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DEL-Klub Iserlohn Roosters : Kanadische Note im Sauerland

  • -Aktualisiert am

Brooks Macek fürht die deutsch-kanadische Fraktion in Iserlohn an Bild: Picture-Alliance

Deutsch-kanadische Talente machen die Iserlohn Roosters zum Spitzenklub in der Deutschen Eishockey-Liga. Das sie dort ihre Chance bekommen, liegt auch daran, dass Puck-Qualität aus Deutschland häufig schlicht zu teuer ist.

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          Aufstrebender Mittelstandsklub sucht talentierten kanadischen Nachwuchsspieler mit folgenden Qualifikationen: technisch gut ausgebildet, lernwillig, geduldig, bezahlbar, deutsche Vorfahren wünschenswert. Würden Eishockeyprofis mittels Stellenanzeigen rekrutiert, so oder ähnlich lauteten die Einstellungskriterien der Iserlohn Roosters. Exakt in dieses Anforderungsprofil passt, wie sich erwiesen hat, Brooks Macek.

          Trainer Jari Pasanen spricht von seinem Stürmer als „Prototyp“ jener Sorte Spieler, „die wir suchen“, maßgeschneidert für die Bedürfnisse seiner „Hähne“. Macek, geboren und aufgewachsen in der kanadischen Stadt Winnipeg, Enkel eines deutschen Auswanderers, kannte bis zu seinem 21. Lebensjahr Deutschland nur von der Landkarte. „Es war etwas komisch, als ich hierher kam“, sagt er auf Englisch; mit der deutschen Sprache tut er sich noch schwer.

          Den Bundestrainer beeindruckt

          Kaum zweieinhalb Jahre später wird der 23-Jährige in der deutschen Nationalmannschaft debütieren. Der neue Bundestrainer Marco Sturm hat ihn für den Deutschland-Cup nominiert. Macek hat Sturm offenkundig beeindruckt - lange vor seinem Viererpack beim 7:5 kürzlich gegen Augsburg. Der Deutschkanadier und die Roosters, das ist derzeit die Erfolgsgeschichte der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Inmitten der Favoritenschar der DEL, die sich bis auf den schwächelnden Vorjahresfinalteilnehmer Ingolstadt in der oberen Tabellenhälfte drängt, halten sich beharrlich die zweitplazierten Iserlohner. Hätten sie nicht jüngst wiederholt einen Zwei-Tore-Vorsprung gegen Spitzenreiter Nürnberg verspielt und verloren, stünden sie - mit einem oder zwei Spielen weniger als die Konkurrenz - sogar ganz oben.

          Ein Erfolgsfaktor sind Iserlohns Kanadier mit dem gewissen Etwas: einem deutschen Pass. Neben Macek hat sich Dylan Wruck ligaweit einen Namen gemacht. Er wurde in der vorigen Saison mit 22 Jahren zum Rookie des Jahres in der DEL gekürt, nun allerdings von einer schweren Schulterverletzung jäh gestoppt. Im Sommer ergänzten in Chet Pickard eine Neuerwerbung für die Torhüterposition und der 23 Jahre alte Stürmer Brad Ross die mittlerweile acht Mann starke deutsch-kanadische Fraktion.

          Jahr für Jahr bekommt Karsten Mende, zuletzt ausgezeichnet als Manager des Jahres, derlei Geheimtipps von früheren Weggefährten. Mehr denn je profitieren Trainer und Mannschaft vom Netzwerk, das Mende in seiner fünfzehnjährigen DEL-Tätigkeit in Iserlohner Diensten über den Atlantik gesponnen hat. Die kanadische Note - gewissermaßen in der DNA des Klubs angelegt, waren es einst kanadische Soldaten, die ihren Nationalsport im Sauerland etablierten - ist unverkennbar. Wie kein anderes Team setzt Iserlohn auf Nordamerikaner, die neben dem Ahornblatt auch einen deutschen Zweig im Stammbaum haben. Sie fallen nicht unter das Ausländerkontingent; maximal neun Profis ohne deutschen Pass dürfen in der DEL eingesetzt werden. Ein kalkuliertes Ausreizen der Liga-Restriktionen und ein kreativer Weg, die Ausländerbegrenzung zu umgehen.

