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Ferstl hadert in Kitzbühel : „Normal ist die Nummer 1 ganz klares Kanonenfutter“

  • -Aktualisiert am

Besserer Vorfahrer: Josef Ferstl hat Pech mit Startnummer eins. Bild: EPA

Skirennfahrer Josef Ferstl wird auf der Strecke seines größten Erfolgs durchgereicht. Und hadert nach Platz 36 im Super-G mit der Startnummer 1. Im Vorjahr hatte die noch Glück gebracht.

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          Das Rennen war gerade mal vier Minuten alt, da tönte der Stadionsprecher am Hahnenkamm schon mit Sensationslust in der Stimme: „Der Titelverteidiger ist entthront.“ Josef Ferstl, Vorjahressieger des Super-G von Kitzbühel, hatte mit Startnummer 1 eine Zeit von 1:16,71 Minuten vorgelegt. „Unter den Wolken“ von den Toten Hosen kam zur Untermalung aus den Lautsprechern an diesem strahlend blauen Wintertag. Doch Ferstl hatte eher das Gefühl: „unterirdisch.“ Wie schon der gesamte Saisonverlauf. Dabei sollte Kitzbühel eigentlich der Schlüssel zum Neuanfang sein. „Ich habe gute Erinnerungen, die kann ich hervorholen“, erinnerte er an seinen Coup von 2019.

          An seiner verhaltenen Reaktion im Ziel konnte man aber schon ablesen, wie er seine Performance einschätzte. „Über die Hausbergkante habe ich zu viel riskiert“, analysiert er später. „Und in der Traverse, wo ich letztes Jahr so genial gefahren bin, da hat es mich zu sehr runter gedrückt.“ Sein Fazit praktisch noch während der Fahrt: „Ich verliere den ganzen Speed, und da ist das Rennen vorbei.“ Den Sonnenplatz des Führenden, den Ferstl im Vorjahr ebenfalls mit Startnummer 1 bis zum Schluss behielt, musste er diesmal schon nach dem nächstbesten Fahrer räumen. Der Österreicher Christian Walder war eine gute halbe Sekunde schneller unterwegs, und da deutete sich schon an: Das wird nicht nichts mit einem guten Resultat, das endet in einem Debakel. Ferstl wurde auf der Strecke seines größten Erfolgs durchgereicht, und es dauerte exakt eine Stunde, bis überhaupt ein Fahrer ins Ziel kam, der langsamer war: für den Slowenen Klemens Kosi, Startnummer 27, zeigte die Uhr 1:17,77 an.

          Ärger über Startnummer

          Am Ende belegte Ferstl beim Sieg des Norwegers Kjetil Jansrud (1:14,61) mit 2,10 Sekunden Rückstand den 36. Rang. Platz zwei teilten sich Jansruds Teamgefährte Aleksander Aamodt Kilde und der Österreicher Matthias Mayer (beide +0,16 Sekunden). Bester Deutscher wurde Andreas Sander als Achter (+0,99). Thomas Dreßen hatte 1,51 Sekunden Verspätung, belegte den 17. Platz und analysierte deftig, er sei „einen Scheißdreck zusammengefahren“. Doch Ferstl, der Speedfahrer vom Skiclub Hammer, war der Schlechteste der fünf Deutschen, noch hinter Romed Baumann (22./+1,65) und Dominik Schwaiger (31./+1,99).

          Schon vor dem Rennen hatte er über seine Startnummer geschimpft, die er trotz der positiv besetzten Erinnerung an 2019 nicht als gutes Omen bewerten konnte. Im Super-G gilt der erste Starter als besserer Vorfahrer, da es keine Trainingsfahrten gibt, sondern nur eine Besichtigung. Oft erscheint dann aber die vermeintlich beste Linie als doch nicht zielführend. Die späteren Starter können reagieren und genießen einen klaren Wettbewerbsvorteil. „Dass du mit Nummer 1 einen Super-G gewinnst, passiert unter tausend Starts einmal“, sagte auch der deutsche Alpinchef Wolfgang Maier nach dem Rennen: „Normal ist die Nummer 1 ganz klares Kanonenfutter.“ Wenigstens zog ein Teamkamerad einen Vorteil aus Ferstls verpatzter Fahrt: Andreas Sander, Startnummer 12, hatte zugesehen und danach „kurz Funkkontakt“ mit Ferstl gehabt: „Er hat mir ein paar Tipps gegeben. Davon konnte ich bisschen profitieren.“

          Der Kitzbühelsieger von gestern fährt dagegen weiter deutlich hinter den Erwartungen her. Der 14. Platz in der Abfahrt von Lake Louise zum Saisonauftakt ist sein bislang bestes Resultat. Ansonsten pendelt er zwischen Rang 21 und 47, mit der Abfahrt von Wengen als negativem Höhepunkt. „Ich weiß, dass ich Skifahren kann“, hatte er vor dem Kitzbühel-Wochenende fast schon beschwörend gesagt: „Ich muss mich in die Schwünge reinarbeiten.“ Zuletzt habe er oft das Gefühl, „eher runterzufahren, als richtig zu attackieren“. Den Handbruch, den er sich im Oktober beim Riesenslalom-Training zugezogen hatte, will er nicht als Ausrede gelten lassen: „So dramatisch ist das nicht.“ Eher fehle ihm die Selbstsicherheit, so dass er schon während der Fahrt quasi auf einen Patzer wartet, der ihn zurückwirft – so wie diesmal in der Traverse. „Ich bin sehr sensibel, wenn Kleinigkeiten nicht passen. Dann hängst du in der Scheiße.“

          Ferstl ist auf der Streif groß geworden, und er ist hier durch die harte Schule gegangen. Sein Vater Sepp Ferstl ist ebenfalls ein Kitzbühel-Gewinner, er hatte sich mit zwei Abfahrts-Siegen 1978 und 1979 in die Geschichtsbücher eingetragen. Die ewigen Vergleiche nervten, bis der Junior 2019 nachziehen konnte. Schon als der kleine Josef „Pepi“ Ferstl sechs Jahre alt war, hat ihn sein Vater zum ersten Mal die Streif runter fahren lassen. Was heißt fahren: rutschen. „Ich hab geplärrt, geflennt, geweint“, erinnerte sich der heute 31-Jährige. „Und dann stehen wir am Hausberg an der Traverse. Und er sagt: ‚Ja, fahr halt da runter, da unten ist der Tiefschnee, da kriegste Grip’.“ Und dann versuchte der kleine „Pepi“ da runter zu rutschen, wollte Traverse fahren, hatte natürlich keine Chance. „Und irgendwann bin ich ganz unten im groben Schnee zum Stehen gekommen. Unter Tränen.“ So schlimm war es diesmal nicht. Aber viel besser fühlte er sich im Ziel auch nicht gerade.

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