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Comeback von Dahlmeier : „Ich habe mich selten so brutal plagen müssen“

„Ich war topmotiviert, aber schon am ersten Berg habe ich gemerkt, dass die Haxen blau waren“: Laura Dahlmeier. Bild: dpa

Diese Saison verläuft für die beste deutsche Biathletin wie eine Achterbahnfahrt. In Ruhpolding gibt Laura Dahlmeier ihr zweites Comeback. Doch selbst für eine Ausnahmesportlerin ist der Weg zurück weit.

          Die 11.500 Zuschauer in der Chiemgau Arena haben sie gefeiert, als hätte sie gerade den Sprint gewonnen. Das war für Laura Dahlmeier der schönste Teil ihres zweiten Comebacks. Auch wenn das Resultat – Platz neun – vielleicht nicht ganz den eigenen Erwartungen entsprach. Aber selbst für eine Ausnahme-Biathletin ist der Weg zurück weit. Die Realität war jedenfalls ganz schnell ihr unerbittlicher Begleiter. „Ich war topmotiviert“, sagte sie, „aber schon am ersten Berg habe ich gemerkt, dass die Haxen blau waren. Ich habe mich ganz schön müde gefühlt.“

          Da war der 25 Jahre alten Olympiasiegerin aus Garmisch-Partenkirchenschon klar, dass es läuferisch beim Heimspiel in Ruhpolding nicht ganz nach vorne reichen würde. Umso mehr konzentrierte sie sich auf ihre Aufgaben am Schießstand. Gewohnt souverän: Alle Scheiben fielen. „Da bin ich schon stolz darauf, gleich mit Null wegzugehen“, sagte sie. Das war der positive Teil ihres ersten Auftritts nach der Weihnachtspause. Der schmerzhafte Part gipfelte in dem Satz: „Ich habe mich selten so brutal plagen müssen.“ Am Ende fehlten ihr nach 7,5 Kilometern 47,7 Sekunden auf die Slowakin Anastasija Kuzmina, die vor Lisa Vittozzi aus Italien und der Schwedin Hanna Oeberg gewann – das entspricht in etwa zwei Strafrunden. Dahlmeier war immerhin beste deutsche Biathletin. Und irgendwie passte dieser Tag zu ihrem bisherigen Weg.

          Diese Saison verläuft wie eine Achterbahnfahrt. Erst zog sich Dahlmeier in die Klausur auf eine Almhütte zurück, um herauszufinden, ob das Biathlonfeuer in ihr noch brennt. „Am Berg ist der Kopf freier. Da trifft man die besseren Entscheidungen“, hatte sie gesagt. So mancher hatte nach zweimal Gold und manchen Andeutungen in Pyeongchang schon mit einem Rücktritt gerechnet. Aber die Flamme loderte noch – oder wieder. Dann wurde sie von einer Sturzverletzung, einer Risswunde, die sich entzündete, ausgebremst. „Das hat länger gedauert als gedacht“, sagt sie.

          Das war aber noch nicht alles. Weisheitszahn-OP, Infekte, das Immunsystem war im Keller. Das alles zehrte derart an ihren Kräften, „dass wir die Reißleine ziehen mussten“, wie es Disziplin-Trainer Florian Steirer formulierte. „Laura war komplett am Boden zerstört.“ Sie landete sogar im Krankenhaus, und es gab eine Zeit, da dachte sie, dass es das war mit dem Leistungssport. Aber sie rappelte sich immer wieder auf. Trotzdem war ihr auch schnell klar, dass diese Saison unter besonderen Vorzeichen stehen würde. Keinen Gedanken an den Gesamt-Weltcup verschwenden, sondern daheim in Mittenwald trainieren und „von Wettkampf zu Wettkampf schauen.“ Mit einem großen Ziel: die WM in Östersund. „Die ist erst im März, und bis dahin sieht es doch anders aus.“

