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Medaillengaranten : Sportler in Uniform

  • -Aktualisiert am

Minister Jung besucht die Sportsoldaten Langen (l.) und Sommerfeldt Bild: dpa/dpaweb

Mehr als die Hälfte der 158 deutschen Teilnehmer in Turin sind Soldaten der Bundeswehr, Angehörige der Bundespolizei oder des Zolls. Was 1972 als Antwort der Bundesrepublik auf die Erfolge der „Staatsamateure“ aus der DDR begann, ist aus dem deutschen Sport nicht mehr wegzudenken.

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          Die deutsche Olympiamannschaft geht bei den Winterspielen in Turin mit der Zeit: Zum zweiten Mal schon gibt es eine "Null-Runde". Die Stiftung Deutsche Sporthilfe zahlt gerne Erfolgsprämien, aber nur soviel wie in Nagano (1998) und in Salt Lake City (2002). Ein Olympiasieger wird nur reich, wenn er es versteht, große Sponsoren für sich zu interessieren. Die Sporthilfe überweist lediglich 15.000 Euro.

          Doch die Mehrzahl der deutschen Olympiastarter ist anderweitig abgesichert, auch wenn sie weder sportive Kleinunternehmer noch mit Fußballprofis vergleichbare Einkommensmillionäre sind. Sie sind Sportler in Uniform. Weit mehr als die Hälfte der 161 deutschen Teilnehmer in Turin sind Soldaten der Bundeswehr, Angehörige der Bundespolizei oder des Zolls. Was vor den Olympischen Spielen von München 1972 als Antwort der Bundesrepublik auf die Erfolge der "Staatsamateure" aus der DDR begann, ist aus dem deutschen Sport nicht mehr wegzudenken.

          Den Verbänden wird angst und bange

          Bei den Winterspielen in Nagano errangen Athleten aus dieser Gruppe mehr als die Hälfte aller Medaillen, vor vier Jahren in Salt Lake City stieg der Anteil auf deutlich mehr als zwei Drittel. Vor dem "Optimierung" genannten Sparprogramm der Bundeswehr, das die Schließung von zehn der ursprünglich 25 Sportförderkompanien sowie den Abbau von einem Zehntel der rund 750 Planstellen vorsieht, muß den Sportverbänden angst und bange sein.

          Auf der Besuchertribüne: Franz-Josef Jung

          Das Publikum mögen solche Einzelheiten und Zahlen überraschen, erscheinen ihm die Wintersportler doch nicht bloß zur Olympiazeit, sondern Wochenende für Wochenende als Unterhaltungskünstler und Bildschirmstars. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, die aus Turin mit insgesamt fast 800 Sendestunden (das nicht bloß bei der privaten Konkurrenz umstrittene digitale Angebot eingerechnet) einen Fernsehweltrekord aufstellen werden, befördern den Eindruck, es hier mit der wichtigsten Sache und den wichtigsten Menschen in der Zeit von November bis März zu tun zu haben.

          Es wird weiter kräftig investiert

          Die Einschaltzahlen mögen den Sendern als Rechtfertigung für ihre ausufernde Inszenierung genügen; ginge es bloß um Berichterstattung, dann würde ein Bruchteil der Übertragungen genügen. So aber geraten Uschi Disl, Georg Hackl, Uwe Müssiggang oder Peter Rohwein - sie sind nur einige wenige der ständig ins Bild gesetzten Aktiven und Trainer - auf eine mitunter grotesk anmutende Bedeutungsstufe. Deutschland sucht den Superstar - für den Wintersport trifft dieser eigentlich für ein ganz anderes Fernsehformat geschützte Slogan ins Weiße.

          Es wird weiter kräftig investiert in den Wintersportstandort Deutschland, vom Innenministerium, zu dem das Sportreferat des Bundes gehört, ebenso wie von der Bundeswehr, die mitunter als größter Sponsor gerühmt wird. Die Wintersportverbände mit ihrer gewaltigen Medaillensammlung gelten - anders als die Sommersportorganisationen - als verläßliche Partner und als eindrucksvolle Beispiele dafür, was Führungskompetenz sowie Erfolgskontrolle bewirken können. Einfluß auf das olympische Ergebnis haben im materialintensiven Wintersport letztlich auch die mit Millionen aus öffentlichen Mitteln arbeitenden Wissenschaftler des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig sowie des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin. Nicht genau zu beziffern ist, was die öffentliche Hand zu investieren hat in Bau und Unterhalt der zahlreichen Sprungschanzen, Bobbahnen, Eishallen, Biathlon- und Langlaufzentren. Deutschland ist in einzelnen Sparten, gemessen an der überschaubaren Zahl der Aktiven, eher überversorgt.

          Nachwuchssorgen

          Eine Garantie für eine goldenen Zukunft ist dies alles nicht. Trotz des finanziellen und personellen Aufwandes kennen die Sportverbände schon heute Nachwuchssorgen, und es ist festzustellen, daß sich unter den Millionen Fernsehzuschauern sehr wenige aus jener Altersgruppe finden, die verzweifelt gesucht werden: Vor den Bildschirmen sitzt eine für die Skiindustrie sicherlich interessante, kauffreudige Klientel, die ihre körperlich besten Jahre jedoch schon hinter sich hat. Schlummernde Talente für Hochleistungssport werden die Übertragungen aus Turin kaum aufwecken, allenfalls den einen oder anderen Normalbürger dazu bewegen, sich endlich aufzuraffen und wie schon lange beabsichtigt ein Paar Langlaufski zu erwerben. Es ist mehr als bloße Theorie, daß die gesellschaftlichen Veränderungen eher früher als später auch die deutsche Rolle im sportlichen Winterwettstreit beschädigen werden.

          Der wachsende Anteil von Jugendlichen aus Einwandererfamilien in der Altersgruppe bis 25 Jahre dürfte dazu beitragen, daß Ski- oder Eislauf kaum mehr Wurzeln werden schlagen können - weil in den Herkunftsfamilien ganz andere Ideale und Freizeitbeschäftigungen zählen. Die deutschen Ergebnisse bei der Leistungsschau von Mensch und Material in Turin berührt dies noch nicht. Sie werden absehbar glänzend sein - allerdings auch teuer erkauft und ganz bestimmt nicht von Dauer.

          Vorerst allerdings werden Millionen Zuschauer mitfiebern, ob der Staat die Steuergelder gewinnbringend angelegt hat und die deutsche Mannschaft in Turin wirklich Platz eins der Medaillenwertung - dieses Ziel haben Sportfunktionäre wieder einmal gesetzt - erringen kann. Vor vier Jahren ging es knapp schief, und es ist eine Ironie der Sportgeschichte, wie Deutschland seinen ersten Platz der Nationenwertung vor Norwegen doch noch verlor - durch eine Kettenreaktion: Dem Allgäuer Langläufer Mühlegg, der nach Querelen mit dem Deutschen Skiverband für Spanien gestartet war, wurden wegen Dopings nachträglich alle Goldmedaillen aberkannt. Norwegen profitierte vom spanischen Verlust und überholte das bis dahin führende Deutschland, das ein Dopingopfer wurde.

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