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Interview : „Ich kann nicht im Bett liegen und warten, bis die Form kommt“

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Jens Weißflog war lange das Maß aller Dinge im Skispringen Bild: picture-alliance/ dpa

Der Skisprung-Olympiasieger Jens Weißflog spricht im F.A.Z.-Interview über die Bedeutung des Einklangs von Kopf und Körper und warum es im Skispringen normal ist, nach einem Weltklasse-Jahr zum Mitläufer zu mutieren.

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          Im F.A.Z.-Interview spricht der ehemalige Skisprung-Olympiasieger und vierfache Vierschanzentournee-Sieger Jens Weißflog über die Bedeutung des Einklangs von Kopf und Körper und warum es im Skispringen normal ist, nach einem Weltklasse-Jahr zum Mitläufer zu mutieren.

          Man fliegt immer nur so weit, wie man im Kopf schon ist - haben Sie mal gesagt. Können Sie sich vorstellen, worüber sich Martin Schmitt gut eine Woche vor Eröffnung der Olympischen Spiele den Kopf zerbricht?

          Ja, klar. Es ist so, daß bei ihm die Bewegungsmuster überhaupt nicht festgefügt sind, so daß er sie abrufen könnte. Deshalb ist er nicht erfolgreich.

          Und warum denkt er nicht daran, am Wochenende beim Weltcupspringen in Willingen zu starten und für Olympia zu üben?

          Es gab da wohl gewisse positive Ansätze im Training, auch beim Springen in Zakopane. Das will man jetzt festigen. In Willingen, da macht man drei Probesprünge, die Qualifikation und dann den Wettkampf. Er käme also an drei Tagen zu neun Sprüngen - wenn es gut geht und er überhaupt in den zweiten Durchgang kommt. Im Training kann man doch mehr machen.

          Im Fernsehen schaut das immer ganz leicht und bei allen irgendwie gleich aus: Anschieben, die Schanze runtersausen, am Schanzentisch abdrücken, lang machen und die Ski zum Victory-Zeichen spreizen. Was macht denn den Unterschied zwischen schlechten, guten und ganz guten Springern aus?

          Jeder, der dort startet, gehört schon zur Weltspitze, und ob ich Erster oder Fünfzigster bin, das liegt oftmals gar nicht so viel auseinander. Die Unterschiede sind für den Laien auch nicht erkennbar...

          ...deshalb frage ich ja.

          Auch die Trainer müssen das Videobild zu Hilfe nehmen - außer es sind grobe Schnitzer, die man sofort sieht. Die Feinheiten muß man an der Aufzeichnung studieren. Denn der Bewegungsablauf ist dort, wo er entscheidend ist, in einer so hohen Geschwindigkeit, daß das menschliche Auge immer nur die Wirkung sieht, aber nicht die Ursache. Der Trainer kann sich aber schon manches denken, weil der Springer meist die gleichen Fehler macht.

          Sie als Experte sehen die Weite doch sicher schon vor der Landung voraus, oder?

          Hm, nicht in jedem Fall. Also man sieht den Sprung und sagt: Der geht oder der geht nicht. Aber ich kann auch nicht sagen, der Sprung geht auf 120 oder 125 Meter.

          Bekommt der Springer überhaupt etwas von seinen Fehlern mit? Oder hängt er völlig in der Luft, bis er wieder Boden unter den Füßen hat?

          Auf Grund der vielen Erfahrungen kriegt man schon gefühlsmäßig mit: Welche Höhe habe ich, wie ist der Druck unterm Ski, unterm Körper. Die Windeinflüsse sind immer noch stark, deshalb brauche ich trotz eines guten Sprunges auch etwas Glück. Mittlerweile ist es so, daß viele einen guten V-Stil springen, doch Körperlage und der Anstellwinkel des Ski sind in der Luft entscheidend. Das sieht zwar alles relativ gleich aus, was die da machen. Aber fünf Grad mehr nach vorn geneigt oder fünf Grad mehr Anstellwinkel, sind halt Welten. Und wer kann fünf Grad noch fühlen? Keiner!

          Kann man das nicht trainieren?

          Im Training kann man das vielleicht. Viel Training braucht man, damit das vom Bewußtsein ins Unterbewußtsein kommt. Und dann ist das auch noch das Problem des Wettkampfes. Da ist man dermaßen unter nervliche Anspannung gesetzt, daß man nur sehr schwer bewußt Einfluß nehmen kann auf die Dinge, die man richtig machen will. Entweder man schafft es, diese Muster abrufen, wenn sie richtig gespeichert sind. Oder nicht. Im Training habe ich jedenfalls diese nervliche Belastung nicht.

          Wo können selbst Könner überall Fehler machen?

          Das Hauptkriterium für die Qualität eines Sprunges ist eigentlich der Absprung und der Übergang in den Flug. Dort passiert die größte Aktion. Ich habe eine relativ statische Anfahrt, dann kommt die Bewegung, und dann habe ich wieder einen starren Flug. Bei rund 92, 93 Stundenkilometern habe ich so 29 Meter pro Sekunde drauf. Und das muß man sich mal vorstellen: 29 Meter nach vorne pro Sekunde! Und was entscheidend ist, das passiert innerhalb von vielleicht 15 Metern.

          Neben den körperlichen Voraussetzungen spielt das Material eine große Rolle. Das leuchtet beim Abfahrer noch ein: Der trägt hautenge Anzüge, die wenig Widerstand bieten sollen, ist auf die Länge und Taillierung der Ski angewiesen, auf das richtige Wachs, einen "schnellen" Schnee. Wovon ist der Skispringer abhängig, außer von sich selbst?

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