          Die kurze Stippvisite im Weltcup kurz vor Weihnachten in der tschechischen Biathlon-Hochburg Nove Mesto hatte wieder große Hoffnungen geweckt. Vor allem der zweite Platz im Sprint. Es war fast wie in alten Zeiten. „Viel besser geht es gar nicht“, sagte sie zu ihrem ersten Comeback, „aber das war ein sehr kurzer Moment, wo ich nahe an den 100 Prozent war. Ich hoffe, dass ich jetzt auch über mehrere Rennen hinweg eine gute Leistung bringen kann.“ Natürlich hatte sie Nove Mesto mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen verlassen. Schon in Tschechien gab es die Überlegung, die Weihnachtspause auszudehnen, um den Trainingsrückstand weiter aufzuholen. „Dann bin ich auch noch krank geworden, dann war schnell klar, dass ein Einsatz in Oberhof keinen Sinn macht.“ Trotz der Tatsache, dass sie damit viele Fans enttäuscht hat, dass ihr manche gar unterstellen, sie habe keine Lust auf Oberhof: „Das ist definitiv nicht so. Gerne wäre ich fit gewesen und gelaufen. Dafür trainiere ich doch das ganze Jahr.“

          Stattdessen musste sie wieder mit einem mentalen Rückschlag fertig werden, weil man mit dieser Vorgeschichte gleich wieder in sich hineinhorcht: „Natürlich geht dann die Maschinerie im Kopf wieder los: Nein, nicht schon wieder. Ich weiß was es bedeutet, sich immer wieder zurück zu kämpfen“, sagte Dahlmeier nun und beschrieb die Situation als „kleinen Leidensweg“. Den jedes Mal wieder zu gehen, das koste Kraft. Aber jetzt sei sie vielleicht einen kleinen Schritt weiter als vor Nove Mesto, deutlich belastungsverträglicher, auch wenn sich das am Donnerstag noch nicht niedergeschlagen hat. „Heute war es brutal hart, aber ich hoffe, dass ich mich von Rennen zu Rennen steigern kann, damit ich spätestens beim nächsten Weltcup in Antholz läuferisch wieder vorne mit dabei sein kann.“ Aber vorerst ging der Blick nur einen Tag voraus. „Morgen ist frei. Der Tag Ruhe wird mir gut tun.“

          Doll sprintet in Ruhpolding auf Platz drei

          Weltmeister Benedikt Doll ist zum Auftakt des Heim-Weltcups in Ruhpolding im Sprint als bester Deutscher auf Platz drei gelaufen. Der 28-Jährige leistete sich am Donnerstag einen Schießfehler und hatte nach zehn Kilometern 10,5 Sekunden Rückstand auf Johannes Thingnes Bö. Der Norweger setzte sich mit einem Schießfehler 7,9 Sekunden vor seinem fehlerfreien Bruder Tarjei Bö durch. Doll verpasste seinen zweiten Weltcupsieg nur durch einen Fehler mit dem letzten Schuss. Für die DSV-Skijäger war es der fünfte Podestplatz des WM-Winters, für Doll persönlich der zweite. „Im Gesamtpaket hat es gut gepasst“, sagte Doll.

          Der Gesamtweltcup-Führende Johannes Thingnes Bö setzte unterdessen seine beeindruckende Siegesserie fort. Der 25 Jahre alte Einzel-Olympiasieger feierte bereits den achten Sieg im elften Saisonrennen. Von den bisher fünf Sprint-Wettbewerben gewann der dreimalige Weltmeister vier, einmal wurde er Zweiter.

          Wegen des Schneechaos und des Katastrophenfalls im Landkreis Traunstein war der ursprünglich für Mittwoch geplante Start des Weltcups mit dem Männer-Sprint um einen Tag verschoben worden. Erst am späten Mittwochabend war klar, dass die Rennen in den Chiemgauer Alpen überhaupt stattfindet. Zweitbester Deutscher wurde Johannes Kühn (1 Fehler) als Siebter. Olympiasieger Arnd Peiffer (2) schaffte es auf Platz 22. Verzichten musste das deutsche Team auf den formschwachen Massenstart-Weltmeister Simon Schempp. Erik Lesser verzichtet nach der Geburt seiner Tochter Anouk auf einen Starts in Ruhpolding. (dpa)

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