https://www.faz.net/-gtl-ydg9

Magdalena Neuner : Vom Erwartungsdruck befreit

Drei Starts, drei Medaillen: Magdalena Neuner räumt ab bei der Biathlon-WM Bild: AFP

Drittes Rennen, dritte Medaille: Magdalena Neuner findet bei der Biathlon-WM die innere Ruhe am Schießstand. In der Verfolgung läuft und schießt sie sich zu Silber. Nur die Finnin Kaisa Mäkäräinen ist besser.

          3 Min.

          Geschoss Nummer 36 und Nummer 40 wichen dann doch ein paar Zentimeter von der idealen Flugbahn ab und ließen den weißen Lack neben der Scheibe splittern - zwei Strafrunden. Und Magdalena Neuner, bis dahin die Souveränität in Person, spürte plötzlich, dass ihr das zweite Goldstück bei dieser WM in Chanty-Mansijsk doch noch aus den Händen zu gleiten drohte. Am Tag zuvor, im Sprint, hatte die Wallgauerin ihren perfekten Wettkampf gemacht, am Sonntag - in der Verfolgung - war es ihre finnische Konkurrentin Kajsa Mäkäräinen, die den Spieß umdrehte und von Platz zwei auf eins vorrückte. Die 28 Jahre alte Biathletin aus Joensu, bis dahin eine halbe Minute zurück, bekam Neuners Missgeschick beim letzten Schießen mit und war mit einen Mal hellwach: volles Risiko. Aber in so einer Stresssituation so eiskalt zu bleiben, um trotz Schnellfeuer auch noch halbwegs kontrolliert zu schießen, das nötigte selbst der geschlagenen Deutschen Respekt ab. „Das letzte Schießen macht eben den Unterschied aus, und die Kajsa hat wirklich einen starken Wettkampf gemacht.“

          Wobei Magdalena Neuner nicht den Eindruck erweckte, als trauere sie dem verpassten zweiten Titel in Sibirien nach. „Ich habe gesehen, wie entschlossen sie war, und die acht Sekunden Vorsprung konnte ich nicht mehr zulaufen. Da habe ich beschlossen, Silber zu genießen.“ Inzwischen glaubt man ihr das sogar. Sie behauptet ja stets: „Ich bin keine Kannibalin.“ Also keine, die mit Haut und Haar der Titel-, Medaillen-, oder Rekordsucht verfallen ist: „Ich kann auch gönnen.“ Sie musste sich ja gerade wegen dieses unter Spitzensportlern seltenen Wesenszugs schon erklären. Denn als sie bei den Olympischen Spielen in Vancouver trotz zweimal Gold auf ihren Staffeleinsatz verzichtet hat, um ihrer Kollegin Martina Beck bei deren letztem Auftritt einen versöhnlichen Abgang zu verschaffen, haben sich alle verwundert die Augen gerieben. Schenkt jemand freiwillig eine nahezu sichere Medaille her? „So denke ich nicht“, hat sie gesagt.

          Sie muss sich nichts mehr beweisen

          Es ist andererseits aber auch keine schlechte Strategie, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen, wenn man diese Erfolgsstatistik im Rücken hat. Magdalena Neuner ist gerade 24 Jahre alt geworden, aber sie hat schon alles gewonnen. Olympiagold, acht WM-Titel, den Gesamt-Weltcup nebst 20 Einzelsiegen. Da muss man nichts mehr beweisen. Schon gar nicht sich selbst. Und wenn man sich quasi aus eigener Überzeugung vom Erwartungsdruck befreit, sind weitere Erfolge schon fast sicher. Läuferisch ist sie ohnehin eine Ausnahmeerscheinung. Aber in Chanty-Mansijsk erlebt man derzeit eine Magdalena Neuner, die wie eine Statue am Schießstand steht, nahezu unerschütterlich.

          Miss Biathlon: „Ich habe ja schon alles erreicht und kann das alles ganz entspannt angehen”

          In sich ruhend, flüssig, rhythmisch, kontrolliert. Als habe sie nie diese Angst vorm Schießen, vorm Versagen gehabt. Als habe es jene traumatischen Momente nie gegeben, wenn alle fünf Scheiben stehen blieben und sie mal wieder Rede und Antwort stehen musste, wie denn so etwas zu erklären sei. Da konnte ihr anfangs auch ein Mentalcoach nicht helfen. „So etwas braucht Zeit“, hat sie gesagt und an dem Problem gearbeitet. In Vancouver war sie schon einen großen Schritt weiter. Vielleicht erklärt sich ihre nahezu unheimliche Trefferserie von Chanty - bislang hat sie mit Ausnahme von Nummer 36 und 40 jeden Schuss ins Ziel gebracht - auch mit der gewachsenen inneren Balance.

