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Magdalena Neuner im Gespräch : „Mittlerweile bin ich richtig abgeklärt“

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Darüber denke ich gar nicht nach. Umgekehrt haben wir uns oft weit aus dem Fenster gelehnt, nach dem Motto: Da gibt's ein paar, die nehmen bestimmt was. Aber wir haben etwas aus der sogenannten Wiener Blutbank-Affäre gelernt, als plötzlich deutsche Namen auf dieser ominösen Liste aufgetaucht sind. Seitdem äußere ich mich über keinen mehr vorschnell. Ich war zwar nicht direkt betroffen, aber man hat gesehen, wie schnell man - ohne Schuld - in Verruf geraten kann. Da sind wir Sportler untereinander sensibler geworden. Aber natürlich steht es den Leuten zu, von mir denken: Die nimmt was.

Und, was nehmen Sie?

Viel gute, positive Energie. Für mich ist ganz wichtig, dass es mir privat gut geht, dass mein Umfeld stimmt, dann kann ich meine Leistung abrufen. Ich sehe mich auch als Vorbild für Kinder, und es wäre eine Katastrophe, wenn ich dann verbotene Dinge tun würde. Außerdem ist mir der Sport nicht wichtig genug, um meine Gesundheit zu gefährden. Es ist ja schon mancher Sportler morgens nicht mehr aufgestanden.

Sprint-Weltmeister Arnd Peiffer bewundert Ihre offensive Vorgehensweise bei Olympia und WM; Ihre klare Ansage: Ich will hier Gold.

Ich brauche das einfach. Ich gehe nicht zu einem Großereignis und sage: Hauptsache ich bin dabei, und wenn eine Medaille rauskommt, wäre das schön. Ich weiß ja, dass ich das Potential zu mehr habe. Und wenn ich so was ansage, bin ich vom Kopf her auch bereit, die entsprechende Leistung abzurufen. Das weckt meine Kampfbereitschaft.

Peiffer bewundert auch, wie stark Sie am Schießstand geworden sind, weil er weiß wie hart das erarbeitet ist. Was ist anders als früher?

Ich habe rausgefunden, dass es nicht reicht, jeden Tag einfach nur zu schießen. Das konnte ich eigentlich schon immer. Ich habe nur nach 2007 so unter Druck gestanden, dass daraus ein Kopfproblem geworden ist. Ich habe gemerkt, dass ich meinen Kopf trainieren muss. Ich habe sehr viel Zeit in mentales Training investiert, und es hat sich gelohnt. Darauf bin ich wirklich stolz. Ich kann es nur jedem Sportler empfehlen. Man muss aber sehr offen sein, denn man wird auch mit Dingen konfrontiert, die man vielleicht gar nicht hören will. Man geht ins Unterbewusstsein, man gibt viel von sich preis, man erfährt Dinge über sich selbst, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind. Man lernt viel über sich selbst, und das hat mich auch in meiner Reife total weitergebracht. Es geht ja nicht nur um sportliche Dinge, sondern praktisch um die ganze Lebensgestaltung. Ich bin mit mir im Reinen, ich weiß was ich vom Leben will, und das ist ein schönes Gefühl.

Trotz allem passieren in der Welt zurzeit bedrückende Dinge, vor allem in Japan. Beeinträchtigt Sie das in Ihrer Genuss- und Konzentrationsfähigkeit?

Ja. In Chanty-Mansijsk gab es manchmal Momente, da saßen wir alle gemeinsam vor dem Laptop oder dem Fernseher. Was man da sieht und hört, macht einen betroffen, da kann man sich nicht von freimachen. Eine Nacht lang habe ich wegen all dieser Gedanken schlecht geschlafen. Auch wenn es schön ist, wenn eine Medaille überm Bett hängt. Vor der Staffel-Siegerehrung gab es eine Schweigeminute für Japan, und da habe ich zur Miriam Gössner gesagt: 'Mensch, wir freuen uns hier, und da drüben ist die Hölle los.' Ich habe mich schon hin- und hergerissen gefühlt. Aber ich denke, wir müssen trotzdem normal weitermachen und nicht in Trübsal verfallen, weil das niemandem hilft.

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