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Marlies Schild : Die Kunst der direkten Linie

  • -Aktualisiert am

Der Stolz Österreichs: Marlies Schild fährt derzeit allen davon im Slalom Bild: dapd

Marlies Schild ist derzeit Seriensiegerin im Slalom. Die Österreicherin könnte bald einen Weltcup-Rekord knacken. Die Konkurrentinnen sind dennoch nicht hoffnungslos.

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          Österreich hat ja nun endlich auch offiziell erfolgreiche Frauen. Seit diesem Jahr geht es in der Nationalhymne, die jetzt Bundeshymne heißt, nicht mehr nur um die Heimat großer Söhne, sondern auch um die großer Töchter. Ob die Streiterinnen für die Gleichberechtigung im Land der Berge an die sportlich derzeit beste Tochter gedacht haben, ist nicht bekannt, aber Marlies Schild hätte ihnen jedenfalls einige Argumente liefern können.

          Die 30 Jahre alte Saalfeldenerin ist Seriensiegerin im Slalom. Sie hat von den vergangenen 20 Rennen 14 für sich entschieden, und wenn es - wie zu erwarten - so weitergeht, knackt sie noch in dieser Saison den Rekord von Vreni Schneider. Die Schweizerin stand 34 Mal bei Weltcup-Slaloms zwischen 1986 und 1995 ganz oben auf dem Siegerpodest, die Österreicherin hat es vor dem Torlauf an diesem Dienstag in Zagreb auf 31 Siege gebracht. Von den 81 Slaloms, die sie im Weltcup bisher bestritt, gewann sie mehr als ein Drittel.

          „Die Marlies ist seit Jahren das Maß der Dinge im Slalom“, gibt der deutsche Techniktrainer Christian Schwaiger zu. Aber er sagt auch: „Sie ist nicht unschlagbar.“ Allerdings gelang das in den vergangenen beiden Wintern nur zwei Läuferinnen: Maria Höfl-Riesch bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver und der Slowenin Tina Maze beim Finale im vergangenen März in Lenzerheide, als der Slalom-Weltcup längst entschieden war und die lange Saison auch bei Schild Spuren hinterlassen hatte. „Gewinnen macht süchtig“, sagt Marlies Schild.

          Die einzige Hoffnung der Konkurrenz scheint im Moment zu sein, dass im Slalom der Grat zwischen Bestzeit und Einfädeln meist sehr schmal ist. Die Gefahr auszuscheiden ist in keiner Disziplin so groß, und für Marlies Schild ist sie wegen ihres Stils eigentlich noch etwas größer, denn sie fährt die Tore direkter an als jede andere.

          Von den vergangenen 20 Rennen hat sie 14 für sich entschieden
          Von den vergangenen 20 Rennen hat sie 14 für sich entschieden : Bild: REUTERS

          Ihre Skimarke erfordert diese Linienwahl, aber nicht alle Athleten beherrschen sie derart gut und sicher wie Marlies Schild. Die Französin Sandrine Aubert gehörte bis zu ihrem Wechsel zu Schilds Hersteller Atomic zu den besten Slalomfahrerinnen der Welt, jetzt ist sie abgerutscht auf Rang 28. Marlies Schild fuhr noch nie eine andere Marke, seit sie im Weltcup unterwegs ist.

          Als sie ihre Karriere vor zehn Jahren begann, hatte sie schon ein paar Knieoperationen hinter sich, ein Knorpelschaden bereitete lange Probleme, aber die schwerste Verletzung zog sie sich im Oktober 2008 zu. Sie stürzte beim Riesenslalom-Training in Sölden und erlitt dabei einen Trümmerbruch des linken Schien- und Wadenbeins sowie einen Bruch des linken Schienbeinkopfes.

          Nun hat die Österreicherin gut lachen - und jagt einen Weltcup-Rekord
          Nun hat die Österreicherin gut lachen - und jagt einen Weltcup-Rekord : Bild: REUTERS

          Viele zweifelten, ob sie noch einmal zurückkehren würde, Marlies Schild selbst auch. „Ich war ja nicht nur körperlich kaputt, sondern auch psychisch am Boden“, sagte sie vor Weihnachten in einem Interview der österreichischen Zeitschrift „Sportwoche“. Vielleicht hätte sie mit 27 Jahren tatsächlich aufgegeben, nicht mehr die Kraft gehabt, sich wieder heranzukämpfen, hätte sie nicht das Gefühl getrieben, noch einen Makel beheben zu müssen. Es fehlte ein großer Titel, eine Goldmedaille, denn wenn es drauf ankam, spielten ihre Nerven oft nicht mit. Marlies Schild war die ewige Zweite: bei Olympia, bei Weltmeisterschaften, einmal auch im Gesamtweltcup.

          Marlies Schild sagt selbst, die Verletzung sei der Wendepunkt ihrer Karriere gewesen. Davor habe sie sich jeden Fehler zu Herzen genommen. „Ich habe gelernt, dass Fehler nun mal passieren. Ich bin nicht mehr so selbstkritisch.“ Sie sei einfach dankbar, „dass ich überhaupt noch fahren kann, und das macht mich vielleicht besser“. Die Erwartungshaltung ist nicht kleiner geworden, im Gegenteil, aber sie kommt besser damit zurecht.

          Allein auf weiter Flur: Marlies Schild ist das Maß der Dinge im Slalom
          Allein auf weiter Flur: Marlies Schild ist das Maß der Dinge im Slalom : Bild: REUTERS

          „Der Druck ist schon gewaltig für mich, weil ich in jedem Rennen nicht nur vorne sein will, sondern ja eigentlich auch muss.“ Die Befreiung schaffte sie bei der WM in Garmisch-Partenkirchen im vergangenen Februar, mit dem Gewinn der ersehnten Goldmedaille wurde sie endlich ihrer Favoritenrolle auch bei einem Großereignis gerecht. „Es war ein Muss-Sieg“, weiß sie, „eine Silbermedaille wäre nicht akzeptabel gewesen.“

          Auf der Jagd nach Rekorden bleiben nun - abgesehen von einem Olympiasieg - nicht mehr viele Ziele. Höchstens noch ein familieninternes. Mit Siegen in Zagreb, Mitte Januar in Maribor und anschließend in Andorra wäre Marlies Schild erfolgreicher als ihr Lebensgefährte Benjamin Raich, der nach einem Kreuzbandriss gerade wieder um den Anschluss an die Weltspitze kämpft. Dann hätte sie - rein sportlich - auch daheim die Nase vorne.

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