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Biathlon-WM in Oslo : Könige, Power-Frauen und ein Mythos

Konkurrentinnen als Kolleginnen: Franziska Preuß (l.) und Marie Dorin Habert (r.) gratulieren Laura Dahlmeier zur Silbermedaille. Bild: dpa

Ein Herzschlagfinale als Höhepunkt und eine deutsche Biathletin, die fünf Medaillen gewinnt. Die WM in Oslo hatte einiges zu bieten. Doch am Ende war das Glück wieder einmal ungleich verteilt. FAZ.NET zieht Bilanz.

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          Das war noch mal ein Wahnsinns-Finale am Schlusstag der WM. Und mehr als 20.000 Norweger peitschten ihre Landsleute beim Massenstart nach vorne, fast so wie einen Tag zuvor beim umjubelten Staffelsieg des Norge-Quartetts. Diesmal war es das Duell Johannes Bö gegen Martin Fourcade; ein Biathlon-Krimi wie aus dem Drehbuch, ein Herzschlagfinale: Und tatsächlich - am letzten Tag hat der kleine Bö-Bruder Dominator Fourcade entzaubert. „Nur“ Silber für den übermächtigen Franzosen. Und der große alte Mann landete direkt dahinter seinen nächsten Coup: Ole Einar Björndalen. Drei Stunden zuvor bei den Frauen war es dagegen das gewohnte Bild: Die Französin Marie Dorin Habert mit ihrem dritten Titel, 7,3 Sekunden vor Laura Dahlmeier aus Garmisch-Partenkirchen mit WM-Medaille Nummer fünf.

          Das Monarchen-Treffen: Trotz der späten Niederlage, sportlich gibt es am Holmenkollen nur einen König: Fourcade. Von Anfang an im Flow, unerbittlich, unersättlich, Dauergast in der Loge von Harald, dem Fünften, dem einzig wahren Monarchen, bis ihm zuletzt die Kraft ausging. Viermal Gold würde fast für eine Krone reichen. „Ich hoffe nicht, dass die Norweger sauer sind, weil ich ständig bei ihrem König bin“, hat er vorher gesagt.

          „Er ist absolut verrückt“

          Natürlich waren sie, aber jetzt haben sie sich revanchiert. Selbst der Kannibale Björndalen sagt über seinen Nachfolger: „Er ist ein kompletterer Biathlet, als ich es je war. Er ist der Beste in allen Disziplinen.“ Bruder Simon Fourcade, vier Jahre älter, schüttelt nur noch ungläubig den Kopf über den „Kleinen“: „Ich habe keine Ahnung, wie meine Mutter so einen hinbekommen hat wie ihn. Er ist absolut verrückt.“

          Woran aber auch ein solcher Franzose nichts ändern kann: Björndalen ist der König der Herzen. Seine Holmenkollen-Bilanz liest sich wie bei einem Jungen: Gold, zweimal Silber, Bronze. Und erst sein Lebenswerk. 44 WM-Medaillen, 20 aus Gold - eine Bilanz für die Ewigkeit? Oder baut der 42 Jahre alte Endlos-Biathlet sie etwa noch aus? Die Norweger haben ihren Ole bekniet, bloß noch nicht aufzuhören. Eine Zeitung schrieb: „Biathlon ohne Björndalen ist wie Fußball ohne Bier.“ Der aber hält sich bedeckt: „Ich denke jetzt nicht an meine Zukunft.“

          Martin Fourcade ist der König von Oslo.

          Die Biathlon-Mama: Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein starker Mann. In diesem Fall heißt er Lois Habert. Wenn er nicht als TV-Kommentator ständig im Biathlon-Zirkus unterwegs wäre, was würde Gattin Marie Dorin dann mit der anderthalbjährigen Adele machen? So aber hat die 29-jährige Mama sogar ihren Landsmann Fourcade übertrumpft: Sechs Starts, sechs Medaillen, davon drei aus Gold - incroyable. Und das Rezept des Erfolges? „Ich weiß, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Biathlon.“ Tochter Adele.