          Jari Pasanen wägt für einen Moment seine Worte. Er will es anders ausdrücken: „Ob jemand Eishockey in Kanada oder in Füssen gelernt hat, macht für mich keinen Unterschied.“ Häufig verpflichteten die Iserlohner ihre Kanadier mit doppelter Staatsangehörigkeit direkt aus einer der Juniorenligen, betont Pasanen; so wie Macek, der 2013 von den Calgary Hitmen aus der Western Hockey League kam. Keine Mittzwanziger von der Resterampe der National Hockey League, soll das wohl heißen. Deutsche Nationalspieler, sagt der finnische Trainer, seien für seinen Klub schlichtweg nicht erschwinglich. Stattdessen könne man „auf diesem Weg Nationalmannschaftsqualität bekommen“. Mende bezeichnet es als „unseren Weg, Erfolg zu haben“.

          „Deutsche zweiter Klasse“?

          Die Ligaleitung nimmt es gelassen zur Kenntnis. „Das ist grundsätzlich kein neues Phänomen, es wird nur derzeit in Iserlohn durch den Erfolg sehr augenscheinlich“, sagt DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke. Zwar dürfe diese Praxis nicht als „Ersatzmittel für Jugendarbeit“ herhalten, zu „Deutschen zweiter Klasse“ könne und werde man aber auch niemanden machen.

          Puck-Qualität aus Deutschland kann sich oft nur leisten, wer - wie Nürnberg, München, Köln, Hamburg - über das entsprechende Budget oder eine Nachwuchsschmiede wie Berlin und Mannheim verfügt. Andernfalls bleibt nur, die Anlagen eines jungen Spielers früher als alle anderen zu erkennen. So war es bei Marko Friedrich. Den 24-Jährigen umgarnte Mende schon Jahre vor dessen Wechsel vom Zweitligaverein Ravensburg nach Iserlohn. In seinem zweiten DEL-Jahr ist Friedrich eine feste Größe - aber auch ein Einzelfall. „Ein absoluter Glücksgriff“, sagt der Manager. Regelmäßig aufgeboten werden überdies nur zwei Eigengewächse: Dieter Orendorz und Marcel Kahle.

          Angetan von den Kanadiern in Iserlohn: Trainer Jari Pasanen
          Angetan von den Kanadiern in Iserlohn: Trainer Jari Pasanen : Bild: Picture-Alliance

          Für zugewanderte Teamkollegen wie Brooks Macek bleibt Iserlohn häufig eine Zwischenstation. Nach wenigen Jahren müssen die Roosters ihre Emporkömmlinge ziehen lassen, es locken dann größere Verträge. So lief es zuletzt mit zwei anderen Deutschkanadiern: Brent Raedeke, der in Iserlohn wie Macek zum Nationalspieler reifte und von Mannheim abgeworben wurde; und Verteidiger Sean Sullivan, den es nach Hamburg gezogen hat. Auch Macek, so die an Gewissheit grenzende Befürchtung, wird man nicht halten können. „Er steht wahrscheinlich bei jedem anderen potenten DEL-Klub auf der Liste“, sagt Mende.

          Macek und Co. wollen ihren Siegeszug Richtung Play-offs ungebremst fortsetzen. Der Ligabetrieb ruht nach dem kommenden Wochenende wegen des Deutschland-Cups für eine Woche. Manager Mende wird derweil durch Nordamerika reisen. Längst stehen neue, unbekannte Namen aus den Tiefen des nordamerikanischen Eishockey-Reservoirs in seiner Mappe, von denen er sich selbst ein Bild machen will.

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