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Kurswechsel im Anti-Dopingkampf : Zielkontrollen statt Schutzsperren

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Zielfahndung im Biathlon: Wer hat was im Blut? Bild: dpa

Der Biathlon-Weltverband will die bisher üblichen Hämoglobin-Grenzwerte abschaffen und durch individuelle Blutprofile ersetzen. Der Doping-Experte Franke kritisiert den Plan als „Freifahrtsschein für alle Betrüger“ und „Unfug.“

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          Im Kampf gegen Blutdoping will der Biathlon-Weltverband (IBU) künftig auf individuelle Blutprofile setzen und die bisher üblichen Grenzwerte für den Hämoglobingehalt im Blut abschaffen. Der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke kritisiert den Plan als „Freifahrtsschein für alle Betrüger“ und „Unfug.“ Zweifel meldete auch Sprecherin Ulrike Spitz von der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada an: „Die Einführung der Grenzwerte hat sehr viel gebracht. Eine komplette Abschaffung wäre problematisch.“

          IBU-Generalsekretär Michael Geistlinger verteidigte jedoch am Rande des Weltcups in Ruhpolding den Plan: „Mit den Grenzwerten kommen wir nicht weiter. Wir wollen einen fairen Sport. Um Doping so weit wie möglich zurückzudrängen, müssen wir über individuelle Werte gehen.“ Dies soll durch die in Kooperation mit der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada bei den Biathleten eingeführte Software Arietta erfolgen, bei der alle verfügbaren Blutdaten der Athleten in über Rastersystem kontrolliert werden können. Bereits beim Verbandskongress Anfang September in Prag sollen die Delgierten den Kurswechsel beschließen.

          Target-Tests bei Unregelmäßigkeiten

          Die bislang gültigen Hämoglobin-Grenzwerte von 16,0 (Frauen) sowie 17,5 (Männer) Gramm pro Deziliter Blut wären dann ebenso Geschichte wie die laut IBU bei Überschreitungen übliche Fünftages-Sperre „zum Schutz des Athleten.“ Zuletzt war der Russe Iwan Tscheressow beim Weltcup in Pokljuka mit einem Wert von 18,2 gesperrt worden. Die Russen gaben danach zu, regelmäßige Blutkontrollen im Team durchzuführen, um Grenzwerte nicht zu überschreiten. Eine Praxis, die im deutschen Lager nicht gepflegt und mit Argwohn betrachtet wird.

          „Recht ist uns dass russische Vorgehen nicht, aber andere Nationen arbeiten ähnlich“, meint Geistlinger. Im Fall Tscheressow hatte die nachfolgende Urinkontrolle den Dopingverdacht nicht bestätigt. Zusätzlich war in Oberhof eine Zielkontrolle durchgeführt worden, deren Ergebnis noch aussteht.

          Wenn kein Kontrolleur hinterher fährt

          Derartige Target-Tests sollen laut IBU-Linie künftig immer dann durchgeführt werden, wenn die Ärzte Unregelmäßigkeiten in den vorhandenen Blutprofilen feststellen. „Dabei gibt es keine weißen Flecken mehr auf der Weltkarte. Wir können zu jeder Zeit überallhin Kontrolleure schicken“, meint Geistlinger. Franke bezweifelt das. „Die Betrüger müssen sich doch nur zwei, drei Tage geschickt verstecken und können danach ganz locker frech sein“, meint der Molekularbiologe.

          Mittlerweile seien Varianten des für Dopingzwecke missbräuchlich verwendeten Erythropoetin (EPO) preisgünstig auf dem Markt, die man nur einmal innerhalb von drei Wochen spritzen müsse. Nach etwa zwei Tagen sei dann das Mittel nicht mehr nachzuweisen. Sportler würden laut Franke vorzugsweise Zeiträume nutzen, in denen sie auf Reisen sind „und genau wissen, dass da so schnell kein Kontrolleur hinterher fährt“.

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