          Die Powerfrau: Erst 22 Jahre alt, meistens tiefenentspannt, kernig und mit nahezu grenzenloser Phantasie ausgestattet. Wer sonst stellt sich vor 20.000 Zuschauern an den Schießstand und beamt sich innerlich mitten in den Sommer zurück, ins Training, dort, wo es keinen interessiert, ob sie trifft oder nicht: Laura Dahlmeier kann das. Ein Schlüssel zum Erfolg. Der andere: Sie kann bis zum Umfallen kämpfen, wie am Sonntag als Zweite im Massenstart. Auch wenn sie danach vor Erschöpfung einen Stuhl zum Sitzen braucht und sagt: „Ich muss jetzt erst mal die nächsten zwölf Stunden überleben.“

          Persönliche WM-Bilanz: Gold, Silber, dreimal Bronze. Nur mit dem Stress, den der Erfolg so mit sich bringt, muss sie noch umgehen lernen. Ein Bergfex auf den Spuren von Strick-Liesl Magdalena Neuner. Und selbst den scheidenden Kollegen Andreas Birnbacher würdigt sie noch mit einem „Servus Andi“ auf der Wange. Eine schöne Geste.

          Die Erleichterung: Sie haben lange warten müssen, die deutschen Männer. Fünf Biathleten unter den Top 15 als Alleinstellungsmerkmal und Ausweis mannschaftlicher Geschlossenheit ist schön, aber Medaillen sind das Salz in der Bilanz-Suppe. Bis zum Samstag fehlte diese Würze. Dann haben Erik Lesser, Benedikt Doll, Arnd Peiffer und Simon Schempp in einem begeisternden Fight mit den Norwegern Staffelsilber geholt. Und schon war er weg, der fade Beigeschmack. „Da haben sie wieder ein richtig starkes Ding gemacht, die Jungs“, sagte Bundestrainer Mark Kirchner. Nicht einmal ein Feueralarm nachts um zwei Uhr hatte sie aufhalten können. Auch Platz fünf von Peiffer im Massenstart war ein guter Abschluss. Summa summarum? Die Deutschen sind - dank Laura Dahlmeier - mit sieben Medaillen die Nummer drei hinter Frankreichs Einzelkönnern und der geballten Norweger-Macht: Damit kann man bestens leben.

          Der Mythos:  Der Holmenkollen verzaubert alle. Der Osloer Hausberg hat auch für die Biathleten eine besondere Magie. Hier einen WM-Titel zu gewinnen bedeutet mehr für die Reputation als Gold in den finnischen Wäldern von Kontiolahti oder auf der Hochebene von Pokljuka. Andererseits ist der Holmenkollen die Wiege des nordischen Skisports und nicht des Biathlons. Große Massen wie 2011 bei der nordischen Ski-WM lassen sich mit dem Skischießen, wie die Norweger Biathlon übersetzen, nicht mobilisieren.

          Endlich noch eine Medaille: Die Deutschen Schempp, Peiffer, Doll und Lesser präsentieren ihr Silber.

          Ausnahme: Der Super-Samstag, mit der Männerstaffel, emotional der absolute Höhepunkt dieser WM. Mehr als 25 000 Zuschauer und ein Höllenspektakel am Tag der Norweger, aber der einzig ausverkaufte WM-Tag. Zuschauerbilanz der acht Wettkampftage: 135 000. Da hatten Ruhpolding 2012 (mehr als 200 000) und Nove Mesto ein Jahr später mehr zu bieten - auch gesamtatmosphärisch.

          Die Enttäuschten: Gabriela Soukalova, immer noch Weltcup-Spitzenreiterin, ging komplett leer aus, durfte sich immerhin des Mitgefühls der Konkurrenz sicher sein. „Schade, sie hätte es verdient gehabt“, sagte Laura Dahlmeier über die Tschechin. Und Ricco Groß, seit dieser Saison als Trainer in russischen Diensten, muss zum Rapport bei seinem neuen Verband antreten: keine einzige Medaille. Wie immer das ausgeht: Sibirien droht Groß und seiner Mannschaft auf jeden Fall. Aber nicht nur ihm. Das Weltcup-Finale findet in Chanty-Mansijsk statt, in Westsibirien.

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