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Michael Greis vor der Biathlonsaison : Individualismus gegen Dirigismus

  • -Aktualisiert am

Mündiger Athlet mit Recht auf individuelle Vorbereitung: so sieht sich Michael Greis Bild: ddp

Vor dem Start in die Saison haben Olympiasieger Michael Greis und Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich haben ihren Streit beigelegt. „Jeder muss seinen eigenen Weg finden“ heißt inzwischen das Credo.

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          Ob sie sich demnächst wieder um den Hals fallen, ist ungewiss, aber immerhin haben die Streithähne rechtzeitig zum professionellen Umgang miteinander gefunden. Schließlich beginnt an diesem Mittwoch in Östersund die Biathlon-Saison, und die kostet genug Energie. „Es passt“, sagt Michael Greis, der dreifache Olympiasieger von Turin. „Ich bin optimistisch“, sagt Frank Ullrich, der Bundestrainer der deutschen Biathleten und spricht von Normalität. Und irgendwie hat man das Gefühl, das alles nur halb so schlimm gewesen sein muss. Wenn es denn so einfach wäre.

          Unstrittig ist, dass beide gestritten haben. Unstrittig ist auch, dass beide Sturköpfe sind, die keine Freundschaft verbindet. Greis war schon einmal drauf und dran, alles hinzuschmeißen, weil er sich von Ullrich ausgebootet fühlte. Mag sein, dass der Skijäger vor diesem Hintergrund mit der Tradition gebrochen hat, alle Kontroversen stets im stillen Kämmerlein auszutragen.

          Er brauche keine Vorgaben von oben, sagt Greis

          Er hat die Öffentlichkeit gewählt, und das hat eine neue Qualität im deutschen Männer-Biathlon. Es mag dabei vordergründig nur um zehn Tage gegangen sein, nämlich jenes gemeinsame Trainingslager der deutschen Biathleten auf dem Dachstein, dem sich Michael Greis mit seiner Ruhpoldinger Trainingsgruppe im Herbst verweigerte. Aber es geht ums Prinzip. Individualismus gegen Dirigismus – so lautet überspitzt formuliert das Problem.

          „Kein Problem mit der Eigenständigkeit des Athleten” - doch bislang setzte Frank Ullrich auf das dirigistische Modell
          „Kein Problem mit der Eigenständigkeit des Athleten” - doch bislang setzte Frank Ullrich auf das dirigistische Modell : Bild: picture-alliance/ dpa

          Greis ist der Meinung, dass er – und nicht nur er – als mündiger, eigenverantwortlicher Athlet ein Recht auf individuelle Vorbereitung hat. „Ich bin schließlich für meine Leistung verantwortlich.“ Er brauche keine Vorgaben von oben. Ullrich sieht das ein wenig anders. „Es gibt immer Phasen, in denen es ganz wichtig ist, sich einzubringen und selbst zu gestalten. Und es gibt eine Zeit für gemeinsame Dinge.“ Bisher hat Ullrich allein bestimmt, wann Zeit für was ist.

          Priviligien durfte bislang nur einer verteilen: Ullrich

          Michael Greis gesteht der Bundestrainer im Grunde schon seit Jahren einen hohen Eigenanteil in der Vorbereitung zu: „Ich mag Individualisten und habe es von Anfang an am Michi geschätzt, dass er sich so einbringt“, sagt Ullrich und verweist darauf, dass sogenannte Alleingänge schließlich nichts Neues seien im deutschen Biathlon. Schon Frank Luck, Ricco Groß und Sven Fischer sind eigene Wege gegangen – zumindest zeitweise. Und doch gibt es einen gravierenden Unterschied. Die großen Drei haben das als Privileg genossen, als Lohn für Siege und Titel. Und nur einer hatte das Privileg, diese Privilegien zu verteilen: Ullrich.

          Nun gehört Greis mit drei olympischen Goldmedaillen, drei WM-Titeln sowie einem Gesamt-Weltcup-Sieg zweifellos zu diesem erlauchten Kreis. Aber die Forderung des Nesselwangers geht viel weiter: Individuelle Vorbereitung ist kein Privileg, sondern eine Selbstverständlichkeit – und zwar für jeden, der das mag. Das dem Bundestrainer klarzumachen, „sei der kämpferische Teil“ gewesen.

          „Jeder muss seinen eigenen Weg finden“

          „Aber man reift doch nur in der Persönlichkeit, wenn man die Dinge in die eigene Hand nimmt. Und Selbständigkeit ist doch gerade bei Großereignissen eine entscheidende Qualität“, sagt Greis. Er will keineswegs das dirigistische Modell Ullrich, das sicher auch vom untergegangenen DDR-System geprägt ist, generell durch das individualistische Modell Greis ersetzen. „Ich weiß doch, dass es Athleten gibt, die lieber einen Plan abarbeiten.“

          Sein Credo lautet anders: „Dass jeder seinen eigenen Weg finden muss“, und er glaubt, dass sein Anliegen inzwischen beim Bundestrainer angekommen ist. Jedenfalls zitiert er Ullrich so: „Er hat im letzten Trainingslager in Muonio kommuniziert, dass jeder die Möglichkeit hat, sich selbst einzubringen.“ Was Ullrich bestätigt. „Ich habe kein Problem mit der Eigenständigkeit von Athleten. Ich war früher auch so und hatte Auseinandersetzungen mit meinen Trainern.“ Dem Trend zum Individualismus gehöre ohnehin die Zukunft.

          Auch Björndalen und Poirée sind Individualisten

          Wenn man genau hinschaut, ist er auch Vergangenheit und Gegenwart. Die prägenden Figuren der letzten Jahre – der norwegische Branchenriese Ole Einar Björndalen und der inzwischen zurückgetretene Franzose Raphael Poirée – sind ausgeprägte Individualisten mit dem Drang zu Innovationen.

          Poirée hat auf die Frage, was er von den Deutschen lernen könne, einmal etwas naserümpfend gesagt: „Die machen doch immer dasselbe.“ Und Björndalen hat auf Fragen zum Thema Individualität lapidar bemerkt: „Bei uns in Norwegen haben die Nationaltrainer nicht so einen großen Einfluss wie in Deutschland.“

          Auch Wilhelm arbeitet mit neuem Konzept und Trainer - ohne Getöse

          Man muss gar nicht „fremdgehen“. Quasi nebenan, bei den deutschen Frauen, macht gerade Kati Wilhelm ihr eigenes Ding, mit neuem Konzept und neuem Trainer – ohne jegliches Getöse. Kein Einzelfall im Übrigen. „Kein Problem, wenn man das vernünftig abspricht“, sagt Frauen-Bundestrainer Uwe Müssiggang. Frank Ullrich hätte es auch lieber intern geregelt. Die Frage ist nur, was dabei herausgekommen wäre. „Zwischen uns steht gar nicht so viel, wie vielleicht von außen hineininterpretiert wird“, sagt Ullrich. Immerhin verbindet beide ein gemeinsames Interesse: der Erfolg.

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