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Magdalena Neuner im Gespräch : „Mittlerweile bin ich richtig abgeklärt“

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„Ich weiß ja, dass ich das Potential zu mehr habe”: Magdalena Neuner und ihre WM-Medaillen Bild: AFP

Fünf Weltcup-Siege, drei WM-Titel und der Sprint-Weltcup - die Biathlon-Saison lief optimal für Magdalena Neuner, auch wenn sie den Gesamt-Weltcup nicht mehr holen kann. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht sie über Reife, Doping und Japan.

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          Auch wenn Sie am Samstag in Oslo wegen Erkältung auf den Start im Verfolger verzichten mussten, und damit die Chance auf den Gesamt-Weltcup leider dahin ist: Fünf Weltcup-Siege, drei WM-Titel und den Sprint-Weltcup haben Sie doch in der Tasche. Wie fällt Ihr Saisonfazit aus?

          Natürlich ist es ärgerlich, wenn ich als derzeit Dritte beim Saisonfinale tatenlos zuschauen muss. Andererseits war für mich schon nach der WM klar, dass diese Saison optimal gelaufen ist. Ich hatte und habe zwar gesundheitliche Probleme, aber was am Ende dabei herausgekommen ist, ist doch Wahnsinn. Und ob ich nun den Gesamt-Weltcup gewinne oder nicht, ändert daran nichts. Als Mannschaft haben wir den Skeptikern gezeigt, dass wir auch ohne die drei zurückgetretenen Frauen gute Ergebnisse bringen. Jede von uns war irgendwann mal vorne mit dabei.

          In Chanty-Mansijsk haben Sie nach Ihrem insgesamt zehnten WM-Titel gesagt: Jetzt muss ich mir neue Ziele suchen. Schon was gefunden?

          Jetzt beende ich erst mal die Saison, fahre in Urlaub, und wenn ich am 1. Mai wieder auf der Matte stehe, will ich mir über meine Ziele im Klaren sein. Aber es ist doch selbstverständlich, dass die bei der Heim-WM 2012 in Ruhpolding sehr hoch sein werden.

          Vor der Saison haben Sie sich in Dessous fotografieren lassen, um den Wandel von der süßen Lena zur reifen Frau zu dokumentieren. Aber Ihre wahre Reifeprüfung haben Sie doch in Chanty abgeliefert, oder?

          Ja, aber ich habe schon in den letzten Jahren einen Reifeprozess durchgemacht. Damals, mit 19 Jahren, bin ich ins kalte Wasser geschmissen worden, ein kleines Mädchen, das nicht so recht wusste, was es nun mit seinen drei Medaillen anfangen sollte. Mittlerweile bin ich richtig abgeklärt und habe den Überblick. Ich bin viel fokussierter, professioneller, aber auch entspannter.

          Bei Olympia haben Sie trotz zweier Goldmedaillen auf einen Staffeleinsatz verzichtet, in Chanty haben Sie sogar die Bürde der Schlussläuferin auf sich genommen. Was ist da passiert?

          Im Nachhinein bin ich schon ein bisschen traurig, dass ich in Vancouver nicht gelaufen bin, aber das hatte seine Gründe. In Chanty wollte ich es für die Mannschaft besonders gut machen. Natürlich war ich aufgeregt, aber die anderen waren noch mehr durch den Wind. Ich war dann so damit beschäftigt, sie zu trösten oder aufzubauen, dass ich meine eigene Nervosität vergessen habe.

          Als die Trainer sie anfangs der Saison zum Teamleader machen wollte, haben Sie sich gesträubt. Aber genau in diese Rolle sind Sie doch in Chanty geschlüpft?

          Vielleicht war ich mit dem Begriff Teamleader ein bisschen geschädigt. Wenn es früher bei uns hieß: die Mannschaft hat entscheiden, war das gleichbedeutend mit: der Teamleader hat entschieden. Das wollte ich nicht, weil wir als Mannschaft alles gemeinsam machen sollten. Aber wenn man unter Teamleader Ansprechpartner versteht, bin ich das gerne. Zumal ich auch das Gefühl habe, dass die Mädels gerne zu mir kommen, wenn etwas ist.

          In der WM-Staffel ist Ihre Laufstärke sehr krass zu Tage getreten. Es sah aus, als würde die Ukrainerin Chwosteko stehenbleiben.

