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Kati Wilhelm : Mut zu Veränderungen

Sie beherrscht die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen Bild: dpa

Die Biathletin Kati Wilhelm ist eine Frau für die ganz großen Anlässe. In der an diesem Mittwoch in Östersund beginnenden Saison packt sie ihr olympisches Finale mit Weitsicht an. Die neue Skihalle in Oberhof passt bestens ins Programm.

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          „Du bist wohl die Frau für die ganz großen Anlässe.“ Dieser Satz von Magdalena Forsberg über ihre deutsche Kollegin Kati Wilhelm ist zwar schon bei den Olympischen Spielen 2002 entstanden, als die Thüringerin bei erster Gelegenheit das schaffte, was der mit 42 Weltcupsiegen und sechs Gesamtweltcupsiegen immer noch erfolgreichsten Biathletin der Welt nie gelang: ein Olympiasieg. Aber die Einschätzung der längst zurückgetretenen Schwedin gilt wohl auch noch in Zeiten, in denen eine andere Magdalena, die mit Nachnamen Neuner, zumindest zeitweise das Regiment übernommen hat.

          Kati Wilhelm ist so etwas wie die Miss Olympia des Biathlon: zweimal Gold plus einmal Silber in Salt Lake, einmal Gold und zweimal Silber vier Jahre später in Turin. Dazwischen gab es immer wieder kleine oder auch größere Flauten. Jetzt steht wieder eine olympische Saison bevor, und an diesem Mittwoch (17:15 Uhr, 15 km Einzel) nehmen die Skijäger im gemütlichen mittelschwedischen Städtchen Östersund die Spur nach Vancouver auf. Kati Wilhelm ist selbstverständlich dabei, aber mit 33 Jahren und davon 20 Jahren Wettkampferfahrung tickt der Puls nun nicht automatisch schneller, nur weil in gut zwei Monaten Olympische Spiele anstehen. „Jetzt geht es um die Qualifikation, und die muss man erst mal schaffen.“ Was im starken deutschen Team, das in Östersund noch ohne die erkrankte Magdalena Neuner auskommen muss, keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. „Sicherlich möchte ich auch wieder eine Olympiamedaille gewinnen, aber ich mache mir deswegen keinen Druck, weil ich nichts mehr unter Beweis stellen muss.“

          Ihr olympisches Finale hat sie mit Weitsicht angepackt

          Vielleicht muss sie das wirklich nicht, aber auf jeden Fall will sie es. Zumal es definitiv ihre letzten Spiele sind. Womöglich sogar die letzte Saison, wobei diese Hintertür offenbleibt: „Irgendwann nach Vancouver werde ich mich dazu mal äußern.“ Ihr olympisches Finale hat sie mit Weitsicht angepackt. Warum sonst hätte sie sich mal wieder verändert wie schon ein paar Jahre zuvor, als sie ihrer Thüringer Trainingsgruppe in Oberhof den Rücken kehrte und nach Ruhpolding zog. Der neuen Reize wegen, weil die alten sie nicht mehr weiterbrachten. Turin gab ihr recht.

          Kati Wilhelm: 20 Jahre Wettkampferfahrung bei 33 Jahren Lebensalter

          Im vergangenen Winter war es kein Ortswechsel, sondern ein neues Team, das ihr neue Impulse verleihen sollte: Odd Lirhus, der Norweger als Technik-Coach, Andreas Stitzl, der ehemalige Biathlet, verantwortlich für das allgemeine Training. Alles in Absprache mit Bundestrainer Uwe Müßiggang, der seiner ältesten Athletin eine Teilautonomie zugesteht: „Die hat sie sich verdient.“

          Dieser eigene Weg hat ihr nach acht Jahren ohne WM-Titel im vergangenen Februar in der südkoreanischen Olympiabewerberstadt Pyeongchang gleich zwei Goldmedaillen eingetragen - und Platz zwei im Gesamt-Weltcup. „Es war ja die Idee, die Änderungen schon letztes Jahr anzugehen, weil man dann im Olympiajahr nicht das Risiko eingehen muss, etwas Neues zu versuchen. Und weil es gut lief, bin ich das so weitergegangen.“

          Sie beherrscht die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen

          Es ist der Mut zu Veränderungen, der Kati Wilhelm, die schon manches Mal im Schatten ihrer kaum weniger erfolgreichen Teamkolleginnen gestanden hat, immer wieder ganz nach oben bringt. Und die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Es ist zudem bemerkenswert, dass ausgerechnet die frühere Skilangläuferin am meisten an ihrer Lauftechnik und ihrer Spritzigkeit feilt. „Deswegen habe ich Wert auf die kürzeren, intensiveren Einheiten gelegt.“

          Gerade für diese Zwecke passt die neue Skihalle in Oberhof bestens ins Programm. Nach dem ersten Schnuppertraining im Juni/Juli hat Kati Wilhelm für sich gleich beschlossen, den für Oktober geplanten Gletscher-Lehrgang auf dem Dachstein nach Oberhof zu verlegen. Und der Rest des Teams - inklusive Bundestrainer - schloss sich an. „Es ist eine Supersache. Kein Reisestress, kein schlechtes Wetter. Man kann laufen, Ski testen, Techniktraining machen, die Runde ist ja auch sehr anspruchsvoll“, sagt Kati Wilhelm, die es über all die Jahre geschafft hat, sich im leistungsstärksten Biathlon-Team der Welt durchzusetzen.

          „Es hängt nicht alles an einer Person“

          Das bedeutet eine Menge Druck, und dass manch einer daran zerbrechen kann, hat der Selbstmord des Fußball-Nationatorhüters Robert Enke gezeigt. Natürlich hat man auch im Biathlon darüber gesprochen. „Ich meine, dass manche Leute besser mit Druck umgehen können als andere, ist logisch. Und dass einige auch daran kaputtgehen können und Hilfe brauchen, weiß man auch. Aber es ist halt immer die Frage: Geben die Betroffenen es zu, lassen sie sich überhaupt helfen?“, sagt Kati Wilhelm, die aber nicht glaubt, „dass bei uns eine jetzt unter Versagensängsten leidet“.

          Das hohe Niveau im Team bietet immerhin auch Vorteile: „Es fällt bei uns nicht so auf, wenn eine mal ein bisschen schlechter drauf ist. Es hängt nicht alles an einer Person. Weil wir fast immer jemanden haben, der die Kastanien aus dem Feuer holen kann.“ Bei Olympia war sie das meistens.

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