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Magdalena Neuner : „Ich will nicht mehr die kleine, süße Lena sein“

  • Aktualisiert am

Erfolg und Brauchtum: Neuner im März nach ihrer Rückkehr aus Vancouver beim Empfang in Wallgau Bild: ddp

Weg vom Image der strickenden Harfespielerin: Mit neuem Management will Biathlon-Star Magdalena Neuner ein erwachsener erscheinen. Ein Interview über Dessous-Bilder, die Gier nach mehr und den Verzicht auf Erfolg.

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          Man kannte Sie als Strick-Liesl, jetzt lassen Sie sich in Dessous fotografieren. Was ist passiert?

          Mich hat es zunehmend geärgert, dass ich dieses Image von der kleinen, süßen Lena hatte, die im Dirndl Harfe spielt oder auf dem Sofa strickt. Das ist nur ein kleiner Teil von mir. Leider wird man darauf reduziert. Ich bin aber ein wesentlich facettenreicherer Mensch und wollte raus aus der Strick-Liesl-Schublade. Ich bin jetzt 23 Jahre alt, ich bin erwachsen, ich ziehe mich gerne mal schick an. Und als das Angebot kam, habe ich mir gesagt: Trau dich, und zeig den Leuten ruhig mal, dass in dem Dirndl eine Frau steckt, die auch in Dessous gut ausschaut.

          Mit wem bespricht man sich vor so einer Entscheidung?

          Zuerst mit meinem Freund. Es war mir wichtig, dass er zustimmt. Und meine Eltern habe ich auch gefragt. Alle drei haben gesagt: mach’s! Ich bin auch schon am Strand im Bikini fotografiert worden, und das Bild war in der Zeitung. So groß ist der Unterschied nicht. Und ich hatte ja was an.

          „Der Ruhm hat seine Schattenseiten”: Neuners Rückkehr nach ihren Olympiasiegen
          „Der Ruhm hat seine Schattenseiten”: Neuners Rückkehr nach ihren Olympiasiegen : Bild: picture alliance / dpa

          Da könnte demnächst aber auch der „Playboy“ anklopfen . . .

          Das hat er schon. Aber für mich sind solche Sachen absolut tabu. Das ist eine ganz andere Kategorie. Einen Otto-Katalog hat doch fast jeder zu Hause. Ich sehe den Unterschied darin, dass ich beim „Playboy“ mich und meinen Körper verkaufen würde. Das hat für mich ein bissel was Schmuddeliges. In die Schublade will ich nicht rein. Ich habe jetzt die Grenze ein bisschen ausgetestet, aber weiter würde ich auch nicht gehen.

          Hat Ihr Imagewandel auch etwas damit zu tun, dass Sie ein neues Management haben?

          Vielleicht insofern, als dieses Kleine-süße-Lena-Image in den letzten Jahren doch sehr gepflegt wurde. Das hat mir nicht immer gepasst. Aber im Endeffekt entscheide ich, was passiert. Ich bin eine erwachsene Frau, ich wollte mal etwas Neues machen. Und ich bin jetzt im besten Alter für so ein Angebot. Mit 35 kriege ich so eine Gelegenheit nicht mehr.

          Wenn man das Management wechselt, heißt das ja, dass man mit dem alten nicht zufrieden war. Was läuft denn jetzt besser?

          Über das alte Management darf ich mich nicht äußern, das ist so vereinbart. Aber grundsätzlich ist es ganz wichtig, dass man seinen Beratern absolutes Vertrauen entgegenbringt. Und das Management muss mich und meine Prioritäten genau kennen: Erst kommt das Training, und dann kommen die Sponsoren und die Termine. Das darf man nicht verwechseln.

          Sie waren mit zweimal Gold und einmal Silber die erfolgreichste deutsche Sportlerin bei den Olympischen Spielen in Vancouver: Wie kommt man von der Wolke, auf der man schwebt, wieder herunter?

          Ich war ganz schnell wieder auf dem Boden. Für mich war die Landung nach Olympia in München fast schon schockierend. Da bist du vier Wochen weg, freust dich darauf, endlich deine Eltern und deinen Freund in die Arme zu schließen, und hast keine Chance. Die Fotografen haben mich fast erdrückt. Es war kurz vor der Schlägerei. Ich stand mit Tränen in den Augen zwanzig Meter von meinen Leuten weg. Das war so ein Moment, in dem du denkst: Der Ruhm hat doch seine Schattenseiten.

          2007, als Sie Ihre ersten drei WM-Titel gewonnen haben, sind Sie kaum noch zur Ruhe gekommen. Wie war das nach dem Olympia-Gold?

          Der Trubel war zwar noch größer, aber ich habe diesmal nicht so viel davon mitbekommen. Weil mein Management sehr viel von mir ferngehalten hat. Ich habe nicht mehr Termine gemacht als sonst. Ich habe auch nicht mehr Sponsoren als vorher. Und was Fernsehauftritte angeht, entscheide ich selbst. Aber ich bin halt nicht der Mensch, der jede Woche auf einer anderen Fernsehcouch sitzen muss. Ich habe nur einen freien Tag in der Woche, und der ist mir wichtig. 2007 dachte ich noch, ich muss alles mitmachen. Ich habe erst lernen müssen, „nein“ zu sagen.

          Manche genießen es, in der Öffentlichkeit zu stehen. Wie ist das bei Ihnen?

