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Langläuferin Claudia Nystad : Die Kunstläuferin

„Emotionen gedreht“: Claudia Nystad hat vom Langlauf nicht genug Bild: dpa

Malen, tanzen und studieren sind nicht genug: Olympiasiegerin Claudia Nystad kehrt in die Loipe zurück. Im kommenden Winter will die 35-Jährige in Sotschi bei Olympia starten.

          3 Min.

          „Die Braut erschrickt vor dem Leben, das offen vor ihr liegt“ heißt das jüngste Werk von Claudia Nystad. Kohle auf Aquarellpapier, 100 × 80 Zentimeter. Ein angeschnittenes Frauengesicht mit offenem Mund und spitzer Nase, die Augen verdeckt hinter einer großen Sonnenbrille. Es ist kein Selbstporträt, und verheiratet ist sie längst, seit 2005 mit dem Nationaltrainer der norwegischen Langlauf-Herren, Trond Nystad.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Doch auch Claudia Nystad hat gerade einen neuen Lebensabschnitt begonnen. Veröffentlicht hat sie das Bild auf ihrer Facebook-Seite Mitte März - eine gute Woche nachdem sie bekanntgegeben hatte, dass sie wieder als Ski-Langläuferin an den Start gehen will. „In dem Comeback steckt meine gesamte Leidenschaft für den Sport“, sagt die zweifache Olympiasiegerin und Weltmeisterin, die 2010 ihre Leistungssportkarriere beendet hatte.

          Die aus Zschopau stammende Sächsin absolvierte in Leipzig ein Studium der Wirtschaftsinformatik, das sie fast abgeschlossen hat. Nur die Bachelor-Arbeit fehlt noch, sie folgt im Sommer. Später will die 35-Jährige noch ein Masterstudium Sportmanagement anschließen. Bei der jüngsten Nordischen Ski-WM im Fleimstal jobbte die ehemalige Sportsoldatin als Praktikantin in der Pressestelle des Deutschen Skiverbandes. Das medaillenlose Abschneiden der deutschen Langläuferinnen dort war aber nicht Auslöser für ihr Comeback.

          Doppelspitze des Langlaufs

          Ihr Entschluss zum Rücktritt vom Rücktritt war vielmehr schon im Sommer nach einem Gespräch mit Evi Sachenbacher-Stehle gereift. Mit der meist fröhlichen Bayerin hat die manchmal unnahbar wirkende Sächsin schon 2002, damals noch unter ihrem Mädchennamen Künzel, überraschend Olympiagold in der Staffel gewonnen. Danach bildeten die beiden ungleichen Leichtgewichte fast eine Dekade lang die Doppelspitze des deutschen Langlaufs, feierten gemeinsame Erfolge vor allem mit der Staffel und in Sprintrennen, gekrönt von der Goldmedaille im Teamsprint 2010 in Vancouver.

          Evi Sachenbacher-Stehle ist im vergangenen Jahr zum Biathlon gewechselt. Als sie ihrer einstigen Laufpartnerin vorschwärmte, wie glücklich sie sei, „drehten bei mir die Emotionen“, so Nystad. Langlauf-Bundestrainer Frank Ullrich war begeistert. „Allein ihre Anwesenheit ist schon wichtig. Sie versprüht einen Ehrgeiz, ist positiv eingestellt. Das kann sich auf die ganze Mannschaft auswirken“, sagte er.

          Goldenes Doppel 2010: Claudia Nystad (l.) mit Evi Sachenbacher-Stehle
          Goldenes Doppel 2010: Claudia Nystad (l.) mit Evi Sachenbacher-Stehle : Bild: DPA

          Auf ihrer Homepage www.claudianystad.de dominiert die Künstlerin über die Sportlerin. Auf dem Titelfoto sieht man sie inszeniert - auf dem Boden sitzend und zeichnend, die blonde Mähne offen, die Augen schwarz geschminkt, Zigarette im Mund, Whiskeyflasche in Griffnähe, die nackten Beine mit Kohle beschmiert, das weite weiße Hemd aufgeknöpft. Im Lebenslauf sind Medaillen und Vernissagen gleichberechtigt aufgeführt.

          „Ein paar Ausstellungen habe ich schon gemacht“, sagt die musisch Begabte, die es auch liebt, latein-amerikanisch zu tanzen. Ihre Vielseitigkeit empfindet sie nicht als Fluch, „eher als Segen“. Wobei sie, obwohl Leistungssportlerin, nicht jede Beschäftigung als Wettbewerb angeht - und auch nicht in allen Dingen Perfektion anstrebt. „Das Zeichnen dient nur als Ventil für mich, dabei will ich gar nichts gewinnen“, meint sie. „Und Langlauf kann ich eben noch ein bisschen besser.“

          Göttin der Jagd und des Winters

          Am vergangenen Wochenende startete die 1,68 Meter große Athletin bei zwei gut besetzten Volksläufen. Sie gewann beim „Skadi Loppet“ in Bodenmais beide Rennen, erst über 30 Kilometer Freistil, dann über 24 klassisch. „Wunderschönes Wetter, harter Schnee, liebe Menschen, keine kalten Hände, beste Unterstützung“, so ihr Fazit. Skadi ist die norwegische Göttin der Jagd und des Winters. Es könnte ihr zweiter Vorname sein. Denn sie hatte zwar niemanden zum Jagen, freute sich aber außerordentlich, dass sie es als einzige Frau vor dem schnellsten Mann ins Ziel schaffte. Die Männer waren auf der 30-Kilometer-Distanz zehn Minuten nach den Damen gestartet, und keiner hatte sie eingeholt.

          Künstlerin Nystad: „Ein paar Ausstellungen habe ich schon gemacht“
          Künstlerin Nystad: „Ein paar Ausstellungen habe ich schon gemacht“ : Bild: Frank May

          Ihre sportlichen Ziele sind insgesamt nicht niedrig angesetzt: Teilnahme an den Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 und bei der Nordischen Ski-WM 2015 in Falun. „Wenn ich das nicht als realistisch betrachten würde, brauchte ich gar nicht erst anzufangen“, wischt sie Fragen nach der Wahrscheinlichkeit vom Tisch. Die Frühjahrsläufe jetzt sind vor allem zum Trainings- und Formaufbau gedacht. Am Sonntag will sie bei einem Rennen in Österreich starten, über Ostern hat sie gleich bei vier Fis-Wettbewerben in Finnland gemeldet.

          Bei ihren Hobbys habe sie immer nur gemacht, was ihr Spaß gebracht habe . „So wie jeder normale Mensch.“ Aber bei einer großen Sache sei das anders. „Um Olympiasieger zu werden, musst du alles ausleuchten.“ Auch Ecken, die nicht schön sind, auch Elemente trainieren, die keinen Spaß machen. Immer und immer wieder. Ob sie es noch einmal schafft, weiß sie noch nicht. Eine gewisse Angst vorm Scheitern gehört dazu. Aber ihr Anspruch ist groß: „Ich setze mich zwar nicht unter Druck, aber natürlich ist es mein Ziel, wieder an meine alten Leistungen anzuknüpfen.“

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