          Arnd Peiffer regelt alles über den Intellekt

          Etwas, was ihren deutschen Kollegen Arnd Peiffer fast von Anfang an ausgezeichnet hat. Die Ruhe am Schießstand war lange Zeit die einzige Chance für den Niedersachsen - wie Neuner Jahrgang 1987 -, weil er nicht mit solchen außergewöhnlichen Lauf-Genen gesegnet ist. Aber Peiffer ist einer, der alles über den Kopf, über den Intellekt regelt; der wahrscheinlich am konsequentesten umsetzen kann, was er sich vorgenommen hat. Schritt für Schritt, wobei er seit seinem Weltcup-Debüt am 8. Januar 2009 - mit Ausnahme von Olympia 2010 - nur eine Richtung kennt: nach vorne. Bis zur Titelreife.

          So wie am Samstag, als er sich nach dem Sprint plötzlich auf dem obersten Podest des Treppchens wiederfand; neben Silbermedaillengewinner Martin Fourcade aus Frankreich und Tarjei Bö, dem Norweger. Ein wenig ungläubig noch, denn davon hat er bislang bestenfalls geträumt. „Ich wäre ja schon mit einem Platz unter den Top acht zufrieden gewesen.“ Aber Weltmeister? Selbst dafür gab es eine Begründung: „Das war heute mein Tag, mein Wettkampf, meine Disziplin, meine Strecke, mein Wetter.“ Ziemlich viel, was für ihn sprach - trotz eines Fehlschusses.

          Auch in dem kühlen Harzer brodelt ein kleiner Vulkan

          Am Sonntag kam er zwar einen Schritt zu spät für Bronze, weil der Norweger Tarjei Bö im Finish der Verfolgung geschickt die Innenbahn zumachte. Und da konnte man dann auch sehen, dass in dem kühlen verstandesgesteuerten Harzer auch ein kleiner Vulkan brodelt. „Ich bin ziemlich sauer“, brach es aus ihm hervor. Weil er sich unfair ausgebremst fühlte. Zu Unrecht, wie sich beim Videostudium herausstellte. Weswegen Peiffer auch ganz schnell wieder runter kam.

          Er muss die Schuld bei sich selbst suchen. Den letzten Schuss hat er - in Führung liegend - schließlich selbst neben die Scheibe gesetzt. Da war der Weg frei für Martin Fourcade und für Bö, die er am Samstag im Sprint noch sicher auf Distanz gehalten hatte. Was Peiffer nach dem ersten Ärger schon wieder schon in alter Gelassenheit kommentierte: „Meine Goldmedaille habe ich gestern gemacht. Also kann ich es verschmerzen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wird Bodo Ramelow doch noch zum Ministerpräsidenten gewählt – und wenn ja, in welchem Wahlgang und mit welchen Stimmen?

          Thüringen : Wie auf dem Basar

          In Erfurt verhandeln Linke, CDU, SPD und Grüne weiter über einen Ausweg aus der Krise. Knackpunkt ist der Zeitpunkt von Neuwahlen: Je länger sie hinausgeschoben werden, umso eher wäre die Union bereit, Ramelow als Regierungschef mitzuwählen.
          Lange hinterher, jetzt vornedran: die Wissenschaftsstadt Nürnberg

          Neue TU Nürnberg : Ein Professor für 25 Studenten

          Die neue TU Nürnberg soll die erste deutsche Uni-Neugründung seit 30 Jahren werden. Das Konzept ist ambitioniert – nicht nur, weil in Nürnberg alles komplett auf Englisch stattfinden soll.

          Zum Tod von Larry Tesler : Kopieren und Einfügen

          Seine Entwicklung hat nicht nur die Programme zur Textverarbeitung grundlegend verändert, sondern auch deren Nutzung – und unsere Art zu schreiben: Zum Tod des visionären Informatikers Larry Tesler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.