          Manche Dinge machen ja schon Spaß, aber ich möchte auch mal einfach nur Magdalena sein. Das ist selbst zu Hause schwierig geworden. Wenn ich einkaufen gehe, bin ich für die Touristen im Dorf eine Attraktion. Das kann schon zur Belastung werden, wenn ich nur mal schnell eine Milch kaufen will und erst nach einer Stunde zurückkomme. Aber ich habe es mir selbst eingebrockt.

          Wo endet die Toleranz gegenüber den Fans?

          Wir leben von den Fans. Es wäre ja traurig, wenn keiner am Streckenrand stehen würde. Aber zu viel Zuneigung kann auch erdrückend sein. Die meinen es ja gut, aber es ist manchmal so viel, dass man am liebsten davonlaufen würde. Aber mein Grund und mein Haus, das ist meine Privatsphäre, da hört der Spaß dann auf. Aber ich denke, mittlerweile respektieren das auch viele.

          Sie haben einen Olympia-Sieg mit aller Macht gewollt. Was bedeutet er Ihnen?

          Es ist die Erfüllung eines Traums. Ich habe mein ganzes Sportleben lang darauf hingearbeitet. Ich habe unheimlich viel investiert an Training, an Zeit, auch mental. Ich bin eigentlich niemand, der sein ganzes Leben ausschließlich auf den Sport ausrichtet. Das ist mein Beruf, aber sobald die Wohnungstür hinter mir zugeht und ich Feierabend habe, bleibt der Sport draußen. Im Olympia-Jahr war das anders. Ich stand die ganze Zeit unter einer wahnsinnigen Anspannung. Das habe ich aber erst später gemerkt, als alles von mir abgefallen ist.

          Mehr Aufsehen als Ihre Erfolge hat Ihr Verzicht auf die Olympia-Staffel erregt. Können Sie erklären, warum die beste Biathletin der Welt freiwillig eine Medaille verschenkt?

          Auch meine Eltern haben lange gebraucht, um mich zu begreifen. Die haben anfangs gesagt: Warum lässt du dir so eine Gelegenheit entgehen?

          Man stelle sich den „Kannibalen“ Ole Einar Björndalen in so einer Situation vor.

          Ich bin aber nicht Ole Einar, und das ist genau das Thema. Für mich macht es überhaupt keinen Unterschied, ob ich drei Goldmedaillen habe oder zwei. Das können viele nicht verstehen. Mir ging es darum, Olympia-Siegerin zu werden, aber auch mit einmal Gold wäre ich happy gewesen. Ole würde am liebsten alles mitnehmen, was er kriegen kann.

          Sie haben kein Kannibalismus-Gen?

          Nein. Vielleicht sollte ich es haben, aber es ist nicht da. Logisch wollte ich die Staffel laufen, aber als der Bundestrainer dann gefragt hat und ich gemerkt habe, wie enttäuscht und unzufrieden einige mit ihrem Olympia-Auftritt waren, habe ich mich entschlossen, meinen Platz herzugeben. Es war keine leichte Entscheidung, aber als dann nach Staffel-Bronze doch alle mit strahlenden Gesichtern heimgefahren sind, hat sich das für mich besser angefühlt als noch eine Medaille im Gepäck.

          Hochleistungssportler müssen doch Egoisten sein.

          Ich bin aber kein typischer Hochleistungssportler. Ich bin ehrgeizig, ich habe Ziele, aber ich bin nicht gierig. Ich brauche nicht immer noch mehr und noch mehr von diesem und jenem, um glücklich zu sein.

          Wenn dem so ist, dann fällt es nach so einen Erfolgsjahr doch umso schwerer, neue Ziele zu definieren?

          Deswegen hatte ich anfangs auch solche Probleme. Man fragt sich schon: Was soll ich jetzt noch erreichen? Was soll ich eigentlich im Training? Und als ich dann hinging, hat mein Trainer gesagt: Du kannst gleich wieder heimgehen, das macht überhaupt keinen Sinn. Ich habe total halbherzig trainiert, weil ich noch nicht so weit war. Ich war schon ein bisschen verzweifelt. Da habe mir noch einen Monat länger Pause gegönnt. Anfang Juni habe ich gemerkt: Die Motivation ist wieder da. Die Maria Riesch (zweifache Olympia-Siegerin Ski alpin) hat mir erzählt, dass sie die gleichen Symptome hatte. Ich denke, das ist normal.

          Aber was treibt Sie dann jetzt an?

          Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das Wichtigste ist, dass mir mein Beruf Spaß macht. Und ich wüsste momentan nichts, was mir mehr Spaß machen würde. Deswegen werde ich wahrscheinlich in dem Moment aufhören, wenn ich keinen Spaß mehr habe.

          Können Sie das selbst bestimmen? Sie haben doch Sponsorenverträge.

          Da habe ich mich nicht knebeln lassen. Das ist mein Leben, und ich würde mich niemals vertraglich so binden, dass ich gezwungen bin, etwas zu machen, was mir nicht mehr passt.

          Am kommenden Wochenende ist die Wahl zum „Sportler des Jahres“. Hätten Sie da eine Favoritin in der Kategorie weiblich?

          Da bin ich jetzt die Falsche, um das zu beantworten. Ich wünsche mir natürlich, dass ich Chancen hätte, weil es definitiv die größte Auszeichnung für einen Sportler ist. Ich war es ja schon mal. Ich sehe aber die Maria Riesch in der absoluten Favoritenrolle.

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