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Kunsteisbahn am Königssee : Die langwierigen Folgen eines Totalschadens

  • -Aktualisiert am

Der Zielbereich am Königssee ist nach der Flut von Schutt und Trümmern überhäuft. Bild: EPA

Die im vergangenen Sommer zertrümmerte Kunsteisbahn am Königssee wird wiederaufgebaut. Die Folgen der Flut für die Olympiasieger-Schmiede sind allerdings größer, als das Trümmerfeld erahnen lässt.

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          Die Vorbereitung der Rodel-Olympiasieger Felix Loch, Natalie Geisenberger sowie Tobias Wendl und Tobias Arlt auf die Saison lief in den vergangenen Wochen wie geplant. Für die Rennrodler standen Lehrgänge in Altenberg, Oberhof und Winterberg an. Als hätte er eine Vorahnung gehabt, hatte Bundestrainer Norbert Loch in seinem Trainingsplan, den er im Frühjahr ausgearbeitet hatte, lediglich eine Start-Übungseinheit auf der Bahn am Königssee eingeplant.

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          Mehr war auch nicht drin, denn der Kunsteiskanal ist am Abend des 17. Julis komplett zerstört worden. Starker Regen hatte den kleinen Klingerbach in einen reißenden Fluss verwandelt. Die enorme Kraft des Wassers zerstörte nicht nur die Starthäuser für die Rennrodler der Männer und die Bobfahrer. Sie riss auch zwischen drei und vier Zentimeter Beton aus dem Kanal. Ein Totalschaden.

          In den vergangenen Jahren standen Markus Aschauer und sein Team Ende Oktober längst „im Eis“. Durch den 1362 Meter langen Betonkanal sausten Bobs wie Rennrodel, von Fahranfänger bis zum Olympiasieger. Aus und vorbei. „Die Ammoniak-Fernleitung ist zwar nicht defekt, muss aber erneuert werden, weil sie aus ihren Lagern gerissen wurde“, sagt der Betriebsleiter Aschauer. Wenn er aus seinem Bürofenster blickt, sieht er statt der vereisten Zielkurve einen Trümmerberg. Wird das wieder?

          „Jetzt kommt die konkrete Planung“

          Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte bei einem spontanen Besuch am Tag nach der Katastrophe versprochen, dass der Freistaat beim Wiederaufbau helfen werde. Trotzdem blieben Fragezeichen, Skepsis. Bis zur vergangenen Woche, bis ein Brief der Behörden den Weg frei machte für eine Zukunft. Die Wiederherstellung und Erneuerung des Eiskanals ist genehmigt. 53,5 Millionen Euro darf das Projekt kosten. Aschauer hat nun eine bessere Perspektive: „Jetzt können wir in die konkrete Planung einsteigen.“

          Hilfreich ist, dass bereits seit vielen Jahren Pläne für einen Umbau in der Schublade liegen. Mehrmals hatte sich die Stadt Salzburg erfolglos um die Austragung der Olympischen Winterspiele beworben; mit der Eisarena am Königssee als Wettkampfstätte für Bob, Rodel und Skeleton. Weil es beim Rodelstart der Männer sehr eng zugeht, hatte das Stuttgarter Architekturbüro Deyle, das den ersten künstlichen Kunsteiskanal der Welt 1968 realisiert hatte, schon die Verlegung dieses Abschnitts geplant. Stattdessen sollte ein Turm auf das Bob-Starthaus aufgesetzt werden, von dem die Rodler in einer großen Schleife in die Bahn geführt werden.

          So sah es vorher im Winter auf der Bahn aus.
          So sah es vorher im Winter auf der Bahn aus. : Bild: imago sportfotodienst

          Mit dieser Idee wird auch eine Forderung des Wasserwirtschaftsamtes nach einer strikten Trennung des Klingerbach-Bachbetts und der Betonröhre umgesetzt. Für die Rodler ändere sich nicht viel, verspricht Architekt Uwe Deyle: „Wir werden dafür sorgen, dass die Männer nicht langsamer als seither sein werden.“ Die Höchstgeschwindigkeit betrug etwa 120 Kilometer pro Stunde. Sofort nach dem Unwetter hatte Thomas Schwab, der Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbandes Deutschland (BSD), die Hoffnung geäußert, dass schon im kommenden Winter die Bahn wieder genutzt werden kann. Doch diese Pläne waren zu ehrgeizig. Realistisch ist eine Inbetriebnahme erst zum Winter 2024/25.

          Die Bundestrainer René Spies (Bob), Norbert Loch (Rodeln) und Christian Baude (Skeleton) können den Ausfall der Bahn am Königssee kompensieren. Es gibt drei weitere Bahnen in Deutschland, in Oberhof (Thüringen), Altenberg (Sachsen) und Winterberg (Nordrhein-Westfalen). Außerdem haben sie im Yanqing National Sliding Center trainieren können. Die Bobfahrer waren im Oktober für vier Wochen in Peking, Anfang November fliegen die Rodler nach China. Zunächst um die Bahn drei Monate vor den Wettbewerben der Olympischen Winterspiele kennenlernen zu können.

          Am 20./21. November beginnt dort die Saison mit einem Weltcup-Wettbewerb. Werden die Großen die Ruine am Königssee umfahren können, werden die Kleinen hart getroffen. „Zuerst musste wegen des Corona-Lockdowns jegliches Training ausfallen“, sagt Spies. Jetzt müssen die Nachwuchsathleten nach Innsbruck-Igls ausweichen, aber wenigstens 14 Jahre alt sein. Wer aber will mit dem Rennrodeln beginnen, wenn es keine Bahn gibt?

          Aschauer hofft auf die Laune der Natur, auf einen strengen Winter. „Dann werden wir die Bahn, so wie früher auch schon, mit Natureis belegen“, sagt er. Dies garantiere zumindest für fünf bis sechs Wochen einen eingeschränkten Betrieb in einem Teil der Eisröhre. Wie hart es die Szene in Berchtesgaden getroffen hat, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen. Wenn sich die Frage beantworten lässt, wer den Olympiasiegern aus Berchtesgaden folgen konnte.

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