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Marit Björgen : Tigerin und Traumfrau

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Die Frau mit der Goldenen Jacke: Norwegens Traumfrau Marit Björgen Bild: dapd

Norwegen feiert seine hundertste Goldmedaille und die Frau, die sie gewonnen hat: Marit Björgen gilt auch den Politikern als Vorbild. Sie hat die höchsten Höhen erreicht, aber Björgen hat auch Tiefs durchlebt.

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          Als Marit Björgen in ihr Hotelzimmer kam, lag der Tiger auf dem Kissen, nahm die ganze Breite ihres Bettes ein. Nach dem ersten Schrecken musste sie schmunzeln. „Britt“, dachte sie. Britt Tajet-Foxell, die Psychologin, mit der Marit Björgen seit langem eng zusammen arbeitet, hatte es wieder geschafft. Wie vor einem Jahr, wie in Vancouver. „Weck den Tiger in dir“, so hatte sie ihr damals Stärke und Selbstvertrauen vermittelt, „du bist der Tiger“.

          Ein glückstrahlender Tiger. Am Donnerstagabend, als der erste Wettbewerb der nordischen Skiweltmeisterschaften in Oslo – der Langlauf-Sprint – auf dem Universitätsplatz in Sichtweite des Königsschlosses von einer riesigen Menschenmenge mit der Siegerehrung beschlossen wurde, war Marit Björgen die Hauptdarstellerin. „Traumfrau 100“ titelte eine Zeitung am nächsten Morgen, eine Traumfrau in Gold. Das Rot der norwegischen Mannschaftskleidung hatte sie gleich nach dem Rennen gegen eine goldene Daunenjacke getauscht – eine Ausrüster-Firma hatte sie organisiert, vorsorglich. Für jenen Norweger, der die hundertste Goldmedaille für sein Land bei nordischen Skiweltmeisterschaften gewinnen würde.

          „Es gibt keinen passenderen Gewinner für Norwegens hundertstes Gold“, sagte Anniken Huitfeldt, die Ministerin für Kultur und Sport, „Marit Björgen ist ein wichtiges Vorbild.“ Ministerpräsident Jens Stoltenberg gratulierte der Volksheldin. Mit keinem anderen Sportler identifiziert sich die norwegische Öffentlichkeit auch nur annähernd wie mit den Langläufern. Marit Björgen hat die höchsten Stufen der Popularität erreicht – seit ihrem Weltmeistertitel über 30 Kilometer, die längste Strecke der Frauen, in Oberstdorf 2005. „Das ist der größte Erfolg, den ich errungen habe“, sagt sie.

          „Nun kann ich Spaß haben”: Marit Björgen in Oslo
          „Nun kann ich Spaß haben”: Marit Björgen in Oslo : Bild: AFP

          Als Sprinterin hatte sie ihre Karriere begonnen – doch nur als Läufer auf den langen Distanzen wird man bei den Erfindern des Skilaufs voll akzeptiert. In der Saison 2004/2005 landete sie in keinem Rennen schlechter als auf Platz fünf, im Jahr danach war Rang neun ihr schwächstes Ergebnis, in beiden Wintern gewann sie den Weltcup. Sie ist die Rekordfrau: Mittlerweile hat sie 44 Weltcuprennen als Siegerin bestritten und Bente Skari, ihre Landsfrau, in der Statistik der Besten abgelöst. Sie ist Norwegens erfolgreichste Winter-Olympionikin mit drei Goldmedaillen, einmal Silber und einmal Bronze in Vancouver, der Sieg im Sprint von Oslo war ihr fünfter Weltmeistertitel.

          „Nun kann ich Spaß haben“

          Im März wird Marit Björgen 31. Sie kommt von einem Bauernhof, und irgendwann möchte sie dort auch wieder leben, mit ihrem Partner Fred Börre Lundberg, dem Olympiasieger in der Nordischen Kombination von 1994 in Lillehammer. Aber mehr noch will sie laufen, Rennen laufen, noch lange, mindestens bis 2014. Sie spricht viel von ihren Träumen, auch in Oslo. „Ich hatte den Traum, hier eine Goldmedaille zu gewinnen – und ich habe ihn heute wahr gemacht“, sagte sie nach dem Sprint. „Ich habe jetzt mein Gold, und nun kann ich für den Rest der WM Spaß haben und genießen.“ Fünf Rennen haben die Frauen bei den Titelkämpfen noch vor sich, und diese Marit Björgen könnte die Erste werden, die alle sechs Wettbewerbe bei einer WM gewinnt. „Na ja“, sagt sie, „vielleicht lasse ich den Teamsprint aus.“ So recht glauben will niemand ihren Worten.

          Sie hat die höchsten Höhen erreicht, aber Marit Björgen hat auch Tiefs durchlebt. Nach dem zweiten Weltcup-Gesamtsieg fiel sie jahrelang in ein Loch. Falsches Training und gesundheitliche Probleme bremsten sie. Aus der strahlenden dunkelhaarigen jungen Frau wurde zunehmend eine deprimierte Verliererin, die auf schnellstem Weg den Zielraum verließ. Marit Björgen und ihre Trainer zogen die Konsequenzen, sie trainierte in den Sommern weiterhin hohe Umfänge, doch die einzelnen Einheiten waren weniger hart.

          Asthmamittel mit Ausnahmegenehmigung

          Als sie wieder erfolgreich war, wurde, wie bei den meisten Langläufern, der Verdacht ihr Begleiter. Böse Anschuldigungen – die sie dann nie so gemeint haben wollte – erhob ihre härteste Rivalin Justyna Kowalczyk. „Marit weiß, dass sie ohne Hilfsmittel nicht viel zu bieten hätte“, sagte die Polin, die selbst 2005 gesperrt war, weil sie der Einnahme des Glukokortikoids Dexamethason überführt worden war. Marit Björgen nimmt ein Asthmamittel, das zwar auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur steht, sie startet aber mit einer Ausnahmegenehmigung des Internationalen Skiverbandes.

          Ihr Laufstil ist geprägt von Kraft und wunderbarer Technik. Während ihre Konkurrentinnen sich nach dem Zieleinlauf erschöpft in den Schnee fallen lassen, wirkt Marit Björgen gelöst, locker. Im Sprint lief sie am steilsten Anstieg leichtfüßig allen auf und davon. „Ich wusste“, sagt sie, „dass die anderen schneller müde werden.“ Sie ist wach, hellwach, diese Marit Björgen. Und der Weg zum obersten Podest auf dem Universitätsplatz, aufgebaut für die Sieger dieser WM, kann noch ein paar Mal zum goldenen Laufsteg für sie werden.

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