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Langläuferin Herrmann : Reifeprozess einer Sturzpilotin

  • -Aktualisiert am

Auf dem Weg zu Gold, Silber oder Bronze in Sotschi? Denise Herrmann Bild: dpa

Denise Herrmann ist die einzige realistische Hoffnung des deutschen Langlaufs für eine Einzelmedaille in Sotschi. Derzeit zeigt sie Konstanz auf hohem Niveau. Es gibt aber auch ein dunkles Kapitel in ihrer Karriere.

          3 Min.

          Ein letzter Blick zurück in die verschneite Landschaft der Lenzerheide, dann stieg Denise Herrmann am Neujahrstag rundum zufrieden ins Auto und verabschiedete sich von der Schweiz und der Tour de Ski.

          Vier Etappen sind genug für eine, die mit dem Gesamtsieg bei der strapaziösen Sieben-Tages-Tour samt ultrasteilem Schlussanstieg hinauf zur Alpe Cermis ohnehin nichts zu tun gehabt hätte, obwohl sie in bestechender Form ist. Der Massenstart über 10 Kilometer klassisch am Mittwoch war mit Platz 20 nur noch Training unter Wettkampfbedingungen.

          Denn erstens sind die kurzen Sprints das bevorzugte Metier der Denise Herrmann, und zweitens weiß die 25 Jahre alte Sächsin aus Erfahrung, dass zumindest bei ihr so eine beinharte Prüfung Spuren hinterlässt, die ihr großes Ziel gefährden könnten. „Ich hatte an der Tour in den letzten Jahren ganz schön zu knabbern. Das ist mir vor Olympia viel zu riskant.“

          Während andere noch auf der Suche nach der olympischen Form sind, geht es für Denise Herrmann darum, ihre ausgezeichnete Verfassung bis Sotschi zumindest zu konservieren. Also wird sie einen Trainingsblock einschieben statt wertvolle Energie bei der Tour zu verlieren. Mit dem Segen der Trainer, die wissen, was sie an ihr haben.

          „Sie hat jetzt auch den Mut, offensiv zu laufen“

          Die blonde Sportsoldatin aus Oberwiesenthal ist derzeit die einzige realistische Hoffnung des deutschen Langlaufs für eine Einzelmedaille in Sotschi. Daran ändern vorerst auch Platz zwei von Hannes Dotzler und Rang vier von Thomas Bing im 15-Kilometer-Massenstart an Neujahr nichts. Denn Denise Herrmann hat etwas, was den Kollegen bislang abgeht: Konstanz auf hohem Niveau. Fünf Sprints hat sie bestritten, in jedem war sie im Finale.

          Und viermal stand sie auf dem Podium. Zweimal davon bei der Tour: Platz zwei in Oberhof, Rang drei am Silvestertag in Lenzerheide – eine beeindruckende Bilanz. „Sie hat jetzt auch den Mut, offensiv zu laufen“, sagt Bundestrainer Frank Ullrich. Erstaunlich ist dabei, mit welcher Selbstsicherheit und Ruhe die einst zur Hektik und Kopflosigkeit neigende frühere Sturzpilotin mittlerweile ihre Runden dreht.

          Die Sprinterin zeigt in dieser Saison große Konstanz auf hohem Niveau
          Die Sprinterin zeigt in dieser Saison große Konstanz auf hohem Niveau : Bild: AFP

          Das hat schon etwas von Souveränität, von taktischer Reife inmitten der Ellenbogengesellschaft. „In dieser Saison hat es von Anfang an gepasst“, sagt sie, „ich bin viel lockerer und routinierter geworden, weil ich weiß, dass ich immer kontern kann.“

          Das klingt selbstbewusst, aber wenn man sie auf ihre herausragende Position im deutschen Team anspricht, wird Denise Herrmann bescheiden: „Ich bin froh, dass der Langlauf wieder mehr ins mediale Sichtfeld rückt, aber ich fühle mich nicht in der Führungsrolle“, sagt sie und verweist auf gestandene Kolleginnen wie Katrin Zeller, Nicole Fessel oder Claudia Nystad. „Die stehen immer noch vor mir, und ich bin so ein bissel in ihrem Windschatten.“

          „Sie machen sogar ein bisschen Small Talk“

          Mag sein, dass sich die Hierarchie intern noch nicht geändert hat, die internationale Wahrnehmung aber in jedem Fall. Die Branchengrößen nehmen die Deutsche, die ihnen immer mehr auf die Pelle rückt, mittlerweile nicht mehr nur zur Kenntnis. Man redet sogar miteinander. „Früher habe ich Athletinnen wie Marit Björgen oder Justyna Kowalczyk eher schüchtern aus der Distanz angeguckt und gerade noch ein ,Hallo‘ rausgekriegt, aber jetzt grüßen und gratulieren sie und machen sogar ein bisschen Small Talk.“

          Das ist das beste Indiz dafür, dass Denise Herrmann in der Weltklasse angekommen ist. Sie hat ihre Möglichkeiten ja schon in der vergangenen Saison mit mehreren vierten Plätzen angedeutet, und Platz 13 im Gesamt-Weltcup kam auch nicht von ungefähr. Nur die Konstanz hat gefehlt. Früher hat sich Denise Herrmann als reine Sprinterin gesehen und entsprechend trainiert. Aber erst auf den längeren Distanzen erarbeitet man sich die Tempohärte, um am Ende von vier Wettkampfrunden im Finish noch den Tick schneller zu sein.

          Erfolge machen Spaß: Herrmann (rechts) mit Landsfrau Nicole Fessel
          Erfolge machen Spaß: Herrmann (rechts) mit Landsfrau Nicole Fessel : Bild: dpa

          „Sie hat sich mittlerweile ein unglaublich gutes Stehvermögen antrainiert“, sagt Ullrich. Was auch mit ihrem Wechsel 2011 von Oberwiesenthal in die Ruhpoldinger Trainingsgruppe von Bernd Raupach zu tun hat, in der sie sich zur Allrounderin entwickelt hat. Selbst wenn da auch private Motive mit im Spiel waren: „Ich brauchte einen Tapetenwechsel, und außerdem trainiert mein Freund in Ruhpolding.“

          Es gibt auch ein dunkles Kapitel in der Geschichte von Denise Herrmann, die mit sechs Jahren von ihrem Vater für den Langlauf begeistert worden ist. Im November 2007 wurde die damals Achtzehnjährige vom Deutschen Skiverband (DSV) für ein Jahr gesperrt, nachdem sie nach der Einnahme eines Hustensaftes aus der elterlichen Hausapotheke positiv auf Clenbuterol getestet worden war. Eine Dummheit, sagt sie, aber auch das sei eben ein Teil ihrer Geschichte.

          „Es war schon ganz cool mit dem Schießen“

          Die hätte noch im Frühjahr 2012 eine ganz andere Wendung nehmen können. Damals gehörte Denise Herrmann zu den Kandidatinnen, die der DSV zu einem Test auf ihre Biathlon-Tauglichkeit eingeladen hatte. „Es war schon ganz cool mit dem Schießen“, sagt sie, „aber ich will zeigen, dass ich es im Langlauf drauf habe.“ Sie ist auf dem besten Weg.

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