          Ich bin an diesem Tag schon gut gelaufen, aber die Chwostenko - das hört sich jetzt gemein an - ist ja wirklich fast gestanden. Sie ist eine gute Schützin, aber sie ist nicht schnell, zumal sie vorher auch noch krank war.

          Wenn Sie Russin wären, würden viele munkeln: Was nimmt die denn? Haben Sie manchmal Sorge, dass die Konkurrenz so über Sie tuscheln könnte?

          Darüber denke ich gar nicht nach. Umgekehrt haben wir uns oft weit aus dem Fenster gelehnt, nach dem Motto: Da gibt's ein paar, die nehmen bestimmt was. Aber wir haben etwas aus der sogenannten Wiener Blutbank-Affäre gelernt, als plötzlich deutsche Namen auf dieser ominösen Liste aufgetaucht sind. Seitdem äußere ich mich über keinen mehr vorschnell. Ich war zwar nicht direkt betroffen, aber man hat gesehen, wie schnell man - ohne Schuld - in Verruf geraten kann. Da sind wir Sportler untereinander sensibler geworden. Aber natürlich steht es den Leuten zu, von mir denken: Die nimmt was.

          Und, was nehmen Sie?

          Viel gute, positive Energie. Für mich ist ganz wichtig, dass es mir privat gut geht, dass mein Umfeld stimmt, dann kann ich meine Leistung abrufen. Ich sehe mich auch als Vorbild für Kinder, und es wäre eine Katastrophe, wenn ich dann verbotene Dinge tun würde. Außerdem ist mir der Sport nicht wichtig genug, um meine Gesundheit zu gefährden. Es ist ja schon mancher Sportler morgens nicht mehr aufgestanden.

          Sprint-Weltmeister Arnd Peiffer bewundert Ihre offensive Vorgehensweise bei Olympia und WM; Ihre klare Ansage: Ich will hier Gold.

          Ich brauche das einfach. Ich gehe nicht zu einem Großereignis und sage: Hauptsache ich bin dabei, und wenn eine Medaille rauskommt, wäre das schön. Ich weiß ja, dass ich das Potential zu mehr habe. Und wenn ich so was ansage, bin ich vom Kopf her auch bereit, die entsprechende Leistung abzurufen. Das weckt meine Kampfbereitschaft.

          Peiffer bewundert auch, wie stark Sie am Schießstand geworden sind, weil er weiß wie hart das erarbeitet ist. Was ist anders als früher?

          Ich habe rausgefunden, dass es nicht reicht, jeden Tag einfach nur zu schießen. Das konnte ich eigentlich schon immer. Ich habe nur nach 2007 so unter Druck gestanden, dass daraus ein Kopfproblem geworden ist. Ich habe gemerkt, dass ich meinen Kopf trainieren muss. Ich habe sehr viel Zeit in mentales Training investiert, und es hat sich gelohnt. Darauf bin ich wirklich stolz. Ich kann es nur jedem Sportler empfehlen. Man muss aber sehr offen sein, denn man wird auch mit Dingen konfrontiert, die man vielleicht gar nicht hören will. Man geht ins Unterbewusstsein, man gibt viel von sich preis, man erfährt Dinge über sich selbst, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind. Man lernt viel über sich selbst, und das hat mich auch in meiner Reife total weitergebracht. Es geht ja nicht nur um sportliche Dinge, sondern praktisch um die ganze Lebensgestaltung. Ich bin mit mir im Reinen, ich weiß was ich vom Leben will, und das ist ein schönes Gefühl.

          Trotz allem passieren in der Welt zurzeit bedrückende Dinge, vor allem in Japan. Beeinträchtigt Sie das in Ihrer Genuss- und Konzentrationsfähigkeit?

          Ja. In Chanty-Mansijsk gab es manchmal Momente, da saßen wir alle gemeinsam vor dem Laptop oder dem Fernseher. Was man da sieht und hört, macht einen betroffen, da kann man sich nicht von freimachen. Eine Nacht lang habe ich wegen all dieser Gedanken schlecht geschlafen. Auch wenn es schön ist, wenn eine Medaille überm Bett hängt. Vor der Staffel-Siegerehrung gab es eine Schweigeminute für Japan, und da habe ich zur Miriam Gössner gesagt: 'Mensch, wir freuen uns hier, und da drüben ist die Hölle los.' Ich habe mich schon hin- und hergerissen gefühlt. Aber ich denke, wir müssen trotzdem normal weitermachen und nicht in Trübsal verfallen, weil das niemandem hilft.

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