, eine Tatsache“, sagte der frühere Rennläufer und heutige Rennanalytiker des ORF, Armin Assinger, am Abend nach dem Unglück: „Da kommt der Mythos her.“

          Am Limit

          Augen zu und durch? Bode Miller, Macartneys Teamkollege, wollte sich mit dem Hinweis auf Gefahr für Leib und Leben als Teil einer guten Tradition nicht zufriedengeben: „Der Zielsprung wurde dreimal geändert. Ich war schon bei der Inspektion besorgt. Man darf nicht vergessen, dass es da um das Leben der Athleten geht. Der Zielsprung ist sinnlos.“

          Vielleicht - aus Sicht von Miller, dem Akrobaten auf Skiern, der extreme Pisten mag, weil er extreme Linien fahren kann, aber keine Lust auf Showeinlagen hat, die vor allem dem Spektakel dienen: Bis zu 80 Meter sind die Rennläufer bei den Trainingsläufen nach dem Schuss über den letzten Sprunghügel geflogen. Haben Sätze gemacht, die den Zuschauern an der Piste aus nächster Nähe vor Augen führen, was die Streif aus Abfahrtsläufern macht: Highspeed-Kombinierer. Skilaufen am Limit durch enge Kurven und über wellige, vereiste Hänge wird zur weiteren Unterhaltung mit veritablem Skispringen verknüpft.

          Ski-Fliegen als zweite Disziplin

          Miller, der grenzenlose Hasardeur, nun ein Prediger für Vernunft und Sicherheit? Das mag nicht passen auf den ersten Blick. Der Sieger von Wengen kam auf der Streif zeitgleich mit dem Österreicher Mario Scheiber als Zweiter ins Ziel - weil er mal wieder zu viel gewagt hatte. Bei der Ausfahrt des Steilhangs drückte es ihn aus der Ideallinie mit beiden Ski etwa zehn, fünfzehn Meter über eine Werbebande. „Ich würde nicht so fahren wie Bode“, erklärte Sieger Didier Cuche, „vielleicht sollte er in besonders heiklen Passagen das Risiko dosieren.“

          Dennoch stimmte der Schweizer seinem Gegner im Detail zu: „Nach dem ersten Training habe ich gewusst: Wenn der Sprung (im Zielhang) zehn, zwanzig Meter weiter geht, dann kann ich ihn nicht mehr stehen.“ Das spektakuläre Ski-Fliegen als zweite Disziplin der Abfahrer in Kitzbühel ist dem Internationalen Ski-Verband (Fis) sehr wohl unangenehm aufgefallen. Dreimal hatte die Fis unter Renndirektor Günther Hujara die Sprunghügel bis zum Rennen schleifen lassen. Unglücklicherweise gab es nach dem letzten Schliff aber keinen Trainingslauf mehr, sondern nur noch eine Besichtigung.

          Hilfreiche Wärme

          „Man hätte es so lassen sollen wie beim zweiten Training“, sagte der Deutsche Stefan Keppler (30.). Allerdings hatte, abgesehen von Macartney und zwei anderen Abfahrern, niemand auch nur annähernd Balance-Probleme mit der letzten Variante. Und so stellte sich der Veranstalter mit breiter Brust der Kritik: „Das ist ein Naturhügel“, erklärte Streckenchef Peter Obernauer gelassen, „den kann man nicht einfach abtragen.“ Zumindest nicht mehr Tage vor dem Rennen. Punkt.

          Millers Kritik bezog sich aber nicht allein auf die heikle Schlusspassage, sondern auf eine von ihm beobachtete grundsätzliche „Absicht“ von Veranstaltern in dieser Saison, „Pisten härter und welliger“ zu machen, als „sie ohnehin schon sind“. Österreichische Zeitungen deuteten in der vergangenen Woche einen Wettbewerb um das Schreckenspotential zwischen Bormio und Kitzbühel an. „Die hatten alles daran gesetzt, die Streif zusätzlich aufzumotzen“, schrieb „Tirol am Sonntag“. Diesen Eindruck hatte auch Obernauer nicht vom Tisch gefegt. Im Gegenteil. Am Freitag bestätigte er im ORF die Wahrnehmung Millers: „Wir haben die Wellen in der Traverse gelassen. Da wird es viel Leben geben.“

          Es blieb, abgesehen von fünf weiteren, weitgehend folgenlosen Stürzen, selbst auf den gefürchteten Passagen ruhig. Allerdings spielte die Laune der Natur eine bremsende Rolle. Der Wärmeeinbruch hatte die Piste aufgeweicht, die Eisdecke weggeschmolzen. „Ich weiß nicht, ob ich runtergekommen wäre, wenn es zehn Grad minus gehabt hätte“, sagte Cuche, der Sieger, der Beste am Samstag.

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